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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Die jüdischen Farmer Argentiniens während des Krieges
Date
1916-10-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 2)
Language
German
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411 Die jüdischen Farmer Argentiniens während des Krieges. 412 sieben Prozent in französischen Händen sind. Die Elektrizitätswerke gehören meist deutschen, die Flußschiffahrt einer österreichischen Gesellschaft. Vom argentinischen Biere wird behauptet, daß das einzig Einheimische an ihm das Wasser sei, denn Maschinen, Braumeister, ja selbst die Gerste käme aus Deutschland, der Hopfen aus Böhmen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß die schon durch eine Reihe schlechter Ernten und ,Ueberspekulanon seit Anfang 1914 verursachte Krisis am 1. August 1914 plötzlich ins Ungeheure stieg. Es wurde ein einmonatliches Moratorium erklärt, der Export von Gold, altem Eisen, Medikamenten*) dauernd, der von Getreide zeitweise verboten. Natürlich wirkten diese wirtschaftlichen Wirren auch stark auf die Landwirte und zwar sowohl auf die Großgrundbesitzer (estancieros) wie auf die Farmer zurück. Bei der großen Ausdehnung des Landes — Argentinien ist fünfmal so groß wie Deutschland — den verschiedenen Boden-, Klima- und Absatzverhältnissen ist dieser Einfluß natürlich nicht gleichartig, Und da die jüdischen Ackerbaukolonien in verschiedene Zonen zerstreut liegen, so müssen wir sie auch gruppenweise betrachten. Wenn der Leser einen Blick auf die beigefügte Karte wirft und in der Erdkunde nicht ganz unbewandert ist, so wird ihm auffallen, daß das Flußsystem des Parana und des Uruguay, die sich in den La Plata ergießen, eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem sich mit dem Schatt-el-Arab vereinigenden Euphrat und Tigris hat. Man nennt daher das von den erstgenannten Strömen umspannte Land das argentinische Mesopotamien; politisch bildet es die Provinzen Entre Rios (,,zwischen den Flüssen") und Gorrientes (,,Laufende Wasser"). Es war ursprünglich ein von gewaltigen Urwäldern bestandenes Hügelland, das von zahlreichen Bächen durchschnitten wurde, dagegen ist Grundwasser erst in einer Tiefe von 30 Metern zu finden. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar, aber stark lehmhaltig, so daß tiefwurzelnde Pflanzen wie die Luzerne dort nicht gedeihen. Bei längerem Regen wird die Oberfläche derartig klebrig, daß man sie tage-, ja wochenlang nicht bearbeiten kann, sio^ar kaum wagen darf, sie ziu betreten, weil man ganz einfach in dem Lehmbrei stecken bleibt. Im Zentrum dieser Region liegen vier jüdische Kolonien und zwar von Süden nach Norden ,,Lucienville'\ ,,Clara', ,,Santa Isabel" und ,,San Antonio", die ungefähr 1.100 jüdische Farmer beherbergen. Diese Siedlungen stellen keinen geschlossenen Komplex da *, sondern sind durch Ländereien von einander getrennt, auf welchen sich deutsch-russische, italienische, französische Farmer niedergelassen haben, teils bilden sie große Güter oder sind noch mit Urwald bestanden. Diese mesopotamischen Bauern haben von 1905 bis 1909 eine Periode des erfreulichen Gedeihens gehabt. Der Ackerbau — der Boden eignet s;ch in erster Linie für Leinsaat und Weizen — gibt, wenn alle Faktoren günstig sind, hier sehr gute Erträge, nur kommt leider meist etwas dazwischen, seien es die Fröste im Frühjahr, Heuschrecken im Sommer, oder Regen während der Ernte. Die für viele Gegenden Argentiniens so wichtige Futterpflanze, die Luzerne, gedeiht zwar