Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Die Opferung Isaks in der bildenden Kunst
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 91 - 92 (sequence 2)
- Language
- German
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91 G. Rutna: Die Opferung Isaks in der bildenden Kunst. 92 In der bildenden Kunst kommt das nur wenig zum Ausdruck. Sie wurde durch die dogmatisch dürre Auffassung beengt, die absolute Opferwilligkeit Abrahams sei allein und ausschliesslich Sinn und Schönheit der Erzählung. Nur wo in neuerer Zeit das Menschliche in der Kunst vorherrschend wurde, da war auch der biblische Herzenston vernehmbar. Von Anfang her war jedoch eine andere Auffassung bestimmend bei der Darstellung, die christologische Deutung. Die Opferung Isaks galt ja als das vornehmste Vorbild des Sohnesopfers und der Menschheitserlösung am Kreuz. Diese Auffassung wurde von Ambrosius und Augustin begründet und bis ins späte Mittelalter hinein durch exegetische und homiletische Beweismittel gestützt. Eine poetisch sinnige Symbolik ist den ersten Darstellungen der altcbristlichen Zeit in den Katakomben eigen. Abraham, meist ein bartloser Jüngling in der Toga, blickt nach oben, weist auf den Altar oder führt den Sohn zur Opferung. Das Kind trägt eifrig das Bündel Holz, breitet die Arme aus, steht auch (Trasone e S. Saturnino) betend neben dem lauschend hinausblickenden Vater. Gelegentlich stehen sie beide in der Haltung der Oranten neben einander, ohne dass die Opferung angedeutet ist. Doch auch wo diese dargestellt ist, hat sie mehr von der Stimmung einer wehmütig frommen Idylle als tragischen Charakter; und da alles im Grunde symbolisch gedacht ist, verwendet man die Szene bereits in dieser Zeit auch in rein ornamentaler Weise an Schmuckgegenständen und kunsthandwerklichen Erzeugnissen. Nicht so verhält sich etwas später die lyrisch gestimmte Wiener Genesis, sie vermeidet die Opferung überhaupt. Eine häufige Erscheinung ist die Opferung auf den altchristlichen Sarcophagen (dem des Junius Bassus wie auf späteren). Zuweilen ist da neben Abraham ein jugendlicher Mann, einmal (Sarcophag von Toulouse) sogar eine Frau sichtbar, über deren Bedeutung nur unbestimmte Vermutungen vorliegen. Statt des Widders steht ein Lämmchen seitlich und blickt zu Abraham auf, was aus der Auffassung, das Agnus Dei sei darin verkörpert, zu erklären ist. Lebensvolle Darstellungen bietet die frühchristliche Zeit im Cosmas Jndico pleustes (Vatican) mit dem einherschreitenden Isak und in S. Vitale in Ravenna. Beide zeigen dieBenediction der Gotteshand aus den Wolken. Abweichend von der allgemeineren Symbolik tritt Abraham auf dem Mosaik von San Apollinare inClasse bei Bavenna mit dem Knaben an den Tisch des Melchizedek, damit — gleich Abel mit dem Lämmchen — die Beziehung zum Mysterium des Abendmahls verkörpernd. Die typologische Paraieldarstellung beginnt bei der Opferung Isaks infolge der hohen christologischen Bedeutung dieses Vorbildes sehr früh, und alles was damit im Zusammenhang steht, ist gemäss der Auslegung der kirchlichen Literatur auch in der Kunst als sacrosanct hervorgehoben.