Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Konsistorial-Verfassung in Frankreich vom 17. März 1808
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583971-2597906--08098-2597965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
147 Dr. Simon Bernfeld: Die Konsistorial-Verfassung in Frankreich vom 17. März 1808. 148 Rechtsbewusstsein im französischen Volt, die Juden wurden gleichberechtigte Bürger in Frankreich und brachten gleich darauf den vollgiltigen Beweis dafür, dass sie die Bedeutung eines freien Vaterlandes zu würdigen verstanden. Was aber die Behandlung des Judentums betrifft, so konnte man von den Wortführern der Revolution, deren antireligiöse Tendenzen bekannt sind, nicht erwarten, dass sie etwa die jüdische Religion unter ihren besonderen Schutz nehmen würden. Freilich hatten die Revolutionsmäuuer sehr wenig Veranlassung, das Judentum zu bekämpfen, da dieses bescheiden und anspruchslos im Hintergrunde blieb. Instinktiv empfanden auch die wütigsten Jakobiner den grossen Unterschied zwischen einer Religion, die einundeinhalb Jahrtausende hindurch den Staat und die Völker beherrscht hatte, und dem Judentum, das in derselben Zeit sich im besten Falle mit einer geduldeten Stellung zufrieden gab. Aus der Zeit der Schreckensherrschaft in Frankreich wissen wir nur, dass die Juden Schwierigkeiten mit der Sabbatfeier hatten, und dass man ihnen den ausschliesslichen Genuss von Ungesäuertem am Pessachfeste verbieten wollte. Einem solchen Verbot wussten sie aber dadurch zu entgehen, dass sie die Freiheitsmänner auf die Bedeutung des Pessachlestes als eines Festes der Befreiung hinwiesen. So fehlte in diesem grossartigen geschichtlichen Drama auch nicht die Farce. Napoleon hat nach der Niederwerfung der Revolution in Frankreich den alten Staat nicht wieder hergestellt, sondern im Gegenteil viele Errungenschaften der Revolution konsolidiert und zu bleibenden Einrichtungen gemacht. Als er politischen Gründen die katholische Kirche aus wieder herzustellen erster Reihe darauf als Staatskircheinder Weise einzurichten, dass nicht etwa die Kirche den Staat, sondern der StaatdieKirche beherrsche. So schuf er die moderne Hierarchie in Frankreich als einestaatliche Institution. Die Idee der Gleichheit aller Bürgerund aller Kulten im Staate hatte unternahm, bedacht, den war er in Katholizismus Innenansicht des Tempels in der Rite Notre^Dame-de Nazareth in Paris, 1822. in der Revolutionszeit bereits tiefe Wurzel gefasst, so dass Napoleon, als er die katholische Kirche staatlich organisierte, darau gehen musste, auch der protestantischen Kirche und der Synagoge eine gleichartige Organisation zu verleihen. Natürlich hatte die katholische Kirche immerhin den Vorzug, dass der weitaus grösste Teil des französischen Volkes sich zu ihr bekannte Aber im Prinzip handelte es sich im modernen Frankreich nicht um die Konfession, sondern um die Religion, Lag es im Interesse des Staates, wie Napoleon annahm, die kirchlichen Institutionen unter seine Obhut zu nehmen, so musste dies mit allen Kulten geschehen, die in Frankreich Bekenner fanden. Indessen lag die Sache nicht so einfach, wie es scheinen mochte. Die Neuordnung der katholischen Kirche konnte Napoleon mit deren seit vielen Jahrhunderten auerkanntem und noch immer grosse Autorität geniessenden Oberhaupt durch das Konkordat vereinbaren. Er tat dies mit staatsmännischer Ueberlegenheit, indem er die Ansprüche und Interessen des Staates mit grosser Entschiedenheit vertrat. Bei der Regelung der religiösen Verhältnisse der Juden lagen die Dinge ganz anders. Eine jüdische Kirche als Machtfaktor hat es nie gegeben, eine Gesamtorganisation des Judentums, welche alle Glieder dieser Glaubensgemeinschaft umfassen sollte, war geradezu undenkbar; ein von allen Juden anerkanntes Oberhaupt in religiösen Fragen gab es seit nahezu einem Jahrtausend nicht mehr. Selbst wenn Napoleon nicht der gewalttätige Despot gewesen wäre, der er bekanntlich ja war, hätte er von keiner Seite Widerstand in der beabsichtigten Organisation der Staatssynagogen gefunden. Es handelte sich eben nur um die verhältnismässig geringe Zahl von Juden in Frankreich, denen man höchstens noch ihre Glaubensgenossen in Italien, Holland und in den Staaten des Rheinbundes zurechnen konnte. Immerhin war das nur ein kleiner Bruchteil der gesamten Judenheit, der Napoleon nur sovielentgegenzukom - men brauchte, als es ihm gerade beliebte. L j Ein zweiter wichtiger Umstand kam noch in Be-