Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Bei den jüdischen Kriegsgefangenen in Heilsberg
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 475 - 476 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584068-2597565--16421-2597614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
475 Bei den jüdischen Kriegsgefangenen in Mei!sb(rg 476 den Inbrunst, die die oft abgehärmten Züge zu einer höheren Schönheit verklärt. Der Vorlesung der Megilla folgten die Gefangenen mit einer inneren Teilnahme, die der Inhalt des für sie besonders aktuellen Buches erklärt. Während der Predigt bohrten sich förmlich die Blicke der Zuhörer in meine Augen mit einer Aufmerksamkeit und einem Verständnis, wie sie sich der Kanzelredner wünscht, aber nur selten findet. Ergreifend war es, ein wie großer Teil der Anwesenden am Schluß des Gottesdienstes das Kaddisch mitsagte, ein beredtes Zeugnis für die Opfer, die der Krieg im Verein mit der russischen Barbarei in ihren Kreisen gefordert hatte. Nach dem Gottesdienst erbat einer der Gefangenen das Wort und hielt eine jüdisch-deutsche Ansprache. Wer war der Redner? Etwa der stramme Einjährige, der die Rechte studiert und der Sohn eines angesehenen Warschauer Hauses ist, oder der kleine schwarzäugige jünger der Philosophie, der als Zivilgefangener nach Heilsberg gekommen ist, oder der junge Tonkünstler, der das Konservatorium in Odessa absolviert hat, oder der Lehrer aus Wilna, der tiefes jüdisches Wissen mit vielseitiger moderner Bildung verbindet? Nein, es ist ein einfacher Mützenmacher aus Grodno, der nach Worten des Dankes an die Gemeinde eine regelrechte Deroscho hält, in der er zunächst an die eben gehörte Predigt anknüpft, und seiner Befriedigung über das Ausdruck gibt, was ich über Haman gesagt hatte (ich hatte einen naheliegenden Vergleich zwischen Haman und den heutigen russischen Machthabern gezogen). Er entwickelte dabei eine überraschende volkstümliche Beredtsamkeit und führte nach reichlichen Zitaten aus Talmud und Midrasch auch etwas an, „wos der jüdischer Dichter Heine sogt". Zum Schluß sprach er Im Namen aller Gefangenen die Bitte aus, daß es ihnen ermöglicht werde, streng Pessach zu halten. Außerdem bat er um Erwirkung einer Erlaubnis zum Briefverkehr mit den im okkupierten Gebiet wohnenden Angehörigen. Der letztgenannte Wunsch der Gefangenen war in dieser Form unerfüllbar, da eine generelle Verfügung zwar den Angehörigen im okkupierten Gebiet gestattet, an ihre gefangenen Verwandten 'zu schreiben, aber nicht umgekehrt*). So erbot ich mich, die Angehörigen zu benachrichtigen. Aus den mir seitdem zugegangenen Antwortschreiben der Angehörigen ersah ich erst, wie notwendig eine solche Benachrichtigung war, denn viele Familien hätten seit länger als einem Jahre nichts mehr von den Ihrigen gehört und dieselben schon *) Die betreffende Verfügung ist inzwischen wieder aufgehoben worden, so daß die Gefangenen jetzt auch direkt an die Ihrigen schreiben dürfen. verloren gegeben. Diese Antwortschreiben gestatten zugleich einen Einblick in die Not so vieler Familien, doch auch in die feine Bildung und den Herzenstakt zahlreicher Ostjuden. Die Antworten waren ausnahmslos hochdeutsch geschrieben, manchmal in recht unbeholfener Sprache, doch hat die Okkupation sicher schon jetzt die Kenntnis und den Gebrauch des Hochdeutschen unter der Bevölkerung in ungewöhnlichem Maße gefördert. Manche Briefe kamen leider auch als unbestellbar zurück, da die Angehörigen verschollen sind. Der andere Wunsch der Gefangenen wurde im vollsten Umfange erfüllt. Die Versorgung der Gefangenen mit Mazzoth war durch die Vermittlung der „Freien Vereinigung für die orthodoxen Interessen des Judentums" in der Weise geregelt, daß alle Gefangenen, die für die Dauer des Festes ausdrücklich auf ihre Brotration verzichtet hatten, ein Quantum Mazzoth und außerdem ein Pfund Kartoffeln täglich extra aus der Lagerküche erhielten. Von der Kommandantur Heilsberg waren 1017 Reflektanten gemeldet worden, von denen etwa ein Fünftel sich im Stammlager befand, während die Mehrzahl auf Arbeitsstätten in der Provinz verteilt war. So mußten die Mazzoth an nicht weniger als 25 Sammelstellen direkt von der Fabrik gesandt werden. Die Heilsberger Gefangenen hatten sich für die Dauer des Festes eine besondere Küche eingerichtet, wobei ihnen sowohl die dortige Gemeinde wie sonstige jüdische Verbände behilflich waren. Zur Abhaltung des Seder, an dem mehr als 200 Mann teilnahmen, war ihnen eine besondere Baracke zur Verfügung gestellt worden, und auch zur regelrechten Abhaltung von allen Festgottesdiensten war ihnen Gelegenheit geboten. Als Vorbeter fungierte immer einer der Gefangenen. An einem der Mittelfeiertage des Festes hielt auch ich dort wieder einen Gottesdienst ab, der aber diesmal nicht in der Synagoge, sondern in einer Lagerbaracke stattfand, da die Zahl der Teilnehmer (ca. 200) gegen das vorige Mal sich noch bedeutend vermehrt hatte. Bei Gelegenheit dieses Gottesdienstes konnte ich im Lager viele nichtjüdische Gefangene in Ruhe aus der Nähe betrachten und Vergleiche zwischen ihnen und den jüdischen Gefangenen ziehen. Ein solcher Vergleich zeigt sofort die ganze Ueberlegenheit der Juden über die Russen und erklärt freilich auch die leidenschaftlichen Bemühungen der russischen Machthaber, die Juden gewaltsam niederzuhalten. Denn mit geringen Ausnahmen zeigen alle russischen Gefangenen denselben stieren, verständnislosen Blick, durch den sie kaum mehr an Menschen erinnern, während selbst der ungebildete jüdische Arbeiter immer einen offenen Blick und ein ausdrucksvolles Auge hat, die ihn als fühlendes und denkendes Wesen erkennen lassen.