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Ost und West · 1908-03-01 · Heft 3 (März 1908) · p. Seite 203 - 204

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 3 (März 1908)
Article
Vortrags-Zyklus
Date
1908-03-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 1)
Language
German
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203 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Vortrags-Zyklus. 204 Vortrags-Zyklus. In der zweiten Hälfte des Monats Januar und Anfang Februar haben die Herren Dr. Samuel Frankel und H e i n r i c h Fränk e 1 vom Berliner Lokalcomite, Sekretär Dr. Marie u s und der Geschäftsführer der deutschen Konferenz-Gemeinschaft M. A. Klausner einen Vortrags-Zyklus in B euthen O.-S., K a 11 o w i t z , Tarnowitz. Myslowitz, Breslau und Görlitz gehalten. Die Vortragenden, die ihre Hörer über Wesen und Wirken der Alliance aufzuklären sich zur Aufgabe gestellt hatten, fanden überall für ihre Darlegungen williges Gehör und begeisterte Zustimmung, deren Aufrichtigkeit sich in dem sofortigen Anschluß -an die Alliance kund gab. Wir lassen hier einige Berichte aus den Ortsblättern folgen. Das „Obcrschlesischo Tageblatt", in Kattowitz schreibt: . ,AVcr kennt sie nicht, diese große, das ganze Weltall umfassende Vereinigung, die jüdischer Hilfsgeist vor fast einem halben Jahrhundert gegründet, und in Humanität und Menschenliebe den verfolgten Glaubensbrüdern im Orient und in jüngerer Zeit auch in Rußland und Rumänien Hilfe und Zuflucht geboten hat? Alliance Israelite Universelle — dieser Name ist im Orient für das Judentum ein Kulturträger geworden. Die Alliance war es. die Schulen gründete, Lehrer anstellte, die das Licht europäischer Bildung und Kultur den armen Verzweifelten brachte, sie in ihrem Elend aufrichtete und durch geistige Waffen, die sie ihnen lieferte, durch Erziehung zu Ackerbau und Handwerk, wehrhafter, widerstandsfähiger machte. Über das Wesen und Wirken der Alliance Israelite Universelle sollte am Montag Abend im hiesigen Gemeindehause der Geschäftsführer der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft der A. I. U., Herr M. A. Klausner aus Berlin, sprechen. Leider war er durch Krankheit am persönlichen Erscheinen verhindert, dafür waren aus dem Berliner Vorstand die Herren Dr. Fränkel und dessen Vetter Herr Heinrich Frankel gekommen. Nachdem vom hiesigen Comite Herr Rechtsanwalt Reich die Tagung eröffnet, ergriff Dr. Fränkel zunächst das Wort. Die Alliance habe es von jeher als ihre traditionelle Aufgabe betrachtet, in der Stille zu arbeiten. Ihr Fortschreiten erkenne man am besten in ihrem Wirken gegen politische und soziale Unstimmigkeiten, denen die jüdischen Glaubensgenossen ausgesetzt sind. Jn den letzten Jahren sei die Alliance um 15 000—18 000 Mitglieder stärker geworden. So bilde sie ein Kriegslager ideeller, moralischer Waffen, dazu bestimmt, das Schicksal, das Los der Glaubensgenossen allüberall zu vertreten, zu verbessern. Leider habe der Referent des Abends, Herr Klausner, infolge Er- Das Lehrerseminar der Alliance Israelite Universelle in Auteuil bei Paris. (Schlafsaal)' krankung nicht abkommen können. An seiner Stelle werde Herr Heinrich Fränkel das Referat übernehmen. Vor fast einem halben Jahrhundert, so leitete Herr Heinrieh Fränkel ein, wnrde die Alliance ins Leben gerufen. Den Anlaß gaben 1840 in Damaskus die Greueltaten der fanatisierten Bevölkerung gegen die Juden. Ein Klosterbruder war ermordet worden, das Blutmärchen tauchte wieder auf, und der Haß gegen die jüdische Bevölkerung wiegelte zu entsetzlichen Metzeleien auf. Damaskus ist ein Kapitel in der Geschichte des jüdischen Duldertums, die so reich ist an Tränen. Drei Männer waren es, die gegen die Greueltaten von Damaskus an die Kulturwelt appellierten: Sir Moses Montefiore, Adolf Cremieux und Salomon Münk. Die Juden Englands, Frankreichs und Deutschlands, denen diese drei Männer der Nationalität nach angehörten, unternahmen eine große Hilfsaktion, die die Grundlage bildete für die Konstituierung der Alliance Israelite Universelle im Jahre 1SG0. Die Alliance war als internationale Schutzvereinigung gegründet und sie hat dieser Bestimmung stets getreu nach gehandelt: wo ein Jude litt seines Glaubens wegen, da trat die Alliance ein. Sie brachte den bedrängten Brüdern Licht und frisches Leben. Unvergleichlich ist das Schulwerk, das die Alliance geschaffen! Mitten unter feindlichen Nationalitäten hat sie das Bildungswerk oft aufgenommen. Ein streng religiöser Geist herrscht in den Alliance-Schulen; als ihre Aufgabe sehen sie es an, in rückständigen Ländern selbst die Zöglinge zu guten Menschen, zu guten Juden, zu guten Bürgern zu erziehen. Das Musterland der Alliance- Schulen ist Tunis. Durch sie wurden die Juden dort sozial gehoben, das ganze jüdische Familienleben wurde sittlich geläutert, in dem Bewußtsein von den unveräußerlichen Menscher rechten. Einen hohen Aufschwung nahm das Schulwesen der Alliance auch in Persien, Arabien und Syrien. Indem die Alliance-Schulen ihren Zöglingen wenigstens die Kenntnis einer europäischen Sprache vermittelten, öffneten sie ihnen das Fenster zur europäischen Kultur, machte diejenigen Juden auswanderungsfähig, die unter dem Druck der Knechtung nach europäischer Freiheit dürsteten. Allein auch diese ist in Europa den Juden nicht überall besclüeden. Zwanzig Jahre hatte die Alliance bereits gewirkt, als in Rumänien Judenverfolgungen ausbrachen, die an eine Wiederholung jener grauenhaften Szenen von Damaskus erinnerten. Und dann jene entsetzlichen, grausamen Judenverfolgungen in Rußland, dessen letzte Pogrome in Bialystok, Kischinew, Odessa, Siedice usw. usw. usw. noch in allzu frischer Erinnerung sind! Baron Hirsch, der große Philanthrop, hatte in den achtziger Jahren bereits für die russischen Juden, die Verfolgungen ausgesetzt, mit Beiwirkung der Alliance und der hierfür gegründeten Anglo-Jewisch Colonisation Association große Strecken zur Ansiedlung aufgekauft. Die Kolonisationsidee hat ihre glückliche Realisierung im Laufe der Jahrzehnte bewiesen. — In drei Erdteilen besitzt die Alliance nun 142 Schulen mit etwa 2000 Lehrkräften und etwa 45 000 Schülern. Handwerks-, Ackerbau-, Haus- Das Lehrerseminar der Alliance Israelite Universelle in Auteuil bei Paris. (Der Waschraum).

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