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Ost und West · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. Seite 329 - 330

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Literarische Rundschau
Date
1908-05-01
Page
Seite 329 - 330 (sequence 2)
Language
German
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329 Literarische Rundschau. 330 nahe daran gewesen, sich nicht nur der abgelebten, morschen Fetzen, sondern der ganzen Eigenart seines Wesens zu entäussern. — Da ward ihm ein zwiefaches Halt befohlen: einmal von den eifersüchtigen Wächtern europäischer Kassenreinheit und dann von dem erwachenden Selbstgefühl der jüdischen Volksseele. Die Katastrophe, die vor einem Vierteljahrhundert die Juden Osteuropas aus ihrer Lethargie aufscheuchte, war grausam in ihrem Beginnen, aber heilsam in ihren Wirkungen für die Zukunft. Mit Blut und Tränen war der Boden bewässert worden, aus dem der Freiheitsdrang des jüdischen Volkes hervorsprosste. Ein unaufhaltbarer Strom jüdischer Massen ergoss sich in die westlichen Länder, besonders in die Staatsgebiete englischer Zunge, und befruchtete allenthalben den im Welken begriffenen Geist des Judentums. So erwuchs aus diu'Drachensaat russisch erBrutalität ein neues, ungeahntes Leben, das zunächst im Osten selbst in einer vielversprechenden Literatur einen kraftvollen Ausdruck fand. In den westlichen Ländern dos Kontinents war man den neuen Ideen nicht sofort gewachsen. Die Furcht, dass man den glücklich errungenen Anschluss an die höhere Kultur wieder verlieren könnte, machte misstrauisch und erregte Widerspruch. Es entstand eine Gegenströmung, die sogar in dem schönen Schrifttum zu Wort kam. Indessen hatte aber auch das verjüngte Juda hier seine Dichter gefunden, zumal unter dem jüngeren Geschlechte, dem das Erwachen des jüdischen Gedankens die Erlösung der eigenen Individualität bedeutete. Ihn» gab das wiedergefundene Judentum die geläuterte Weltanschauung, die es aus einem unklaren Kosmopolitismus zu einem bewussten Staminesstolz führte und aus Zwittergestalteu Einheitgeschöpfe machte. J Uesen Dichtern wurde das Judentum eine persönliche Herzenssache, und ihr Ausdrucksinittel war daher die persönlichste Form der Poesie, die Lyrik. Eine Ausnahme bildet der in London lebende Israel Zangwill, der einzige bedeutende Epiker jungjüdisclier Richtung. Er konnte ein gemächlicher Erzähler werden, weil er bei aller Anhänglichkeit an das Judentum von Schwärmerei frei blieb und seine kühle Ruhe bewahrte. Obwohl er es liebt, sich als the dreamer of the Ghetto zu bezeichnen, wird seine Träumerei «loch ganz gewaltig durch seinen Verstand gezügelt. Er ist Dichter und Kritiker zugleich. — Das Ghetto, wie er's in London und New York kennen gelernt hat, gab ihm eine Fülle verlockender Probleme. Und die Seelenschicksale dieser Menschen, die halb noch Sklaven, halb schon Freie waren, lösten in dem Herzen des jüdischen Dichters wundersame Stimmungen aus. Aber Zangwill begnügt sich nicht innner damit, das Gesehene und Empfundene naiv wiederzugeben, sondern er kritisiert gelegentlich. Kr tadelt gewiss«4 eingeborene Sitten und abergläubische Gewohnheiten, obwohl sie doch zum Gesamtbilde des Ghettocharakters gehören. Hier schiesst er über die Aufgabe des Künstlers hinaus und berührt das Gebiet des Pädagogen. Der Dichter aber soll, selbst wenn er belehren will, seine Absicht indirekt erreichen, und zwar dadurch, dass sein Werk auf das Gemüt des Lesers einen bestimmten Eindruck ausübt. Auch die Natur belehrt und warnt den