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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 443 - 444

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
Date
1916-12-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 6)
Language
German
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443 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 444 Maße unserer Begabung mitarbeiten und hinter niemandem zurückbleiben. Als vor kurzem der berühmte (inzwischen verstorbene) polnische Romandichter Henryk Sienkiewicz seinen 70. Geburtstag feierte, brachten die Blätter eine interessante Episode aus seiner Werdezeit. Am Anfang seiner Laufbahn hatte er eine historische Novelle geschrieben, die die Aufmerksamkeit der erlesenen Kenner auf ihn lenkte, da sie bereits den künftigen iVLeister verriet. Eines Tages erhielt er eine anonyme Sendung von fünfzehntausend Rubeln; in dem Begleitschreiben sagte der Unbekannte, er sei ein Nachkomme des Helden jener Novelle und bitte den Verfasser, die Summe als dankbare Anerkennung für die Verherrlichung seines Vorfahrs anzunehmen. Das Geld konnte keinem Menschen gelegener kommen. Die Frau des Dichters war durch eine langwierige Krankheit ans Bett gefesselt, seine Vermögensverhältnisse waren arg zerrüttet. Das "Geschenk des Anonymus rettete ihn. Sienkiewicz hat seither zu dem reichen Literaturschatz seines Volkes eine Reihe edler Meisterwerke hinzugefügt, die den Polen eine Quelle erlesensten Genusses und reinster seelischer Erhebung geboten und, in fast alle Sprachen Europas übersetzt, ihnen unter allen Kulturvölkern Achtung und Sympathie geworben haben. Ihr Autor ist also Mehrer des Ruhmes und der Kraft seiner Nation geworden. Er wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, und die großen Einnahmen, die ihm aus seinen Werken zuflössen, setzten ihn in den Stand, Stiftungen für wohltätige und Kulturzwecke zu errichten, die jenes unerwartete Geschenk um das Zwanzigfache übersteigen. Daß einem jüdischen Schriftsteller so etwas je passiert wäre, hat man noch nie gehört. Allerdings ist es vorgekommen, daß ein hochverdienter Gelehrter, sterbenskrank darniederliegend, von einem Wohltäter mit einem Geldgeschenk bedacht wurde, das ihm die letzten Stunden versüßte. Ein paarmal ist auch für die Hinterbliebenen eines in tiefster Armut verstorbenen Schriftstellers gesorgt worden. Aber wann wurde je einem der Aufstieg ermöglicht oder der Kampf gegen die Not aut solch großzügige Weise erleichtert? Ein trauriges Beispiel der Pflichtversäumnis dem Talent gegenüber bietet das Lebensschicksal Heines — um so trauriger, als dies seinen nächsten Verwandten zur Last fällt, und es sich um! ein Talent handelt, das ein Genie war. In seiner ganzen Familie, von der wir einige Generationen kennen, war Heinrich Heine der einzige wertvolle, aber auch der einzige arme Mensch. Als er drei- oder vierundzwanzig Jahre zählte, stand es bereits außer Zweifel, daß er zu Großem berufen war. In der Familie gab es einen veritablen Multimillionär, den Onkel Salomon, der sogar ein Krankenhaus oder etwas dergleichen Nützliches gründete. Aber dem Dichter blieb keine jener Demütigungen und Leiden erspart, die mit der Armut gepaart sind. Der ,freisinnige" Onkel-Millionär ließ es zu, daß der arme Neffe, der nicht zum Geidverdienen organisiert war und nach einem gesicherten Stück Brot Ausschau halten mußte, zur Taufe gedrängt wurde, wodurch der erste Riß in sein ganzes Wesen kam' und dessen harmonische Einheit für immer getrübt wurde. Er ließ es zu, daß der geniale Neffe in Paris unaufhörlich in Geldverlegenheit sich befand und gezwungen war, allerlei Leute, die nicht wert waren, ihm den Schuhriemen zu lösen, um kleine Darlehen anzugehen, sich zu erniedrigen und lächerlich zu machen, und schließlich durch jene ominiöse Staatspension einen Makel auf sich kommen zu lassen, den ihm die heuchlerischen Literaturpäpste immer wieder anheften. Die verständnislose Stumpfsinnigkeit des reichen Onkels ließ den armen Neffen noch in letzter Stunde leer ausgehen, und er siechte jämmerlich und kumrnervoll Jahre und Jahre hindurch in der Matratzengruft dahin. Man muß z. B. jdie ,aut diese Jahre bezüglichen Kapitel in Alfred Meißners Denkwürdigkeiten nachlesen, um das verzweifelt Grauenvolle und zugleich lächerlich Armselige der Lage des unglücklichen Dichters und die ungeheuerliche Roheit zu ermessen, deren Opfer er war. Dabei wirkt es wie bittere Ironie, wenn,, man bedenkt, daß Verleget und Buchhändler an..Heine Millionen und Millionen verdient haben. Aber das Bett, durch welches diese Millionen flössen, verliet weit weg von dem Bett, in welchem ihr Urheber litt und darbte. Die Millionen des Onkels Salomon aber fingen nach seinem Tode an, zu rollen; und im Rollen wuchsen sie immer mehr an, gleich den Schneebällen, schließlich wurden sie, was ihrem Besitzer nicht gegönnt war, in den Adelsstand erhoben. Sie gerieten nämlich in den Besitz diverser Barone und Grafen und Fürsten, leibhaftiger Fürsten; sie verschönten das edle Leben eines Fürsten von Monaco, eines Fürsten Richelieu, eines Fürsten Odescalchi; sogar die Stadt Paris, die arme, notleidende Stadt Paris, erbte von einer entfernten Verwandten des weisen Salomon eine Anzahl Millionen zu „wohltätigen Zwecken". Heinrich Heine aber zermarterte sich in den letzten Jahren seines qualvollen Daseins das arme Hirn, wie er es anstellen könnte, daß seine Mathilde nach seinem Tode nicht dem nackten Elend oder gar der Prostitution zum Opfer fallen müßte ... * * * Aut einem Gebiete sind wir Juden sehr im Rückstände und haben viel nachzuholen: das ist die bildende Kunst. Noch vor einem halben Jahrhundert mochte man uns alle Fähigkeiten hierzu absprechen und dies als Beweis für die Inferiorität unserer Rasse anführen. Inzwischen haben Juden als Maler wie als Bildhauer sehr bedeutende Leistungen^ hervorgebracht, einzelne sogar eine führende Stellung errungen und das Vorurteil verstummen gemacht. Allein hier fällt es dem Talent noch schwerer, sich durchzuringen, da eine hohe Kennerschaft dazu gehört, Eigenart und kommende Größe in der Leistung des Anfängers zu erkennen; materiell sind die Schwierigkeiten größer, weil der Künstler nicht, wie in der Musik oder der Literatur, mit seinem Werk unmittelbar an ein unbegrenzt zahlreiches Publikum sich wendet. Hier ist es nur der Staat oder der einzelne Kunstliebhaber, der in Betracht kommt. Nun gehört es zu den ganz außerordentlichen Seltenheiten, daß der Staat die Werke eines jüdischen Künstlers, besonders wenn er erst im Werden begriffen ist, ankauft oder gar Bestellungen bei ihm macht. Viel eher schon tut dies der nichtjüdische Privatmäzen. Doch hört für diesen natürlicherweise das Interesse auf, wo der jüdische Künstler jüdische Stoffe behandelt. Auch bei dem feinsten Kunstgenießer fällt der am Stoftlichen haftende Erdenrest nie ganz fort — ebenso wie es nur natürlich ist, daß der jüdische Bildhauer

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