Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Skizzen aus Litauen, Weißrussland und Kurland
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 431 - 432 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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431 Skizzen aus Litauen, Weißrußland und Kurland. 432 Grabmal des Gaon Elia in Wilna auf dem fünf* hundertjährigen Friedhof mit seinen zerfallenen, halb wieder von der Erde verschluckten Grabhügeln. Ein Blick auf Kowno, diesem Zentralpunkt jüdischen Lebens und Leidens, zeigt uns die Lage dieser Stadt an dem breiten Me* melstrom. Zu denTy* pen polni* scher Juden hat Herbert Eulenberg treffende Worte ge* schrieben. Die feine Jü* din, das „ver* träumte und ein wenig zur wehmütig gen Schwär* merei geneig* te Mädchen, dessen große, schwarzen Augen soviel gelesen ha* ben", steht so recht im Ge* gensatz zu der alten Krä* merin, die mit Wagen* schmiere, Fetten und Schuhwichse handelt, im* mer mißmu* tig hinter der Theke steht und eigent* lieh nie etwas verkauft. „Im Rembrand* tischen Hell* Dunkel ihrer Budike, das selbst den Laien in der Malkunst auf den ersten Blick ent* zückt, drückt sie sich her* um von mor* gens bis abends." Der jüdi* sehe Gepäck* träger zeigt uns eine Be* schäftigungs* art, die bei bekannt ist. Hermann Struck, Gepäckträger den westeuropäischen. Juden un* Auch jüdische Kutscher, Fuhrleute, Handlanger, Zeitungsverkäufer gibt es im Osten, Handwerker aller Art wie Schmiede, Schreiner, Maurer und Maler. Von Schmerl, dem alten Maurer, erzählt Etilenberg eine ergreifende Geschichte, wie der Alte zu Beginn des Krieges von den Russen aus Kowno vertrieben wurde, wie ihm seine Frau während des Ab* transportes gestorben und er über das Geschick seiner drei Söhne, die im russischen Heere ständen, im Un* gewissen sei. „Was uns unsere Lehrer erzählt haben von der Aus* treibung un* seres Volkes aus Spanien in früheren Jahrhunder* ten, ist ein Kinderspiel gewesen gegen die Schrecken und die Ver* zweiflung,die wir durch ge* macht haben. So viel Jam* mer ist noch nicht dage* wesenauf der Welt." - Von Seite zu Seite ge* winnt man in dem Buche tiefe Ein* drücke, die uns der Dich* ter und bil* dende Kunst* ler — ein je* der in seiner Form — vor* führen. Was aber Herbert Eulenberg an der einen Stelle über dasjudentum sagt, wie er aus dem Munde eines anderen das ganze Ge* schick dieses Volkes, das ihm, dem arischen Ger* manen dort im Osten in seiner tief* sten, unfaß* liehen Tragik entgegenge* treten ist, zu* sammenfaßt, gehört mit zu dem Groß* artigsten, was je über Israels Erdenschicksal geschrieben wurde. Diese Worte seien unverkürzt hierher gesetzt, sie mögen dem Dichter, dem tiefen Menschenkenner und edlen Seelenkämpfer den Dank aller derer übermitteln, die wie er fühlen, dennen aber die Gabe des Wortes nicht in dieser Vollendung verliehen ist, —