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Ost und West · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. Seite 289 - 290

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Die Totenfeier für Charles Hallgarten
Date
1908-05-01
Page
Seite 289 - 290 (sequence 3)
Language
German
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289 Die Totenfeier für Charles Hallgarten. 290 tt» Weitere Kränze wurden noch niedergelegt vom Personal der Firma Hallgarten & Co. in New - York, vom Aufsichtsrat, den Chemikern und Beamten und Arbeitern der Farbwerke Mülheim, von der Witwen- und Waisenkasse des Frankfurter Stadttheaters, vom Bezirksverein gegen den Mißbrauch geistiger Getrfinke, vom Freien deutschen Hochstift und vom Hauspflegeverein, überreicht durch Dr. Ludwig Wertheimer. Die letzte Rede am Sarge hielt Pfarrer Battenberg: Ohne besonderen Auftrag, aus eigenem Antrieb komme ich, und doch, wie ich glaube, im Geist der Gemeinschaft, zu der ich gehöre. Wir wollen als Christen diesem edelsten der Juden unsern Dank und unsere Verhrung aussprechen. So wahr es ist, was wir hier so vielfach preisen hörten, daß er die Interessen der jüdischen Gemeinschaften mit Liebe und Tatkraft wahrgenommen hat, so gewiß ist doch auch seine Freiheit von der konfessionellen Engherzigkeit. Er wußte, daß Kern und Herzschlag aller Religionen die Liebe ist, und daß keine Konfession allein die Liebe in Anspruch nehmen kann. Ich weiß, wie er auch Christen gegenüber seinen Edelmut betätigte, selbst in Fällen, wo er befürchten mußte, offenen Undank zu ernten. Ein Vorbild der Toleranz besitzen wir in ihm, einen Trost, daß es in unserer zerrissenen Zeit noch Höheres gibt, als die Einseitigkeit der Konfession, nämlich reines, höheres, mutiges, liebevolles Menschentum. Dank dafür, daß du auch soviel Not in unseren Kreisen gelindert hast. Ruhe sanft, du guter Mensch \ Nun bewegte sich der Sarg, getragen von den Brüdern der israelitischen Grabgemeinschaft, zu der offenen Gruft. Fernab sang ein Chor von Bühnenangehörigen das Abschiedslied: „Herr, den ich tief im Herzen trage, sei du mit mir." In stiller Ergriffenheit umstand die dichtgescharte Menge der Leidtragenden die Grube, bis der Sang verklang. Dann taten die Schaufeln ihre Arbeit, und die zerpflückte letzte Blumenspende mischte sich in die Schollen. Zwischen dem Grabe, wo seine Gattin beigesetzt ist, Elise Hallgarten, und dem benachbarten Hügel seines Bruders Adolf, der in Wiesbaden gestorben und hier begraben ist. ruht nun Charles Hallgarten von seinem Lebenswerk aus. Auf dem Grabmal seines Bruders, das so einfcah ist wie der Denkstein, der die Ruhestätte seiner Gattin bezeichnet, steht geschrieben: ..Ein Mann voll Tatkraft und Nächstenliebe, der zärtlichste Sohn, der liebevollste Gatte, seinen Kindern das würdigste Vorbild. Ehre seinem Andenken Welches Wort wird reich genug sein, um dereinst auf dem Grabstein Charles Hallgartens dieses Mannes Wesen und Wirken recht zu rühmen? CHARLES L. HALLGARTEN. Von Friedrich X au mann. Diesen Mann gekannt zu haben, bedeutet für mich einen Gewinn meines Lebens, und deshalb folge ich der Aufforderung gern, über den Heimgegangenen einige Worte der Dankbarkeit und Erinnerung zu sagen. Der Verstorbene hat mir in einer der schwersten Zeiten meines öffentlichen Wirkens entscheidend geholfen, ohne dass ich von mir aus daran gedacht hatte, ihn um Hüte zu bitten. Yon da an hat sich ein persönlicher Verkehr entwickelt, der mich je länger desto mehr in seine Seele und in die Methode seines Arbeitens hineinschauen Hess. Tch habe manche sLille Stunde bei ihm gesessen und über fast alles mit ihm geredet, was an sozialen oder politischen Problemen