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Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 47 - 48

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Chassidische Gesänge
Date
1908-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 3)
Language
German
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47 Jacob Beymel: Chasidische Gesäuge. 48. In jüngster 3eit pflegte man bie Rom= Positionen jener Stücke, von benen ber Harne ihrer Verfasser unbekannt blieb, fast burd)weg bem „Rabbi (Deier Beer" (CDeyerbeer) 3U3Uschreiben. Aber nicl)t allein bie Chassibim waren bie Sd)öpfer biefer Gesänge. Wol)l mancher 3abbik selbst verstanb sich ausge3eid)net aufs komponieren. 6s gab 3abbikim, bie burd) ihre sd)öne Stimme sowie burd) ihren I)er3be3wingenben Vortrag nid)t nur bie Anhänger fesselten, sonbern ih>re 3ah)l bebeutenb vermehrten. So 3. 13. ber 3abbik Rabbi Schioimele aus Rabomsk. II. Der Aufbau, bie Tonart unb bas Cempo ber originalen d)assibisd)en Gesänge entsprechen vollkommen ben religiösen Anschauungen unb Cmpfinbungen ber verscl)iebenen d)assibisd)en Parteien, bie im allgemeinen 3wei F5auptrid)tungen angehören: ber „Besd)t"= unb „CI)abab"=Rid)tung. Rabbi Jissroel Baal=scl)emtow, aud) „Beseht" genannt (ber Dame „Beseht" ei*gibt sid) aus ben hebräischen Initialen ber Worte „baai=sd)em=tow"), prebigte seinen Schülern im Gegensat3 3U ben Cambanim, bie bas trockene 3eremonielle Jubentum lehrten — bie Cebensfreube unb bie Rückkehr 3ur Hatürlichkeit. „Die Göttlichkeit ruht auf bem (Denschen, nid)t wenn er trauert, sonbern wenn er vergnügt ist.'1 „Der (Densd) mufc essen, trinken unb vergnügt sein, bamit er in Ssimchs (Sreubigkeit) sich seinem Gott nähern kann." „Auch wenn ber (Densd) gesünbigt, soll er nid)t ver3agen, benn es gibt keine Sünbe, bie imstanbe wäro, uns von Gott so weit 3U entfernen, bass wir an ber Rückkehr 311 ihm ver3weifeln müßten". Glaubst bu baran, bass bu in Wahrheit ber Diener unb bas Rinb bes Allmächtigen bist, - wie kannst bu bid) einer trüben Gemütsstimmung überlassen? Die unvermeiblid)en Sünben, bie wir alle einmal begehen müssen, sollten bie Heiterkeit unserer Seelen nid)t trüben. Denn stehen nid)t bie Pforten ber Reue, burd) bie wir 3U Gott 3urückgelaugen können, stets offen?" Dieser „Besd)ta=Cheissibismus, ber Chassibismus ber Cebensbejahung unb ber Seelenheiterkeit, fanb besonbers in Polen, einem Zell Wolh^niens, sowie in Sübrusslanb unb in Rumänien grofee Verbreitung. Die Gesänge bieser Chassibim tragen an sid) ben Stempel ber Cebensfreubigkeit unb Hatürlichkeit, bie ber Cel)re ihres (Deisters eigen sinb. Die Conart ber meisten Gesänge ist eine einfache bur=ronart, bie Sät3e kur3, bas Tempo rasd), feurig unb tan3mässig. In Litauen bagegen, wo bis 3ur 3eit ber €ntstehung bes Chassibismus bas Stubium bes Qese^es eifrig betrieben würbe unb bie ]uben an eine anstrengenbe Geistesarbeit sich gewöhnt hatten, entwickelte sid) ein mYstisch=ph^osophisd)er Chassibismus, ber in ber altjübisd)en (Dystik, ber Rabbalah, seine Seelennahrung sud)t. Das kabbalistisd)e ßauptwerk „Sohar" würbe 3U einer Art Bibel ber litauischen Chassibim. Der litauische Chassib, ber sid) seiner geistigen Ueberlegenheit über bie anbern Chassibim wohl bewusst ist, nennt sich beshalb „Chabab", womit er anbeuten will, er sei ein (Dann, ber ber Klugheit, bem Ver^ stanbe unb bem Wissen hulbigt. (Die Be3eid)nung „Chabab" ist aus ben Anfangsbuchstaben ber hebräischen Wörter „Chodjmah'^Rlugheit, „Binah"= Verstanb unb „Daass"=Wissen entstanben). Die fortwährenbe Beschäftigung mit ber Rabba= Iah, bie bie Dichtigkeit biefer Welt lehrt, mufete notwenbig bie „Chabab"-Chassibim 3U einer pessi^ mistisd)en Weltanschauung führen. „Die (Daterie unb bie Gestalt, b. \). öer Körper unb bie Seele sinb 3wei Gegensä^e in einem Objekt; ber eine Teil entwickelt sid) auf Rosten bes anbern" - lehrt Rabbi ]aakov Joseph Rohen. „Wer leben will, soll sterben; bie Selbstkasteiung isl ber Weg, ber 3um ewigen Ceben führt" - heisst es in einem kabbalistischem Werke. „Diese pessimistische Weltanschauung ber „Chabab" kommt aud) in ihren Gesängen 3um Ausbruck. Die Tonart ihrer (Delobien ist von einem mystischen ßaud) umgeben, bas Tempo ist 3umeist langsam, gebämpft unb schwermütig. Als Beispiele von d)assibisd)en Gesängen beiber Richtungen bringen wir hier 3wei Tisd)= gesänge (Higunim), einen Gesang ber „Besd)t"= Chassibim unb einen ber „Chabab"=CI)assibim.

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