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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 239 - 240

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
Die Jargonliteratur
Date
1908-04-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 7)
Language
German
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hr. Eliasi-hoff: IMr .lai-fvonlitoratur. 240 Pflanzung ausserhalb der typischen Grundquellen des ökonomischen Lebens zu suchen. Er war gezwungen überall zum Atypischen zu greifen. Das Atypische oder, psychologisch ausgedrückt, das Zufällige durfte für seine Assoziationsbahnen den Charakter des Zufälligen verlieren d. h. die letzteren mussten sich eine gewisse Toleranz für die Annahme des Atypischen angewöhnt haben, falls der Jude zur Entdeckung abseits liegender materieller Quellen gelangen sollte. Der Jude bekam deshalb die Psychologie der abenteuerlichen Naturen, er wurde zum Conquistadoren ähnlich einem Vasco de Gama oder Pizzaro nur mit dem Unterschiede, dass diese sich ein Mexiko eroberten, während jener nur einen winzigen Platz zwischen den Poren der Gesellschaft erhascht. Des Juden Mexiko ist von mikroskopischen Dimensionen, ist aber nicht leichter zu erobern. Die relative Toleranz zum Atypischen ist dem Genie wie dem maniakalischen Irresein gemeinsam. Ein Volkstamm, dem diese historisch aufgezwungene Toleranz fast zur Anlage wurde, musste den Mutterboden für alle möglichen Begabungen, Abenteurer und noch einen grösseren Prozentsatz für alle möglichen komischen und dummen Käuze bilden. Und eben diese Conquistadorennaturen, diese Abenteuerlichkeit im Wesen des Ghettojuden bei all seiner materiellen Gebundenheit, bei all den engen Formen seines Ghettodaseins, in dem auch das schönste Fest zum grauen Alltag wird, eben dieses bildet den zweiten komischen und tieftraurigen Gegensatz, auf dem Scholem-Aleichem seine humoristischen Erzählungen aufbaut. Die beiden Gegensätze werden so mannigfaltig durch Lebenstatsachen illustriert, lassen eine ungeahnte Menge von Variationen zu, dass Scholem Aleichem uns nie aufhört, amüsant zu sein. Und nicht nur amüsant. Denn wären diese Gegensätze nur etwas Zufälliges im jüdischen Leben, so könnten wir über die komische Situation, welche bei der Berührung eines Juden mit einer kulturfremden Welt entsteht, nur lachen, herzlich lachen, wie wir uns über den Bauer der Witzblätter, der in die Stadt kommt, amüsieren. Nun ist aber der Ghettojude trotz vieler nationaler gegensätzlicher Eigenheiten aus seiner Lebensnot gezwungen, alle Augenblicke in diese Lage zu kommen. Sein ganzes materielles Dasein ist eine endlose Kette so komischer Situationen, und die Humoristik eines Scholem Aleichem bekommt für uns einen bitteren Beigeschmack. Auch der zweite innerliche komische Gegensatz (wie aus dem Vorhergehenden leicht ersichtlich) ist etwas Konstantes, Typisches für die Ghettowelt. Menacliem Mendel aus Jehupez der abenteuerliche Held vieler Scholem Aleichemschen Humoresken ist eine ständige, leider nicht so leicht auszumerzende Figur des jüdischen Volkstums. Wie hat es doch Scholem Aleichem verstanden, uns den Gottesauserwählten, der stolz auf seine Talmudgelehrsamkeit und erhabene Kultur pocht, als den dummen, den bornierten, als den maniakalisch überschnappten lebenswahr zu zeichnen! Man müsste eine feine Analyse des Humors geben, wollte man den spezifisch jüdischen Humor in den Werken Scholem Aleichems genauer bezeichnen. Es genügt aber hier zti betonen, dass es ein lehrreicher und unvergesslicher Genuss ist, sich mit Scholem Aleichem, einem der hervorragendsten Humoristen der jüdischen Literatur, näher vertraut zu machen. * * * Abramowicz, Perez und S. Rabinowitz bilden einstweilen die höchsten Gipfel der Jargonliteratur. Ihnen reihen sich Talente zweiten Ranges an wie der treffliche Schatzkes, der gemütvolle J. Dienesohn, M. Spector und mehrere andere. Alle drei Vorhergenannten haben die frühere oder spätere Haskalahepoche miterlebt. Alle drei stehen ausserhalb der späteren national-jüdischen Bewegung. Nur einen Perez verknüpft ein näherer Zusammenhang mit manchen Stimmungen der modernen Zeit. Die weitere Entwicklung der Jargonliteratur wurzelt in den neueren Bewegungen innerhalb des jüdischen Milieus, hauptsächlich im Zionismus. Die zionistische Bewegung schuf eine ausgedehnte publizistische und agitatorische Literatur, brachte manche journalistische Talente hervor, ist aber noch zu jung, um auch eine künstlerische zu erzeugen. Auch die jüdische Arbeiterbewegung, die erst neueren Datums ist, kann sich nicht rühmen, ihre Dichter hervorgebracht zu haben. D. Pinski und M. Rosen fei d, die zuerst die unklaren Stimmungen der Klassengegensätze zu skizzieren versuchten, glitten bald von der ursprünglichen Richtung ab und reihen sich in die Schar derjenigen hebräischen wie jüdischen Dichter ein, deren Aufgabe es ist, der Sehnsucht nach einer nationalen Rennaissance Worte zu verleihen. Zum künstlerischen Ausdruck der Lebensnot der jüdischen Persönlichkeit, die zwischen eigenem Volkstum und fremden Kulturen ewig herumpendeln muss und die Qual erleidet, sich stets als Mischexistenz zu fühlen, ist die neue Richtung zu allererst berufen. Die ersten vielverheissenden Keime dieser neuen, man könnte fast sagen pränationalen Richtung, sind schon da. Die hebräische Literatur hat scho* jinen Feierberg, einen Bialik, einen Berdiczewski, die Jargonliteratur bereits die Novellen eines vielversprechenden jungen Künstlers: Ch. D. Na um berg und die des zarten knabenhaften Sch. Asch. * * * Durch den Zionismus entbrannte in der letzten Zeit in der jüdisch-literarischen Welt, wo die vielsprachigen Stimmen nicht immer harmonisch zusammenklingen, ein heftiger Meinungsstreit über die Zukunft des Jargons und der Jargon-Literatur, als einer National spräche und Nationalliteratur. Freilich ist nicht zu leugnen: keiner der von den Juden heute gepflegten Sprachen haftet so stark die Goluspsyche an wie dem Jargon, und manche konsequenten Zionisten möchten sich gern auf dem Wege nach nationaler Erlösung vom Jargon lossagen. Nun ist aber die jüdische Volkssprache wie jede andere: „la physionomie sonore du peuple" und die sonore Physiognomie ist nicht minder ein organischer Bestandteil des Volkes als die Physiognomie selbst. Schliesslich ist das nationale Sprachproblem theoretisch auf verschiedene Weise zu lösen. Der abstrakt denkende, schematisierende Geist eines Achad-Haam wird sich leicht für das hebräische entschliessen. Der mehr volkstümliche zugleich ästhetisierende Geist wird den Jargon indessen kaum mehr missen können.

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