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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 477 - 478

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Bei den jüdischen Kriegsgefangenen in Heilsberg
Date
1916-12-01
Page
Seite 477 - 478 (sequence 3)
Language
German
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477 Bei den jüdischen Kriegsgefangenen in Hei'sberg. 478 Ich sprach über den Begriff der O e u 11 o (Erlösung) und knüpfte an den Midrasch an, daß die Geullo nicht früher kommen werde, als bis die Juden auf die tiefste Stufe herabgesunken wären. Auf dieser tiefsten Stufe, so sagte ich, befanden sich die russischen Juden vor dem Kriege, also dürfen wir hoffen, daß die Erlösung unmittelbar bevorsteht, ja zum Teil ist sie schon Wirklichkeit geworden. Da ging es wie ein Leuchten über das leid berührte Gesicht der Aermsten, als wäre die Erlösung auch für sie schon, wirklich eingetreten. Nach dem Gottesdienst las ich die mir von den Angehörigen zugegangenen Schreiben vor und nahm wieder die Adressen für die neu zu schreibenden Briefe entgegen. Die Gefangenen sprachen mit rührenden Worten ihre Dankbarkeit für alles Gebotene aus und baten mich, namentlich dem Vorsteher der Heiisberger Gemeinde, Herrn Louis Wolff, der sich 'ihrer besonders eifrig angenommen hatte, ihrer aller Dank zu übermitteln. Der dritte Gottesdienst fand am 12. Juni kurz nach dem Wochenfeste statt, diesmal wieder in der Heiisberger Synagoge, da die Zahl der ortsanwesenden Gefangenen sich inzwischen verringert hatte (ca. 110). Die anderen waren zum Teil auf Arbeitsstätten in der Provinz verteilt, in einzelnen Fällen auch aus besonderen Gründen freigelassen worden. Nach dem Gottesdienst ergriff wieder derselbe Mützenmacher aus Grodno das Wort und hielt eine Rede, in der er zuerst der Freude darüber Ausdruck gab, daß der Gottesdienst nicht wie das letzte Mal in einer Baracke, sondern in einer würdigen Synagoge stattfand. Die Synagoge sei seit Rabbi Jochanan Ben Sakkai die eigentliche Festung des Judentums, uneinnehmbarer als die Dardanellen und Gibraltar, und zugleich das wahre Sinnbild unserer Kultur, die älter und wertvoller sei als die irgendeines heute für die „Kultur" kämpfenden Volkes, als welches sich sogar Rußland hinstelle. Unsere Kultur könne man aus unseren Gebeten ablesen; die erste Bitte der Schemone Esre sei Chonnenu, das Gebet um die Gottesgabe der Erkenntnis. Diese Kultur habe uns zu den höchsten sittlichen Leistungen befähigt und uns zu Märtyrern für unsere Idee gemacht; diese Kultur sei schon im Altertum die demokratischste der "Welt gewesen, indem das Gebot der Sabbatruhe auch für Knecht und Magd und selbst für das Haustier gegolten habe. Im Anschluß an diese Verherrlichung des Sabbats bat er, bei der Kommandantur vorstellig zu werden, daß die Gefangenen jeden Sabbat unter sich Gottesdienst halten dürften und daß ihre Toten nicht wie bisher auf dem Lagerfriedhof (wenn auch nach jüdischem Ritus), sondern auf dem Friedhof der jiddischen Gemeinde zur letzten Ruhe bestattet würden. Die erste Bitte wurde inzwischen erfüllt, indem die Gefangenen sich jeden Sabbat-Nachmittag zum Gebet vereinigen dürfen. Bezüglich der zweiten Bitte ist noch keine Entscheidung getroffen. Zum Schluß noch ein Wort über die Beschäftigung der Gefangenen im Lager. Nicht wenige von ihnen sind als Krankenwärter im Lazarett angestellt, andere sind bei der Post und im Bureaudienst beschäftigt, denn ihre höhere Bildung und Sprachkenntnis, verbunden mit ihrer vertrauenswürdigen Persönlichkeit, machen sie zu solchen Posten geeigneter als die meisten nichtjüdischen Gefangenen. Einer von ihnen, ein gebildeter Lehrer, der z. B. augenblicklich Englisch lernt, wandte sich an mich in einem formell und inhaltlich tadellosen deutschen Brief mit der Bitte, ihm eine, wenn auch noch so bescheidene Stellung als Schreiber oder Korrektor in einer großen Stadt zu beschaffen, wo er sich Weiter bilden könnte. Doch das Gesuch mußte abschlägig beschieden werden, da er bei der Postverteilungsstelle unentbehrlich war. So gereicht das traurige Los der Gefangenschaft, das über so viele Ostjuden gekommen ist, ihnen indirekt doch zum Segen. Denn die genauere Bekanntschaft mit ihrem Wesen, die die deutschen Kommandobehörden während der Dauer des Krieges erlangt haben, trägt sicher dazu bei, die bisher von ihnen gehegten irrigen Vorstellungen zu zerstören und einer gerechteren Würdigung der jüdischen Bevölkerung Im neuen Ostland die Wege zu bahnen. Die Wirkung davon wird sich, wie zu hoffen steht, schon alsbald nach Friedensschluß zeigen, denn die heute noch in Gefangenschaft Lebenden werden dann voraussichtlich all der Rechte teilhaftig werden, die ihnen bisher die russische Gesetzgebung versagt hat, und als treue, zuverlässige und nützliche Bürger des Landes sich erweisen, das schon während des Krieges ihnen und ihren Angehörigen mit aller möglichen Menschlichkeit und Rücksichtnahme entgegengekommen ist.

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