Menschen nicht, sondern sie stattet ihn mit Erfahrungen aus, die dann als erkannte Wahrheiten erzieherisch wirken. Und der Künstler ist der beste Erfülle:1 seine)* göttlichen Sendung, der in der ewigen Natur sein Vorbild sieht. Indessen, diese kleine Schwäche kann Zangwills Bedeutung nicht herabsetzen. Er hat bereits durch seine früheren Werke, besonders durch die „Kinder des Ghetto"* und den „König der Schnorrer1 bewiesen, dass er nicht nur der beste jüdische Erzähler, sondern auch eine der hervorragendsten Erscheinungen der modernen Weltliteratur ist. Und sein jüngstes Buch, die als „Tragödien des Ghetto* gesammelten Skizzen, ist ein seinen Vorgängern ebenbürtiges Erzeugnis eines echten Dichtertalentcs. Zangwill entwirft in meisterhafter Plastik ein typisches Milieu, — sei es das Judenquartier Londons oder ein chassidisches Städtchen der Bukowina oder sonst ein Wohnsitz jüdischer Massen. Aber sein«' Gestalten sind keine photographierten Dutzendmenschen, keine Typen der Strasse, die ja nur als Repräsentanten einer bestimmten Gesamtheit interessieren können, sondern Individuen, deren Einzelschicksal fesselt und die Teilnahme wach hält. „Die in Dunkelheit wandelnu heisst eine, der Erzählungen und schildert das Leiden eines sehr intelligenten erblindeten Knaben. Die Eltern sind biedere Ghettoleute, die seit der Gehurt dieses einzigen Kindes gehungert und gespart haben — für ihren Liebling. Und er erblindet. Die berühmtesten Augenärzte der Welt werden befragt und alle geben nur die eine Antwort: Aussichtlos. Da fährt die Mutter auf den Rat einer fanatischen irischen Arbeitsfrau mit dem kranken Kinde zum „grossen Heiler", zum Papste nach Rom. — Das ist wahrlich nicht typisch. Es möchte unglaublich erscheinen, dass eine altfromme, die peinlichsten rabbinisclmn Vorschriften gewissenhaft befolgende Jüdin ihr Heil vom Haupte der katholischen Kirche erwartet. [ nd dennoch ist es wahr, dass sie zum Tapste geht. Die Vorgänge in der Seele dieser Mutter sind so folgerichtig entwickelt, so überzeugend herbeigeführt, dass sich die widernatürlich Pilgerfahrt der Jüdin als etwas Selbstverständliches ergibt. Dabei ist diese Erzählung ergreifend durch ihre Tragik und schön durch die Farbenpracht der Kleinmalereh Zangwill hat viel Freude an den bunten Bildern draussen in der lebendigen Natur. I\tit dem feinen Geschmack eines echten Künstlers enthüllt, er dem Auge den Zauber" der schäumenden See, die wilde h'omantik eisbehangener Felsen oder weite, gähnende Ebenen mit ihren ernsten, düsteren Bewohnern. Und selbst wo die Dichtungen einer Tendenz dienen sollen, sind sie so voller Naturschönheit, dass mau darüber die Absicht des Stuffes vergibst und einen ungetrübten (reniiss hat. — Die meisten der in «lern Buche vereinigten Skizzen sind tendenziös geartet, eine von ihnen, „Xoahs Arche", behandelt sogar ein politisches Problem. Sie hat eine geschichtliche Hegebenheit zur Grundlage, nämlich die ums Jahr 1.825 von dem amerikanischen Juden Mordachai Manuel Xoah angeregte (iründung eines Judenstaates in der Gegend von Buffalo. — Auch ein Tenden/niotiv kann kunstfähig sein. Nur möge es nicht geschehen, dass die Tendenz sich spreizt und wichtig tut. Sie darf wie jede Lehre, die eine Dichtung geben will, nicht plump in die Augen springen, sondern sie muss diskret vorühergleiten. gleichsam als der Schatten des dichterischen Spiels. Und wenn das Kunstwerk die Kraft besitzt, das Herz des Beobachters gefangen zu nehmen, dann wird auch die

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