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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 451 - 452

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
Date
1916-12-01
Page
Seite 451 - 452 (sequence 10)
Language
German
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451 Rumänien und seine Juden. 452 sich dadurch in den Kreis der Großen dieser Welt erhoben. Ein junges Kunstwerk, und wenn es noch so echtes, frisches und kräftiges Leben atmet, hat diese ehrwürdige edelmachende Kraft nicht. Heinrich VIIL sagte: Ich kann aus zehn Bauern zehn Lords machen, aber aus zehn Lords kann ich keinen einzigen Van Dyck machen. Und alle amerikanischen Milliardäre wären mit all ihrem1 Golde nicht imstande, einen einzigen Helmholtz zu schaffen. Reichtum kann keine Talente hervorbringen, aber er kann Talente wecken, pflegen, großziehen, also Werke des Talentes hervorbringen helfen — wenn er richtig verwendet wird. Alle Werke des Talentes sind im Grunde nur Luxus, aber einer von der Art, von welcher Voltaires Wort gilt: ,,Le superflu, chose la plus necessaire." Die Söhne aller höheren Kulturvölker, und unter uns Juden auch noch die unkultivierten, unentwickeltesten, haben das unabweisliche Gefühl, daß alle wirtschaftliche Arbeit, der ganze materielle Erwerb nur die Grundlage bildet, aüt der sich die höhere Welt der Erkenntnis und der Schönheit aufzubauen hat, daß das Materielle nur das Mittel ist, um das Geistige zu schafften. Wir Juden sind alle heutzutage von der Einsicht durchdrungen, daß das Erforschen und Begreifen der Schöpfung, das Nachbilden und Darstellen ihrer Schönheit eine heilige Tätigkeit ist, ein Wirken an dem ewigen Gewand der Gottheit, daß also Wissenschaft und Kunst ebenfalls zur „Thora" gehören. Wenn wir also die ehrfurchtsvolle Liebe, die herzinnige, demütige Hingabe, mit der unsere Vorfahren diese umgaben, auf jene beiden ausdehnen, so setzen wir nur die alten Traditionen auf die wirksamste Weise fort. Wenn unsere Alten das Gemiluth chasadim höher als die Zedakaih schätzen, weil man erstere nicht nur an Lebenden, sondern auch an Verstorbenen wirkt, so ziemt es uns, zu bedenken, daß es eine Art Gemiluth chasadim gibt, die man sogar an den Ungeborenen, an den kommenden Geschlechtern übt, nämlich indem man ihnen edle Geisteswerke vererbt, die ihnen als Wegweiser dienen, als Quellen der Kraft und des Lichtes. Die Wirksamkeit eines Mäzen ist ferner Gemiluth chasadim auch insofern, als er nicht nur sein Geld, sondern auch, vielleicht sogar noch mehr, seine Person in ihren Dienst stellen muß. Er muß mit ganzer Seele, nicht nur mit seinem Gelde dabei sein, er darf nicht warten, bis man bittend zu ihm komimt, oder mit Pauken und Trompeten, er muß das keimende Talent aufsuchen, er wird mit feinem Gefühl und sicherem Ahnungsvermögen das Echte, Zukunftsreiche vom Unechten unterscheiden, und jenem wird er, wenn es hilfsbedürftig ist, „wie ein Vater und wie ein Bruder sein". Freilich kann er dabei oft Enttäuschungen erleben: oft wird ein vielversprechendes, junges Talent nach den ersten Proben sich als taube Nuß erweisen. Darauf antwortet das schlichte jüdische Sprichwort: „Wenn Zedakah kein Geld kosten und Gemiluth chesed keinen Aerger bereiten sollte, dann gäbe es viele Wohltäter auf der Welt/' Am Ende kommt einer, der die Mühen und Kosten so reichlich lohnt, daß er für alle anderen entschädigt. Das oben zitierte Wort des Talmud: Wer Zedakah und Gemiluth chasadim nicht um ihrer selbst willen (schelö lischmolh) tut; sondern um seine Eitelkeit zu befriedigen, dem lohnt es Gott in der Weise, daß er ihm unwürdige Subjekte in den Weg laufen läßt — muß (dahin ergänzt werden: Wer Zedakah aufrichtigen Herzens und reinen Sinnes übt, der adelt auch ((die von Haus aus Unwürdigen, läutert sie und zieht sie zu sich empor. RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Schiffer. II DIE REGIERUNGSZEIT DES FUERSTEN CUSA. Mittlerweile hatte seit Beginn des 19. Jahrhunderts sich ein bedeutsamer wirtschaftlicher Prozeß vollzogen. Der Aufschwung von Handel und Industrie, zu dem die Juden, und zwar die eingewanderten, vielleicht das Meiste beigetragen, bewirkte das Entstehen einer bis dahin kaum in den Anfängen vorhandenen Mittelklasse, bestehend aus Kaufleuten und Industriellen, die, obgleich vorwiegend naturalisierte Griechen, Armenier und Zigeuner, in den Juden die fremden Konkurrenten sahen und eine immer feindlichere Stellung gegen sie einnahmen. Es wiederholten sich hier dieselben Vorgänge, die sich in West- und Mitteleuropa hundert bis hundertfünfzig Jahre zuvor abgespielt hatten. Keine soziale Bewegung kann zu einer politischen Macht werden, bevor sich eine besondere Klasse findet, deren wirtschaftlichen Interressen sie entspricht. Die neuentstehende Bourgeoisie bildete hier die Klasse, zu deren Programm sich die Unterdrückung der Juden vortrefflich eignete. „Die jüdischen Händler, Handwerker und Gewerbetreibenden nehmen uns das Brot weg, sie, die Fremden, verdrängen die Einheimischen aus allen einträglichen Berufsarten". Diese Schlagworte, beim Adel und den Bauern etwas Nebensächliches und Vorübergehendes, waren geeignet, für das aufsteigende Bürgertum zum Inhalt einer politischen Gesinnung zu werden. Wie in allen spät in die Entwicklung tretenden Ländern bestanden und bestehen bis auf den heutigen Tag in Rumänien alte, neue und neueste Wirtschaftsformen nebeneinander, die Zunft und die Korporation neben der Aktiengesellschaft, der Kleinbetrieb mit seinen spießbürgerlichen Bedürfnissen und Forderungen neben der großkapitalistischen Unternehmung. Alle diese Formen bekämpften sich untereinander und alle zusammen erblickten in dem Juden den Fremden par excellence, den gemeinsamen Gegner. In den politischen Kämpfen reifte daneben auch noch eine andere Klasse heran, die der Berufspolitiker, der Advokaten, Literaten, Agitatoren, Lehrer und der anderen Intellektuellen, die sich von der patriotisch-

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