*) Schon Beda erzählt, der Abt Benedict von Weremouth und Jarrow habe (685) aus Rom unter anderen Bildern der Concordantia Veteris et Novi Testamenti eine Darstellung des Holz tragenden Isak als Parallele zur Kreuztragung mitgebracht. Wegen dieser prototypischen Bedeutung wird der in der Bibel mit so edler Poesie geschilderte Gang nach Moriah auf den Glasfenstern der Kathe- *) So trägt eine Emailtafel in St. Stephan in Wien direkt die Umschrift: Plena micant signis: Aries, Abraham, Puer, Ignis (Alles erglänzt in Zeichen: der Altar, Abraham, das Kind, das Feuer). dralen (Chartres, Bourges, SteChapelle in Paris) wie in jüngeren Parallelcyklen (Armenbibel u. a.) dargestellt. Die christologische Beziehung ist dadurch verdeutlicht, dass Isak die Hölzer in Kreuzesform trägt, oder bei der Opferung selbst, indem Abraham zu dem oberhalb befindlichen Kreuze aufblickt. Die Beziehung ist jedoch ohnehin klar genug, auch wo Abraham mit dem Kind sich rein standbildlich den Heilsgestalten anreiht. Eine Elfenbeinarbeit in Berlin aus dem 4. Jahrhundert zeigt ihn so neben den Aposteln, das Haupt Isaks berührend, mit erhobenem Schwert, lauschend seitwärts gewendet. Eine vertraute Gestalt ist er in dieser Form unter den Statuen an den Kathedralen. Visionär ergriffen steht er unter seinen prophetischen Genossen in Chartres; flammend in lohender Vergeistigung dringt Blick und Wesen hinaus, weit in Zeitläufte und Erdenfernen. Aus unberührbar verschwiegener Höh langt er hinweisend über Generationen hinaus und weckt in der Sehnsüchtigkeit seines vorbildlichen Daseins Schauer und Seligkeit des Glaubens. Und das Kind steht bei ihm voll Ahnung und Willigkeit. Von derselben Art bietet die Gotik Beispiele in Reims, Senlis, Amiens und anderen Kathedralstädten. Mehr Betonung der Aktion, doch nur in Absicht einer hinweisenden Parallele bieten dann die illustrativen Werke der Concordanz (Altaraufsatz von Klosterneuburg, Armenbibel, Heils spie gel u. a.) In der Kirchenkunst ist diese Betonung der vorbedeutenden Uebereinstimmung heute noch üblich, man findet die Opferung Isaks dem Kreuzestod Christi gegenübergestellt, wie dies bei den im altchristlichen Stile gehaltenen Fresken Hippolyte Flandrins in St. Germain des Pres in Paris der Fall ist. Das hohe Interesse, das die kirchliche Kunst dem Gegenstand zuwandte, hielt in der neueren Kunst — nicht aber in der modernen — an, und wenn der kirchlich-religiöse Zweck das Bewusstsein auch minder beherrschte, so hatte doch die jahrhundertelange Behandlung viel formale Reize daraus schöpfen gelernt, und auch die Lebensfülle der biblischen Quelle wirkte auf die künstlerische Phantasie ein. Dies zeigt sich bei den Schilderungen der Wanderung zur Opferstatte. Zwar erreichen sie nicht die zarte Eindringlichkeit des Gefühlstons der Bibel, der nur in atemstiller Feinhörigkeit ausgekostet werden kann, aber sie bieten erzählerische Reize und stimmungsvolle Landschaften mit bedeutungsvoller figürlicher Belebung. Der Zug zum Novellistischen und Landschaftlichen macht sich bei dieser Szene durch die Miniaturmalerei sogar früher geltend. In Aelfrics angelsächsicher Paraphrase des Pentateuchs und Josuas aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts (Britisches Museum Cotton Ms. Claudius B. iv.) geht Abraham neben dem auf einem Maultier reitenden Isak mit zwei Knechten vorwärts, auf dem Bergweg trägt dann Isak das Bündel, Abraham nimmt das Schwert aus der Hand des Dieners und hält eine brennende Fackel. Oben zerrt er dann Isak beim Haar nieder und zückt das Schwert; das Lamm steht an einer Blattranke seitwärts, der Engel hält ein Buch in der Hand. Eine schöne Illustration der Vorgänge vor der Opferung findet sich unter den entzückenden Zeichnungen eines französischen Manuskripts aus dem 14. Jahrhundert im Britischen Museum (Eg. 1894). Feinsinnig stellt der Zeichner den spielenden Isak neben den Vater, der die Hand an die Stirn fasst und den Befehl Gottes hört, wodurch die Tragik dieser Anrede gesteigert wird. Dann geht Abraham mit Flamme und Schwert eilig den Berg hinan, zuletzt