nicht, dagegen *) Arzneien werden im Lande nicht erzeugt, sondern kommen meist aus Deutschland. Die Entente-Länder suchten sie in Argentinien aufzukaufen. bedeckt den Boden bei normaler Witterung ein natürlicher feiner Grasteppich mit wildwachsendem Klee und anderen Kräutern gemischt, so daß er Sommer und Winter eine ideale Viehweide abgibt. Die sich überall herumschlängelnden Bäche lassen sich leicht für die Tränke aufstauen. Der Viehstand der Farmer hatte sich allmählich' vermehrt, und da eine englische Gesellschaft an mehreren Plätzen Milchschleudermaschinen aufstellte, so war eine tägliche Mllchproduktion von sechzigtausend Litern, die eine Summe von 3500 Mark darstellte, nichts Seltenes. Der so gewonnene Rahm wurde in Basalübaso, der Eisenbahnstation der Kolonie Lucienville, in eine Butterfabrik übergeführt, welche ihre Produkte nach Buenos Aires zum Konsum oder zum Export sandte. Der Erlös der Milch, der Verkauf der Jungochsen und der Produkte des Hühnerhofes sicherte dem Farmer reichlich seine Existenz; gab die Ernte einen Ertrag, so war es eine erfreuliche Nebeneinnahme, versagte sie, so ging es eben auch so. Da brach vor fünf Jahren eine gewaltige Dürre über einen großen Teil Südamerikas herein, die eigentlich mit kurzen Unterbrechungen bis Ende 1913 gedauert hat. Das feine Gras verschwand, die Bäche versiegten und das Vieh ging durch Wasser- und Futtermangel elend zu Grunde, auch viele Arbeitspferde erlitten das gleiche Schicksal. Der Lebensnerv der mesopotamischen Kolonien war durchgeschnitten, und den beiden in diesen wirkenden landwirtschaftlichen Genossenschaften gelang es nicht, leihweise die nötigen Geldmittel aufzutreiben, um für jeden Farmer wieder einen Stock Kühe bereit zu stellen. Man mußte sich notgedrungen fast ausschließlich dem Ackerbau wieder zuwenden, und zwei bis drei gute Ernten hätten die Lage wieder in die Höhe gebracht. Leider blieben diese aber aus, und aus einem oder dem anderen Grund waren die Ernten 1909/10 bis 1913/14 — man erntet in Argentinien vom November bis Februar — sehr schwach. Ganz besonders schlimm sollte es jedoch 1914 werden. Um Versäumtes nachzuholen, öffneten s;ch die Schleusen des Himmels zu stark und zu lange. Aus harmlosen Bächen wurden reißende Gewässer, Wege, Stege, Eisenbahndämme verschwanden in der Wasserflut, und das Ackerland verwandelte sich monatelang in einen masurischen Sumpf. An das Bestellen der Felder war nicht zu denken, und ein dem Verfasser bekannter mesopotamischer Farmer schrieb mit Galgenhumor : .,Die Vorsehung verläßt einen jüdischen Landwirt doch niemals. Wir zerbrachen 'uns den Kopf, woher heuer die Saatgut hernehmen, und siehe da, jetzt können wir unsere Länder überhaupt nicht ackern, sind also der Sorge um Saatweizen enthoben. " Im ganzen wurde kaum ein Drittel der beabsichtigten Fläche angebaut, und auch dies noch zur Unzeit, aber selbst dies Wenige litt stark durch Heuschreckenschwärme und eine neue Sintflut. Die mesopotamischen Farmer konnten daher weder die guten Getreide, noch die hohen Viehpreise, welche der Krieg verursachte, ausnutzen, leiden indessen stark unter dem Fehlen allen Kredites und der Teuerung aller landwirtschaftlichen und häuslichen Bedarfsartikel. Die argentinische Regierung .hatte für derartig geschädigte Landwirte eine Ausleihe von Saatgut in Aussicht gestellt, machte aber bedauerlicherweise bei den jüdischen Farmern Mesopotamiens allerhand Schwierigkeiten, sich der Notwendigkeit zu entziehen. Um sich den Bedingungen der Re-

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