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Ost und West · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. Seite 285 - 286

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Die Totenfeier für Charles Hallgarten
Date
1908-05-01
Page
Seite 285 - 286 (sequence 1)
Language
German
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285 286 DIE TOTENFEIER FUER CHARLES HALLGARTEN. (Bericht der Frankfurter Zeitung vom 22. April.) Ohne nutzlosen Prunk, wie sein Leben war, aber voll innerer Harmonie, voll ergriffener Teilnahme und an Bewunderung überreich — so ist heute Mittag die Beisetzung € h a r 1 e s Hallgartens gewesen. Die Friedhof ssitten des Judentums in ihrer schlichten Einfachheit wirkten dazu bei, daß dem Wunsche des Wesens des Toten ganz Geniige getan werden konnte durch Verzicht auf lautes Gepränge und übertriebenes äußeres Hervorheben des Wertes seiner Lebensarbeit. Der israelitische Ostertag verlangte, daß die strenge Sitte noch mehr als sonst schon innegehalten wurde. So sprach kein Rabbiner am Grabe, und es konnte deshalb auffällig erscheinen, daß u. a. zwei christliche Geistliche diesem Manne Grabreden hielten, der Zierde und Stolz seiner engeren Glaubensgemeinschaft gewesen ist. Alles fand sich aufs geeignetste zusammen bei diesem Abschied. Der graue Aprilhimmel selbst verklärte sich draußen auf dem Friedhof um die Mittagsstunde mit einigem durchschimmernden Sonnenlicht, wie zum Trost, daß doch der Welt das Gute das oberste Gesetz ist. Die Halle am Friedhofseingang war dicht gefüllt, und draußen harrte eine vielfach größere Menge, die dem werten Manne, dem Menschenfreund, der allen bekannt und teuer war. einen letzten Gruß zu entbieten kam. Hallgartens Sarg stand in der Halle aufgebahrt, ganz überdeckt mit Blumen, sodaß der stolze Lorbeer, das Symbol des Nachruhms, verschwand unter lauter Blumen, den Kindern des Frühlings, den Sinnbildern herzlicher Liebe. Rosen und Flieder, Hyazinthen und Narzissen und Schneebällen überwucherten den Katafalk. Das Wort nahm zuerst Rechtsanwalt Dr. Julius Blau zugleich für die jüdische Gemeindeund als ein Freund der Familie des Toten, sowie in Vertretung der jüdischen Kolonisationsgesellschaft. Er begann mit der persönlichenErinnerung an den Toten. Wer jemals Charles Hallgarten ins Auge schaute, der begegnete einem Lichtstrahl aus der Urheimat des Ideals. Wer mit ihm an werktätiger Menschenliebe mithelfen durfte, erfuhr eine Bereicherung seines Lebens, und Aver ins Innerste dieses Mannes schauen durfte, in dem klingt die Saite nach, solange Odem in ihm ist. Wir möchten verzagen, ohne ihn leben und arbeiten zu müssen. Noch ist der Schmerz zu groß, den ganzen Verlust zu ermessen. Die Not des Tages und die eiserne Pflichterfüllung müssen erst Ruhe in das Meer des Schmerzes bringen. Doch sollen wir heute schon zu verkünden suchen, was er der Welt gewesen ist: Ein Muster und Meister der Wohltätigkeit, die ihm als Krone des persönlichen Daseins galt. Ein Mensch, der seine außerordentlichen Geistes- und Charakterkräfte, sein ganzes Können, Streben und Wirken in den Dienst reiner Menschenliebe stellte. Und darum ein J u d e, wie Israels große Propheten den Begriff geprägt haben. Durch die Tat, das geloben wir an der Bahre, wollen wir sein Gedenken bewähren nach unseren schwachen Kräften. Dein Geist wird bei uns bleiben! Zieh hin in Frieden! O b e r b ü rgermeisterDr. A dickes: Im Namen der städtischen Verwaltung, dessen Armenamt Charles Hallgarten angehörte, und an deren Aufgaben er auch durch seine reichen Spenden für die Krankenhäuser und für die Stadtbibliothek mitwirkte, im Namen ferner der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, zu deren Beratern er gehörte und zugleich im Namen der gesamten Bürgerschaft lege ich diesen Kranz am Sarge des Bürgers Hallgarten nieder. Kein geborener Frankfurter war er, aber nie ist wohl jemand mit der Heimat seiner Wahl so verbunden gewesen wie Hallgarten. Hier in Frankfurt fand er einen Kreis von Männern, die ihn verstanden, die mit ihm eines Sinnes darin waren, daß Reichtum auch soziale Pflichten auferlegt. Ihm war es Herzensbedürfnis, wohlzutun und mitzuteilen. So