Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Namenrecht und Taufe
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 349 - 350 (sequence 4)
- Language
- German
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349 Zum Charakterbilde Steinschneiders. 350 Zusammenfassung. 1. Indem die Behörde es zuläßt, daß zum Christentume übertretende Juden ihren alttestamen* tarischen Familiennamen gegen einen solchen ein* tauschen, der regelmäßig nur Christen angehört, unterstützt sie Bestrebungen, die dazu geeignet er* scheinen, eine sonst nur im Warenverkehr bekannte Unlauterkeit des Wettbewerbs auf den Personenver* kehr zu übertragen, das Judentum öffentlich herabzu* setzen und die Ueberzeugung von der verfassungs* mäßig gebotenen Unparteilichkeit der Behörde bei vielen Staatsbürgern zu erschüttern. 2. Die Bewilligung von derartigen Namensänderungen widerspricht anscheinend dem Gesetze über den unlauteren Wettbewerb, den Bestimmungen der §§ 12 und 826 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, dem § 18 des Handelsgesetzbuchs sowie dem § 166 des Strafgesetzbuchs. ZUM CHARAKTERBILDE MORITZ STEINSCHNEIDERS. Von Dr. W. Ahrens (Rostock). Herr Dr. Ludwig Geiger, a. o. Professor der Berliner Universität und Geheimer Regierungsrat, veröffentlichte in Nr. 160 des „Berliner Tageblatts" ein „Gedenkblatt" für Moritz Steinschneider, den vor nunmehr einem Jahrhundert geborenen berühmten Orientalisten und Bibliographen. Bei aller Anerkennung des ungeheuren Fleißes und der außerordentlichen Gelehrsamkeit des Gefeierten finden sich in dem Aufsatze einige Stellen, die allen denen, die eine Vorstellung von Steinschneiders Art und Lebensarbeit gewonnen haben, recht peinlich sein müssen. Ganz besonders anstößig und tadelnswert ist insbesondere ein Satz Geigers, den ich wörtlich hier wiedergeben will und muß; Herr Geiger sagt: „Dabei hatte Steinschneider, wie man wohl sagen kann, ohne ihm irgendwie zu nahe zu treten, einen gewissen merkantilen Geist: er vermied es, seine ungeheuer gelehrten Arbeiten über jüdische Mathematiker und Naturforscher, Mediziner und Uebersetzer in jüdischen Zeitschriften drucken zu lassen, die nichts oder sehr wenig zu zahlen vermochten, sondern verstand es, solche Arbeiten bei Akademien oder gelehrten Körperschaften und in großen Spezialzeitschriften des In- und Auslandes unterzubringen, wo sie anständig honoriert werden." Jean Paul hatte einen wunderlichen Freund, den Regierungsrat Kraus, der allen Buchhändlern den Kampf bis aufs Messer zugeschworen hatte, weil sie durch ihre Honorare alle Schriftsteller, auch seinen Jean Paul, verdürben. Für manche Männer der Feder mag das zutreffen, und auch für einzelne, wenn auch gewiß nicht zahlreiche Verleger, jedoch die wissenschaftlichen Zeitschriften, in denen Steinschneider seine von Geiger erwähnten grundgelehrten Arbeiten veröffentlichte, sind sämtlich über den Verdacht, durch ausschweifende Honorare jemals einen Schriftsteller oder Gelehrten verdorben zu haben, himmelhoch erhaben. Wofern sie überhaupt Honorare gewähren, was keineswegs die Regel ist, halten sich diese in den bescheidensten Grenzen. Schon in der Natur der bibliographischen und literargeschichtlichen Arbeiten Steinschneiders liegt es begründet, daß sie eine der mühevollen Arbeit nur irgendwie äquivalente Honorierung wohl niemals finden konnten. Und dann bedenke man Steinschneiders besondere Art, zu publizieren! Ein umfangreiches, mit Bienenfleiß in vielen Jahren zusammengetragenes, kritisch gründlich durcharbeitetes Material wurde nach Möglichkeit komprimiert, dabei die Literaturangaben aufs äußerste, ja bisweilen bis zur Unerträglichkeit, abgekürzt, ein Verfahren, das dem weniger eingeweihten Leser oft Verständnis und Benutzung recht erschwerte, das aber auch unter dem Gesichtspunkte der Honorarfrage höchst unpraktisch war, wenigstens — für den Autor. Ich muß dazu freilich die einschränkende Bemerkung machen, daß ich keineswegs in der Lage bin, Steinschneiders ganze, über die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft des Judentums und der semitischen Philologie sich erstreckende publizistische Tätigkeit zu überschauen, und diese Erwiderung daher gern einem Zuständigeren überlassen hätte. Aber die von Herrn Geiger in diesem Zusammenhange mit Recht an erster Stelle genannten Arbeiten Steinschneiders über jüdische und arabische Mathematiker, wohl die wichtigsten aus dieser ganzen Kategorie Steinschneiderscher Veröffentlichungen, kenne ich sämtlich, habe in ihnen oft genug Belehrung gesucht und gefunden und glaube entschieden, daß man nach diesen Schriften Steinschneiders wissenschaftliche Arbeitsweise einigermaßen beurteilen kann. Von ,,merkantilem Geist" vermag ich in dieser ganzen Art von Publizistik auch nicht das kleinste Körnchen zu entdecken, wohl aber außerordentlich viel von solider, entsagungsvoller Arbeit, von bewundernswerter Gelehrsamkeit und unermüdlichem Fleiß. Diese Wesenszüge Steinschneiders hat nun freilich auch Herr Geiger mit warmen, sympathischen Worten anerkannt, und demgegenüber muß jene Bemerkung von dem angeblichen „Merkantilismus" um so mehr befremden, als der Artikel die Schwierigkeiten der materiellen Existenz, mit denen Steinschneider „jahrzehntelang" zu kämpfen hatte, nachdrücklich hervorhebt. Bemerkt doch Geiger auch zum Schlüsse noch ausdrücklich, daß dieser „Fürst im Reiche des Wissens" auch am Abend seines ungewöhnlich langen (neunzigjährigen) und überaus fleißigen Lebens nur „in recht mäßigen ökonomischen Verhältnissen lebte". Auch wenn Steinschneider mit Gütern des Glücks ebenso reich wie mit denen des Geistes gesegnet gewesen wäre, auch wenn er von den" gedachten Fachzeitschriften die ansehnlichsten Honorare erhalten hätte, was beides, wie schon gesagt, ganz und gar nicht der Fall war, so wäre bei dem hervorragenden Wert dieser gediegenen und mühevollen Arbeiten niemand berechtigt, hierüber irgendwelche Verwunderung zu i