Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Jüdische Bücher-Sammlungen in alter und neuer Zeit
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 29 - 30 (sequence 1)
- Language
- German
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29 30 JUEDISCHE BUECHER-SAMMLUNGEN IN ALTER UND NEUER ZEIT. Eine kulturgeschichtliche Skizze von A. 13 cnesr;i. I. Altertum und Mittelalter. Man pflegt uns Juden das Volk des Buchs zu nennen. Es gab aber eine Zeit, da unsere Vorfahren weder das Lob noch den leichten Tadel, der in dieser Bezeichnung liegt, verdienten. Das war die Zeit der Kindheit und des Jünglingsalters des israelitischen Volkes. Die Juden waren damals ein Volk der Tat und des lebendigen Wortes, und im Gegensatz zu den Griechen etwa, die seit der frühesten Zeit ein Literatenvolk gewesen, dachten sie so wenig an die schriftliche Erhaltung ihrer Literaturschätze, dass die. Bibel nur einen geringen Bruchteil der geistigen Besitztümer Israels auf uns gebracht hat — wie uns viele in der Bibel selber enthaltene Hinweise belehren. Zu jenen Zeiten dürften also Bücher unter den Juden zu den grössten Seltenheiten gehört haben. Vom König Josaphat erzählt uns die Geschichte, dass er eigens hierzu angestellte Beamte aussandte, die die Bücher der Lehre Gottes bei sich führten und im Lande herumreisten, um das Volk zu belehren. Im Buch Nehemia's ist eine lebensvolle Schilderung jener grossen Volksversammlung enthalten, in welcher der aus Babylon heimgekehrte Esra, der Erneuerer des Judentums, dem Volke das Buch des Bundes vorzeigt. Die grosse Erregung, welche der Anblick des Buchs hervorruft, beweist ebenfalls, dass Bücher und also auch die Kunst des Lesens und des Schreibens im damaligen Israel nicht zu den JOSEPH OPPENHEIMER Vater und Tochter. Nachdruck verboten. Alltäglichkeiten gehörten. Kein Wunder also, dass das Volk seinem treuen Führer und Lehrmeister Esra den Titel eines „Schreibers" (Sopher) beilegte, „der in der Lehre sehr bewandert war". Im Verlaufe der folgenden drei Jahrhunderte vollzog sich in der Seele des jüdischen Volkes jener grosse und weittragende religiös-psychologische Prozess dessen Ergebnis die Kristallisierung und Vollgestaltung des „Judentums" war, Die Erinnerung an die alten Sagen und die Ereignisse der Vergangenheit nahmen die geschlossene Form eines historischen Bewusstseins an. In dieser Epoche wird das Buch als Organ der Ueberlieferung wie auch der Propaganda allmählich eine Macht. Im Zeitalter der Hasmouäer „sinnt Daniel über den Büchern". Man darf daraus folgern, dass damals Bücher sich auch im Besitze von Privatleuten befanden. Das erste Makkabäerbueli erzählt, dass die Graecosyrer im ganzen palästinensischen Lande oftmals eine Eazzia nach jüdischen Büchern unternahmen, und alle, deren sie habhaft wurden, in Stücke rissen und verbrannten, die Besitzer aber wurden auf Grund eines Ediktes des Königs Antiochus III Epiphanes (den witzige Zeitgenossen Epimanes nannten) mit dem Tode bestraft. Dieser König war der erste, aber lange nicht der letzte, der jüdische Bücher, ohne Rücksicht auf ihren literarischen Wert, der Vernichtung preisgab. »Im Bereiche der abendländischen Zivilisation dürfte übrigens die erste Bücherkontiskation die von Athen im Jahre 411 v. Chr. gewesen sein. Die zweite nach der des Antiochus Hess Augustus in Eom vornehmen.) Im zweiten Makkabäerbuch ist ein Brief aufbewahrt, den die Juden von Jerusalem an ihre Brüder in Aegypten richteten und in dem sie ihnen kund und zu wissen gaben, dass Jehuda Makkabi, nachdem er mit dem Feind fertig geworden war, alle während des Krieges verschleuderten und versteckten Bücher wieder habe sammeln lassen, und die Sammlung stehe nun den aet>ypti>chen Juden, im Falle des Bedarfs, zur freien Vertüguug. Jehuda Makkabi, der die Syrer bei Emaus, Beth-Zur und Beth- Choron so tapfei aufs Hauptgeschlagen,ist demnach der erste Begründer einer öffentlichen OEEGEM AE El >E. jüdischen Bibliothek.