Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Jüdische Bücher-Sammlungen in alter und neuer Zeit
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 37 - 38 (sequence 5)
- Language
- German
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37 A. Benesra: Jüdische Büchersammlungen in alter und neuer Zeit. 38 non erzählt, wie die Juden von Savoyen während der Verfolgung durch den Dominikaner Fra Vieenze 1M0 ihre Bücher in den Brunnenschächten versteckten. Während der Vertreibung der Juden aus Lissabon, 1499, wurden ihnen ihre Bücher geraubt, aber wenigstens den Staatsbibliot heken übergeben. Bei jeder der unzähligen Verfolgungen, von denen die Juden heimgesucht wurden, gingen reichhaltige Privatbibliotheken zugrunde. Von Isaak bar Schescheth in Algier 1391 bis auf Mose Menz in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erschallen die Klagen der Gelehrten über ihre verlorenen Büchersammlungen. Jehuda Chajjat, einer der spanischen Emigranten, geriet unterwegs in die Sklaverei, und um sich loskaufen zu können, musste er sich seiner 200 Bücher entäussern, ein Verlust, nach dem er sich das ganze Leben nicht trösten konnte. Erst das 17. Jahrhundert brachte Wandel in die Behandlung der jüdischen Literatur von Seiten der christlichen Welt. Die Bücherleidenschaft der Juden erhielt durch die Erfindung der Buchdruckerkunst neue Nahrung. Es ist bezeichnend, dass die ersten hebräischen Drucke in Italien und nicht in Gutenbergs Heimatlande entstanden sind. Die zwei ersten hebräischen Drucke, die ein Datum haben, rühren aus dem Jahre 1475 her. Manche Bücher sollen jedoch nach der Ansicht namhafter Bibliographen noch vor dem genannten Jahre gedruckt worden sein. Wie gross die Freude war, die die Erfindung der Druckerpresse unter den Juden hervorrief, bezeugen die zahlreichen Dityrhamben, die sich in den Druckwerken aus jener Zeit am Eingänge oder am Schluss der Bücher befinden. „Das gegenwärtige Geschlecht, verarmt und herabgekommen infolge der unbeschreiblichen Leiden und Verfolgungen, war nicht mehr imstande, sich Bücher anzuschaffen. Jetzt aber braucht man anstatt des Goldes nur Silber, um ein Buch zu kaufen (da Druckwerke billiger herzustellen sind, als schriftliche Kopien) . . . Die ganze Welt wird nun voll werden von Erkenntnis und Wissen. . . . Jeder Sohn des zerstreuten Israel, mag er noch so einsam wohnen, ohne Möglichkeit, Umgang mit den Weisen zu pflegen, wird imstande sein, selber aus dem Born der Wissenschaft zu schöpfen." In enthusiastischen Worten besang man die Buchdruckerkunst als die „Krone aller Wissenschaften", als ein „göttliches Werk", oder als eine „Tochter Synagogale Gegenstände. des Himmels", „die da schreibt ohne Feder, und doch mit sichtbaren Zeichen, die ohne Menschenhand die Buchstaben zu einer Einheit fügt". Die Tätigkeit des Buchdruckers wurde eine „heilige" genannt, und der Setzer unterliess es selten, am Schlüsse des Buches seinen Namen zu verewigen, mit dem Epitheton: „der beschäftigt ist am heiligen Werk" (osek bimlecheth hakkodeschj — ein Brauch, der sich hie und da bis in unsere Zeit erhalten hat. Das 15. und 16 Jahrhundert waren angefüllt von Bedrückungen und Verfolgungen der Juden in allen Ländern mit Ausnahme von Polen. Die nimmer rastende Geistest äti^keit der Juden wurde durch die furchtbare leibliche Not niedergehalten. So konnten denn systematisch geordnete grössere Büchersammlungen erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts entstehen. Hatte ja allein das päpstliche Wüten gegen die Bücher der Juden zahllose Manuskripte und auch Druckwerke zum Opfer gefordert und die Kulturarbeit mehrerer Generationen vernichtet. Es war dies ein Vandalismus, dem in Geschichte der menschlichen Gesittung nur etwa der Brand der alexandrianischen Bibliothek gleichkommt — nicht durch Omar, denn die diesem zugeschriebenen Missetat wird bestritten, jedenfalls hatte er nicht mehr viel zu verderben, denn schon im Jahre 392 hatten christliche Griechen unter Führung des Bischofs Theophilus diese grosse und im Altertum einzig: dastehende Sammlung von Schriftrollen aller Art überfallen und in Brand gesteckt. Als Analogie zu der Ausrottung der jüdischen Bücher wäre noch die systematische Vernichtungsarbeit zu erwähnen, die die Gegenreformation in den österreichischen Erblanden an allen Kulturwerken „ketzerischen" Ursprunges ver-