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Ost und West · 1916-06-01 · Heft 6-7 (Juni-Juli 1916) · p. Seite 279 - 280

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
Article
Morituri, oder: Der Untergang der deutschen Juden
Date
1916-06-01
Page
Seite 279 - 280 (sequence 3)
Language
German
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279 Kriegsliteratur 280 und wieder ausgetilgt; doch während bei den übrigen Nationen des Reiches die Bevölkerungszahl zurückging, sind bei ihnen aus den spärlichen Ueberresten stets neue Millionen erwachsen. Und an geistiger Kraft haben sie niemals eingebüßt, sondern, wie auch um sie die Kulturepochen wechselten, immer bis auf den heutigen Tag standen sie auf der vollen Höhe ihrer Zeit." . . . Einige Seiten weiter findet man nachstehende, wie eigens für die jetzige Zeit geschriebenen Sätze: „Gesetzlich freilich hat der erste Nachwuchs (nach einem verheerenden Kriege) noch nicht die Möglichkeit, den geistigen Bestrebungen, welche doch fast alle zum schönen Luxus gehören, seine Kräfte zu widmen; vorher muß für die nötigsten Lebensbedürfnisse gesorgt und die drückende Armut, welche die Zeit der Zerstörung hinterlassen hat, überwunden werden. Aber ist Wohlstand hergestellt und der Menschenverlust ersetzt, so erhebt sich das gereinigte Volk zu seiner höchsten Höhe. Den Juden war dieses Glück in der römischen Kaiserzeit und im Mittelalter nicht beschieden, weil die Schläge sich zu schnell folgten und auch in den Zwischenräumen der Druck, welcher auf ihnen lastete, zu hart blieb, um ihnen ein freies Regen des Geistes zu gestatten. Dafür sind sie wieder und immer wieder durch die grause Zuchtwahl des Völkermordes veredelt worden, mit welchem Erfolge, das zeigt die Neuzeit, in der sie von dem neu verliehenen Rechte, an der geistigen Arbeit der Nationen unbeschränkten Anteil zu nehmen, in so glänzender Weise Gebrauch machen.'' Mit den frommen Wünschen der Herren Fritz, Paphnutius und Genossen ist es, wie es scheint, vorläufig nichts. Wir haben keine Lust, ihnen den Gefallen zu tun. Die Welt Gottes ist trotz allem doch zu schön. Und wir haben unser letztes Wort noch lange nicht gesprochen. Wir sind der Ansicht, (daß die Erde uns ebensogut gehöre, wie allen anderen Zweibeinern hienieden. Es wül uns nicht einleuchten, daß von den ungefähr 1500 Millioner} Menschen auf unserem Planeten justament der hundertste Teil kein Recht hätte, zu leben, und schleunigst machen müßte, daß er fortkäme. Wohl kein anderes Volk der Welt zahlt so viel, wie wir, für das bißchen Dasein auf Erden, und darum sind wir auch gesonnen, dieses Dasein zu behaupten. Den Unterschied zwischen „WirtsVölkern44 und „Gastvölkern" vermögen wir nicht anzuerkennen. Gäste sind wir Menschen alle auf dieser dunklen Erde. Es gibt heutzutage kein Volk, welches in den ursprünglichen Grenzen lebte, wie dazumal, als es in die Geschichte eintrat. Die Erde hat Raum genug für alle. Es' ist übrigens ja nicht das erste Mal, daß mancher uns aus der Welt wegwünschte und diesen seinen Wunsch nicht nur in Zeitschriften durch Artikel zum Ausdruck brachte. Die Devise Pobjedonoszews: ein Drittel der Juden soll totgeschlagen, ein Drittel ausgehungert und ein Drittel ausgetrieben werden, wurde ja schon im byzantinischen Reich , angewandt, mit welchem Erfolg, sieht man ja. Pobjedonoszew liebte es, gleich wie Zar Peter der Große, bisweilen unerkannt unter dem Volke zu wandeln und dessen Ansichten über seine Politik zu erkunden. Auf einem dieser Gänge ließ er sich mit einem einfachen Juden in ein Gespräch ein, und fragte ihn, waä die Juden von den Verfolgungen dächten, die der Prokuror des Heiligen S<ynod unablässig über sie verhängte. „Budjet prazdnik" (es wird ein Fest geben), antwortete der Jude. „Ein Fest? Was ifür, ein Fest? Da man euch ausrottet, verjagt und aushungert." — „Die Juden sagen, das war immer so. Zuerst war Pharao, der rottete sie aus, am Ende haben wir ein Fest, das ist Pesach, dann kam Haman, rottete sie aus, nun haben wir ein Fest, das ist Purim, dann kam Antiochus, rottete sie aus, nun haben wir ein Fest, das ist Chanukka. Es waren noch viele, die uns ausrotteten, und jedesmal gab es ein Fest. Aber die Feste häuften sich so sehr, daß sie nur wenige} Jahre vorhielten. Man kann ja am Ende nicht alle Tage Feste feiern." Jener Jude hatte Recht. Das war immer so!... KRIEGSLITERATUR. Eine äußerst wertvolle Gabe bietet Dr. M. Spanier in seinem Büchlein „Leutnant Sender, Blätter der Erinnerung für seine Freunde. Aus seinen Feldpostbriefen zusammengestellt." Dritte vermehrte Auflage1). Der Herausgeber entwirft in kurzen Sätzen mit herzlichen, schmucklosen Worten eine Skizze des Lebenslaufs dieses stillen, anspruchslosen, aber kernigen und seelisch unendlich reichen Menschen, der in der Blüte der Jahre, an der Schwelle des> Mannesalters, fürs Vaterland starb, nachdem er wahre Kriegsheldentaten vollbracht. Die Feldpostbriefe Senders reichen vom 8. August 1914 bis zum 9. Juni 1915. Die ganze schicksalsschwere Zeit spiegelt sich in ihnen. Mannhaft, ruhig, ergeben, treu, schlicht, ohne Pathos, von einem tiefen, natürlichen Gefühl getragen, oft von liebenswürdigem, fast heiterem Humor durchhaucht, erzählen sie, was der Schreiber erlebt hat. Es tritt uns aus ihnen ,,das Bild eines im tiefsten Sinne des Wortes liebenswürdigen Menschen" entgegen, der aber noch viel mehr war, nämlich eine tiefe, reiche Seele, und den das Schicksal über ihn selbst erhöht hat. Einzelne dieser Briefe sollte man in die Lesebücher aufnehmen, damit sie sich der heranwachsenden Jugend fürs ganze Leben einprägen. So u. a. den kleinen Brief nach dem Tode der Mutter, ein Wunder an Zartgefühl und Männlichkeit, an Innigkeit und stiller Kraft. — Es wäre zu wünschen, daß auch andere jüdische Feldpostbriefe gesammelt werden, aber daß sie einen Herausgeber finden, der seine Sache mindestens so gut macht, wie Dr. M. Spanier. Alfons Paquet, der sich als Romandichter und Reiseschilderer einen geachteten Namen gemacht hat, bietet einen Band Reiseerlebnisse und Betrachtungen „In Palästina"2). Ein Kapitel mit der Ueberschrift „Zion" wird die jüdischen Leser *) Hamburg 1916, Verlag von M. Glogau jr. 2) Eugen Diederichs, Jena.

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