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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. Seite 133 - 134

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Article
Leroy-Beaulieu über die europäische Einwanderung nach Amerika
Date
1908-02-01
Page
Seite 133 - 134 (sequence 2)
Language
German
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133 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Leroy-Beaulieu über die europäische Einwanderung etc. 134 kamen, ohne dass es ihnen je gelungen wäre, einen ersten Platz in der Handelswelt einzunehmen. „Ihr Juden," sagte vor ungefähr zwölf Jahren ein Bürgermerster von Brooklyn bei der Einweihung eines jüdischen Krankenhauses, „Ihr Juden habt viele gute Eigenschaften, Ihr versteht Euch aufs Geschäft, man behauptet sogar, Ihr habt das Handelsgenie — aber wir haben keine Furcht vor Euch: wo es darauf ankommt, Geld zu machen, ist der Yankee Euch doch über!" Das scheint auch heute noch zuzutreffen. Manche Juden sind ja reich geworden, viele behaupten eine angesehene Stellung in der Geschäftswelt und der Terrainspekulation; aber obgleich es ein oder zweigrosse jüdische Bankiers gibt, wie z. B. Herrn Schiff, gehört noch kein einziger Jude zu den bekannten Multimillionären der Vereinigten Staaten. Der grosse Strom der jüdischen Einwanderung datiert erst vom Jahre 1880, und die Erklärung dafür ist sehr einfach. Die Juden sind damals, besonders von Eussland und Rumänien, aus Europa und nach den Vereinigten Staaten getrieben worden. Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. verordnete Minister Ignatieff gegen die bereits unter Ausnahmegesetz stehenden Juden neue Massregeln, die unter dem Namen Mai-Gesetze bekannt sind. Die aus dem Innern des Landes vertriebenen und systematisch nach Polen gehetzten russischen Juden fingen an, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern. In Russland leben 5 bis 6 Millionen Juden, und sie sind dort Sondergesetzen und Einschränkungen aller Art unterworfen. Sie dürfen nicht auf dem platten Lande wohnen, dürfen keine Landgüter kaufen oder mieten. Sie dürfen ihre Kinder nicht nach Belieben in die Unterrichtsanstalten schicken; nur eine kleine, engbegrenzte Zahl wird zu den Gymnasien und Universitäten zugelassen, Es gibt noch eine grosse Eeihe vexatorischer Verordnungen, die eine ganz konfuse Gesetzgebung bilden. Es ist deshalb begreiflich, dass die Juden von einer solchen Regierung loszukommen versuchen. Denn es gibt noch neben den Ausnahmegesetzen die Aufstände und Attentate gegen die Juden, die Pogroms, die nach dem Zeugnis eines ehemaligen russischen Beamten, des Fürsten Urusoff, durch die russische Polizei begünstigt werden. Die beim Regierungsantritt Alexanders III. durch Ignatieff eingeführten Ausnahmegesetze hatten die Lage der Juden derart verschlimmert, dass eine grosse Zahl von ihnen, natürlich die unternehmendsten und intelligentesten, sich entschlossen, Russland zu verlassen. Obgleich unter ihnen Zionisten waren, die die Rückkehr nach Zion predigten, nahm doch die Mehrzahl der Auswanderer an, dass das neue Jerusalem, das gelobte Land der Zukunft, im Westen, jenseits des Ozeans zu finden wäre. So gehen seit 25 Jahren alljährlich tausende von Juden in New York ans Land; zuerst waren es 20 bis 25000, dann 30-40000; in den letzten Jahren schon 80-100000, und vom 30. Juni 1905 bis 30. Juni 1906 unter dem Druck der Plünderungen und Mordtaten in Südrussland beinahe 200000 Juden. Das ist in der Tat eine Art Exodus. Die genaue Ziffer der jetzt in den Vereinigten Staaten lebenden Juden ist nicht bekannt, sie wird wahrscheinlich schon anderthalb Millionen übersteigen. In New York allein werden es wohl beinahe 900000 Seelen sein, bald eine Million. Es ist ausserordentlich interessant, diese jüdische Bevölkeiung zu beobachten. Die Assimilation ist für sie bedeutend schwieriger, als für die christliche Bevölkerung. Die Religion bildet eine Art Scheidewand, obgleich in Amerika wie in Europa viele Juden es mit den Gesetzen Moses nicht mehr sehr ernst nehmen. Die Rabbiner der Vereinigten Staaten klagen sehr darüber, dass die israelitische Jugend den religiösen Geist verliere. Viele Juden verfallen in Agnostizismus und behalten nur noch einen gewissen Nationalsinn. Wie immer es sei — dasselbe New York, das vor 40 Jahren nur wenige Juden hatte, ist heute die erste jüdische Stadt der Welt. Die Juden leben hier in verschiedenen Stadtteilen, den Ghettos, wie man in Amerika sagt. Der Hauptstadtteil, den alle Fremden als Sehenswürdigkeit der Riesenhandelsstadt besuchen, ist East- Side, eines der niedriger gelegenen Viertel New Yorks, aus dem die russischen Juden nach und nach alle anderen Einwohner verdrängt haben. Das ist hier eine Art halborientalisches Jerusalem und Zion mit einer ganz besonderen Lebensführung; die Ladenschilder sind mit hebräischen Buchstaben gedruckt, die Verkehrssprache ist noch der Jargon — das sogenannte Jiddisch" —, eine Art Plattdeutsch, das mit hebräischen und slavischen Worten vermischt ist und dessen sich die Juden in Russland und Polen bedienen. Die Juden von East-Side haben ihre Klubs, ihre Zeitungen und auch ihre Theater, auf denen jüdische Schauspieler im Jargon geschriebene jüdische Stücke aufführen. Der Europäer ist überrascht, hier dem jüdischen Jargon zu begegnen, der in Europa als eine Art Dialekt angesehen wird und der sich hier im Herzen der grossen amerikanischen Städte eingebürgert hat. Man findet ihn wie in New York so auch in Philadelphia, doch wird er wahrscheinlich nicht mehr von langer Dauer sein; die Väter hängen an ihm, aber die Kinder pflegen ihn nicht mehr sehr lange zu sprechen, sie ziehen ihm die englische Sprache vor. Der Jargon wird nur noch so lange in Amerika leben, wie die jüdische Bevölkerung durch einen ständigen Zufluss neuer Einwanderer erhalten wird. Die jüdische Bevölkerung ist zum grössten Teil in New York und den grossen Städten des Ostens konzentriert. Das ist ein grosser Uebelstand für sie selbst und für die anderen. Deshalb sind auch die Juden in Europa und Amerika bemüht, zur Erleichterung der Assimilation ihre einwandernden Glaubensgenossen an anderen Punkten der neuen Welt landen zu lassen. Das ist be-

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