wurde er einer der führenden Männer in allem, was Wohlfahrt heißt. Er hatte in Amerika gelernt, mit großen Verhältnissen zu rechnen. Organisierte Hilfe, nicht zersplitterte. lag ihm am Herzen. Die Tränen, die er getrocknet hat, das Gute, das er schuf, und das Schöne — denn auch für dieses hatte er hohen Sinn — wird ihn unvergeßlich bleiben lassen, seinen Namen und sein Tun! Ruhe in Frieden! Geheimrat Goldberge r -Berlin: Die A 11 i a n c e I s r a e 1 i t e Universelle, in deren Central-Comite du fünfzehn Jahre gearbeitet hast, sagt dir das Abschiedswort. Du warst von den Edlen der Menschheit und von den Großen unsrer Glaubensgemeinschaft. Dein Pulsschlag, dein Herz leitete uns zielbewußt und milde. Die Renaissance der Alliance in Deutschland hast du, jugendlich an Kraft, abgeklärt an Bedacht, mitzusehaffen. Du erglütest für das Kultur- und Schulwerk, das die Alliance in drei Erdteilen in fünfzig Jahren aufgebaut hat, für ihre Arbeit am moralischen Fortschritt und an der Befreiung der Glaubensgenossen. Nie sprachst du bei der Arbeit ein hartes Wort des Tadels. Du liebtest die Eintracht der Menschen. Aus der letzten Lebensarbeit, die bezweckte, harmonischen und organischen Zusammenschluß der jüdischen Gemeinschaf - i herbeizuführen, hat dich nun der Tod hinausgerissen. Ar. i Engelszungen könnten heute nicht trösten, nur verkünde *. daß dein Name hoch und heilig bleibt in der Alliance. für alle kommenden Geschlechter. Friede deiner Asche! Dr. Theodor Barth: Namens des V e r eins z u r A b w e h r d e s A n t i s e m i t i s m u s bringe ich diesen Kranz. In keinem Lande der Welt sind die Männer häufig, auch in Deutschland nicht, die den Idealen der Humanität- und der Gerechtigkeit mit innerem Anteil folgen. Charles Hallgarten hat seine Jugend in einem Land verlebt, das als die hohe Schule der Jagd nach materiellem Gewinn gilt, aber in diesem hastigen Treiben drüben gibt es eine stark ideale Unterströmung. Der Idealismus der Amerikaner trägt eine praktische Färbung. In Hallgartens Charakter war er mit dem mehr sentimentalen deutschen Idealismus auf das allerglücklichste verbunden. Er war die Seele unseres Abwehrvereins. Mit dem Gründer unseres Vereins, mit Heinrich Richert, freundschaftlich vereint, hat er am Grabe Richerts gesagt, daß der Grundgedanke unseres Abwehrvereins die bürgerliche Rechtsgleichheit sein und die Arbeit des Vereins beherrschen müsse. Da gab es auch für ihn keine opportunistischen Rücksichten. Er sagte mit dem Dichter: „Was habe ich, wenn ich nicht alles habe? Ist die Gerechtigkeit nicht eine einzige, ungeteilte?" Der Verein hat kein kostbareres Vermächtnis und wird in diesem Sinne seine weitere Arbeit einrichten. Das ist unser Dank und Gelöbnis. Stadtrat Dr. Flesch: Die Anstalten zur Linderung der Not und zur Förderung der sozialen Fürsorge legen durch mich Kränze am Sarge Hallgartens nieder. Seit mehr als 20 Jahren hat Hallgarten hier mitgearbeitet. Jede Anregung, die er gab, und empfing, verkörperte sich bei ihm zu einem Werk der Humanität. Wir stehen hier in der Nähe des Nordendbaublocks der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen. Dort eigentlich, in den Sälen dieser Lnternehmung, hätte unsere Feier gehalten werden können; denn nichts stand dem Herzen Hallgartens näher als die Besserung des Wohnwesens. Das Asyl für Obdachlose, das Arbeiterinnenheim, der Verein für Hauspflege, die Jugendfürsorge, die Armenpflege, die Bekämpfung der Volkskrankheiten, das Heim für erholungsbedürftige Kinder. — das sind alles Schöpfungen, die ihm ihre Existenz mit verdanken. Wir können hier nicht alle wohltätigen Vereinigungen aufzählen, an denen er mitgearbeitet hat. Aber w i e er mitarbeitete, darüber noch ein Wort. Nicht klügelndes Nachdenken war sein Ausgangspunkt, sondern ihm galt der Satz: ..Am Anfang war die Tat!" Das Übel an der Wurzel erkennen, dann die Hilfe üben, ohne Rücksicht nach oben oder unten, — das war seine Art zu arbeiten. Uns allen ist er durch seinen vorschauenden Gleist Lehrer und Berater geworden. Das Wort des Herolds im zweiten Teil des ,.Faust,? ist auf ihn anzuwenden.

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