Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Ein Moses Mendelssohn-Denkmal
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 79 - 80 (sequence 3)
- Language
- German
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79 Dr. Simon Bernfeld: Ein Moses Mendelssohn-Denkmal. 80 Gelehrter. In Frankreich und in England denkt man anders über diese Frage. Mendelssohn hat allerdings bewunderungswürdig klar und für jeden denkfahigen Menschen verständlich geschrieben, aber Salonion Mainion, der scharfsinnige Denker, hat ihn doch richtig eingeschätzt, wenn er von seiner Bedeutung als philosophischem Schriftsteller sagt, Mendelssohn habe zwar kein neues philosophisches System gegründet, doch wohl ältere Systeme tief erfasst und durch eigene philosophische Gedanken bereichert. Er hat unstreitig die philosophische Bildung im deutschen Volk viel verbreitet, das Interesse für philosophisches Denken erweckt und für seinen Teil reichlich dazu beigetragen, dem deutschen Volk den Ruhm eines Volkes der Denker und Dichter zu sichern. Seine Einwirkung auf die klassische Epoche der deutschen Literatur, die er zum Teil ja noch erlebt hat, braucht nicht erst nachgewiesen zu werden. Indessen, für das deutsche Volk war Mendelssohn wohl nicht einer unter Vielen — denn viele solche Männer hat die Geschichte der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts nicht aufzuweisen — aber auch nicht der Einzige in jener Epoche. Ist man nun in Deutschland über sein Andenken zur Tagesordnung übergegangen, so wird dieses Volksurteil wohl schwerlich einer Revision unterworfen werden können. Auch ein Mendelssohn-Denkmal wird daran kaum etwas ändern. Anders hingegen liegt die Sache bezüglich der Würdigung, die Mendelssohn in der Judenheit zu Teil wurde. Man braucht nicht erst daran zu erinnern, welche grosse Bewunderung Moses Mendelssohn zur Zeit, als er auf der Höhe seines literarischen Schaffens stand, in gebildeten jüdischen und christlichen Kreisen gefunden hat. Vieles davon wird man wohl auf seine Persönlichkeit zurückzuführen haben, von der ein eigener Zauber ausgegangen sein muss. Und dabei ist in Betracht zu ziehen, dass Mendelssohns Aeusseres und seine Stellung in der Gesellschaft gewiss nicht ein für ihn günstiges Vorurteil hervorgerufen haben. Die Frage ist aber nicht, wie er persönlich gewirkt hat} sondern was von ihm Erspriessliches für die Nachwelt geblieben ist. Man hat sich in jüdischen und noch mehr in christlichen Kreisen daran gewöhnt, Mendelssohn als Reformator des Judentums zu bezeichnen. Dieses vermeintliche Wirken wurde ihm hoch angegerechnet, und deshalb glaubte man, ihn zum Schöpfer einer neuen Epoche im Judentum machen zu müssen. Aber die religiöse Reform findet nicht nur Anerkennung, sondern sie ruft auch bei einem beträchtlichen Teil des jüdischen Volkes Widerspruch und Verurteilung hervor. Während reformfreundliche Juden Mendelssohn als Regenerator und Reformator des Judentums verehrten, verurteilten ihn konservative und national gesinnte Juden als Zerstörer des Judentums und als Assimilationsstreber. Das war sein Verhängnis. Mendelssohn hat nie daran gedacht, das zeremonielle Judentum aufzuheben oder auch nur zeitgemäss zu reformieren. Es ist ihm ebensowenig je eingefallen, das jüdische Volk durch die Assimilation zu vernichten. In allen seinen Schriften, wo er nur irgend Gelegenheit hatte, die Frage des Fortbestandes des jüdischen Volkes und des Judentums zu berühren, spricht er sich mit aller Entschiedenheit dafür aus. Mendelssohn war ein jüdischer Religionsphilosoph von sehr konservativer Gesinnung. Wenn er zwischen wesentlichem und nebensächlichem im Judentum zu unterscheiden wusste, so verfuhr er dabei nichtsdestoweniger äusserst vorsichtig. Denn vor allem lag ihm die Erhaltung des Judentums und das Fortbestehen des jüdischen Volkes sehr am Herzen. Er bekundete einen richtigen Blick für die religionsgeschichtliche Entwicklung des Judentums, wenn er das Dasein des Judentums als für die Ewigkeit gesichert erachtete, die Entfernung aber des Schimmels, der sich in den Jahrhunderten der Knechtung und der Einkerkerung des jüdischen Volkes im Ghetto um das Judentum gelegt hat, von der zunehmenden Bildung und dem kulturellen Fortschritt unter den Juden erwartete. Seine Uebersetzung der Thora und seine anderen Schriften in denen er sich mit dem Judentum beschäftigte, waren diesem Ziele gewidmet. Mendelssohns Bedeutung für die Juden ist aui einem Gebiete zu suchen, das bisher kaum gestreift wurde: er war ein vorzüglicher Apologet des Judentums und des jüdischen Volkes, wie ihn unsere Geschichte Jahrhunderte zuvor nicht gesehen hatte. Er vereinigte in sich alle dazu erforderlichen persönlichen und wissenschaftlichen Eigenschaften in seltenem Umfange. Die Tatsache steht unwiderleglich fest, das Mendelssohn der erste war, der gebildeten Cristen Achtung für das Judentum und für die Juden einzuflössen verstand und sie sogar solchen förmlich aufzwang, welche an diese Frage mit dicken Vorurteilen herantraten. Das ist an sich ein Verdienst, das nicht hoch genug bewertet werden kann. Und man wird nicht behaupten können, dass die Anerkennung und der Erfolg, welche Mendelssohn mit diesem Wirken in der christlichen Welt gefunden hat, auf einen Zufall, auf eine Zeitlaune zurückzuführen wären. Denn die ganze Persönlichkeit Mendelssohns stand im Dienst dieser grossen Sache, sein hervorragendes Talent und seine warmherzige Menschenliebe. Und was bedeutet auch das tiefste philosophische System und die gelehrteste wissenschaftliche Forschung gegen das heisse Bemühen eines Mannes, die dicke Mauer von religiösen und nationalen Vorurteilen, welche Menschen von Menschen trennt, abzutragen und die reine Menschenliebe zum höchsten Prinzip der Sittlichkeit zu erheben? Er, der Sohn eines seit Jahrtausenden geknechteten Volkes, der an seinem Körper und an seiner Sprache die Spuren der seinem Stamme widerfahrenen Misshandlungen trägt, wird der Prophet des edelsten Weltbürgertums und lehrt begeistert gegenseitige Liebe und gegenseitige Achtung aller Menschen. Er tut dies aber