unsere Gegenwart bewegt. Hallgarten war ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen und stand durch die Verwaltung seines bedeutenden Vermögens in beständiger Beziehung zu den verschiedensten Zweigen des industriellen und kapitalistischen Getriebes. Seine Hauptarbeit hatte sich in Nordamerika abgespielt: dort hatte er die Wechsel menschlichen Schicksais an sich selbst erlebt, hatte organisiert, gerechnet, Eisenbahnen gebaut, hatte Volkswirtschaft grossen Stiles erlebt und getrieben. Er kannte die Kräfte der modernen Entwicklung in zwei Erdteilen und war mit den leitenden Personen des wirtschaftlichen Gesellschaftssystems vielfach in direkten Beziehungen gewesen. Von da aus besass er einen Ueberblick, wie er durch blosse theoretische Stadien nie gewonnen werden kann. Er war kein theoretischer Volkswirtschaftler, Hess sich zwar gelegentlich gern etwas volkswirtschaftliche Theorie vortragen und hatte an Theoretikern wie Brentano und Sombart sein Wohlgefallen; aber seine volkswirtschaftlichen Ansichten formulierte er in oft sehr knapper und einleuchtender Weise für sich selber. Er hat die Wirtschaftskrisen meist sehr richtig in ihrem Kommen und in ihrem Verlaufe beurteilt. Im Gr unde war er Freihändler, wusste aber sowohl für Amerika wie für Deutschland auch gegenteilige Strömungen zu würdigen, wie er denn überhaupt eine Geduld in der gerechten Abwägung entgegengesetzter Meinungen besass, die mich oft in Verwunderung gesetzt hat. Sein Wirtschaftsideal war die freie Entfaltung aller verfügbaren Kräfte. Wiederholt hat er ausgeführt, welche ungeheuren Schätze und Werte sowohl im Boden der Erdkugel wie im Menschentum der zivilisierten und zivilisier baren Nationen noch der Aufer weckung warten. Insbesondere der Gedanke, dass der Mensch im Durchschnitt viel wertvoller gemacht werden kann, als es herkömmlicherweise geschieht, kehrte immer wieder. Der Mensch selbst ist das oberste Besitztum der Menschheit! Das ist der Satz, in dem sich bei ihm Volkswirtschaft, Politik und Wohltätigkeit berührten. Hallgarten war liberal. Er hielt nicht allzuviel vom Liberalismus als einem System von fertigen Lehrsätzen, aber er war als Person so sehr liberal, wie mir nur je ein Mensch vorgekommen ist Er war Kapitalist aber kein Interessenvertreter des Kapitals, sondern ein' Mann, der gelegentlich bis an die Grenzen des exakten Sozialismus ging in seiner Kritik der vorhandenen Kapitalmüehte. Jedenfalls stand er den Vertretern des sozialistischen Gedankens vielfach freundschaftlich nahe, und es haben bei ihm Sozialdemokraten immer als Menschen gegolten, deren Streben mindestens dieselbe Achtung verdient wie jede andere srute Tendenz. Mancher bekannte deutsche Sozialdemokrat wird mir dieses bestätigen können. Es haben sich in der Stube Hallgartens vielerlei Leute getrotten, Minister, Kirchen - rate, Rabbiner, Abgeordnete, Finanzleute, Literaten, Künstler. Männer, Frauen, Projektemacher und Notleidende, viele, die etwas von ihm haben wollten, auch solche, die nur sein Geld haben wollten und nichts sonst von ihm. Und in der Mitte dieser vielen Anforderungen sahen wir ihn immer ruhig, geduldig, klar im Zuhören und Antworten, ein Mann des Pfliehtbewustseins gegenüber den Aufgaben, die er sich selbst stellte. Manchmal ist er mir wie eine Art Beichtvater der Zeitsorgen vorgekommen. Er half vielen Leuten mit Geld, aber fast nie nur mit Geld. Immer dachte er erst selbst die Frage durch, die an ihn herangebracht wurde. Dass Hallgarten Jude war, war für ihn keine Nebensache, sondern ein Erklärungsgrund seines Wesens. Er selbst stand ja hoch über allen gewöhnlichen An-

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