Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Wilhelm Wachtel
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 1)
- Language
- German
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293 Wilhelm Wachtel. 300 WILHELM WACHTEL Von Prof. Dr. Arnold Weiß (München). Es gewährt einen eigenartigen Genuß und bietet zugleich reiche Belehrung, den Werdegang eines Künstlers von seinen frühesten Anfängen zu ver* folgen, wie er von den ersten tastenden Versuchen durch Irrungen und Wirrungen hindurch sich lang* sam emporarbeitet, bis er endlich seinen Weg ge* funden hat und nun die Höhe zu erklimmen be* ginnt, auf deren Gipfel er das Ideal seiner Träume zu erschauen hofft. Vor ungefähr fünfzehn oder sechzehn Jahren sah man eine kleine Ausstellung des jungen galizischen Malers Wilhelm Wachtel und war verblüfft von der Vielfältigkeit der Motive sowohl, wie von der Verschiedenheit der Ent* wicklungsstufen, aus denen die Bilder zu stammen schienen. Man erinnert sich noch heute gern eines Mädchenbildnisses in Lebensgröße, von großer individualisierender Kraft, voll Harmonie in der kecken Bewegung und dabei fein abgetönt in den Farben; daneben ein Blumenstück von akademischer Glätte und ein Interieur von rührender Unbe* holfenheit, welches aber dafür zeugte, daß der Maler die Dinge mit eigenen Augen sah und nach einem selbständigen malerischen Ausdruck des Gesehenen rang. Es waren in der Ausstellung einige Land* scharten, Stilleben, Porträtstudien, und wenn der Beschauer — was er in jeder Ausstellung eines Neu* lings stets tun sollte — länger bei der Betrachtung der Bilder verweilte, fühlte er sich immerlmehr von ihnen angezogen. Seither konnte man öfters Wachtels Bildern in Ausstellungen in Wien, Lemberg und Krakau begegnen. Die Leistungen Wachtels waren immer reifer, geschlossener, aber es war keine ge* rade Linie der Entwicklung in ihnen wahrzunehmen. Wie auf jeden empfänglichen Künstler, machten auch auf ihn die inzwischen auftretenden Strömungen in der Malerei starken Eindruck, sie beunruhigten ihn; es war ersichtlich, daß er ihnen gegenüber Stellung zu nehmen suchte, um sich mit ihnen auseinanderzu* setzen und abzufinden. Immer mehr jedoch wurde es klar, daß er schließlich diese äußeren Eindrücke innerlich überwand und unbewußt seine eigene Linie beibehielt, das Charakteristische seines Wesens immer stärker herausarbeitete. Dieses besteht in einem natürlichen, unverkünstelten Sehen der Dinge und einem energischen, fast robusten Streben, sie natürlich und ungekünstelt auf die Leinwand zu bannen. Es ist etwas Ehrliches und Ungeschminktes in seinen Bildern, sie verschmähen die malerische Phrase und das unfruchtbare Getändel mit den Richtungen und Tendenzen, die sich marktschreie* risch breit machen. Der gesunden Neigung, nur das wirklich Erlebte und Erschaute darzustellen, sind Wachtels Bilder aus dem jüdischen Leben ent* Sprüngen; die aus der friedlichen Zeit alle in eine liebliche melancholisch*sehnsüchtige Stimmung ge* taucht, daneben einige erschütternde Gemälde aus der Wilhelm Wachtel Kriegsflüchtlinge Wien