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Ost und West · 1916-06-01 · Heft 6-7 (Juni-Juli 1916) · p. Seite 277 - 278

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
Article
Morituri, oder: Der Untergang der deutschen Juden
Date
1916-06-01
Page
Seite 277 - 278 (sequence 2)
Language
German
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277 Morituri, oder: Der Untergang der Deutschen Juden. 278 schönen Morgens erwachen wir und atmen erleichtert auf; es gibt keine Juden mehr! In dieser kritischen Zeit haben die Herren die geheimsten Wünsche ihres Herzens ausgeplaudert. Leider reifen nicht alle Blütenträume, und es kommt bisweilen vor, daß auch die Statistik sich irrt. Dreierlei Lügen gibt es, sagt ein englisches Witzwort: weiße Lügen, schwarze Lügen und Statistik. Es könnte sein, daß die Statistik des Sehers Theilhaber zu der dritten Sorte gehört. Es soll auch sehr häufig vorkommen, daß ein großer Arzt, der von einem Kranken versichert, ihm stehe das letzte Stündlein bevor, sich arg verrechnet und von ihm nach Jahren zu Grabe getragen wird. Man denkt unwillkürlich an jenen berühmten Professor, der in einen elektrischen Wagen tritt; ein alter Arbeiter erhebt sich ehrerbietig - ,,Bitte, darf ich Ihnen meinen Platz anbieten, Herr Professor Ypsilon?" — Danke schön, aber woher wissen Sie meinen Namen?" „Wie soll ich Ihren Namen nicht wissen? Sie haben mir ja das Leben gerettet!" — „Ich wüßte nicht . . ." „Das ist kein Wunder, Ihnen glückt das ja jeden Tag, aber mir ist es nur einmal passiert, darum denke ich daran. Vor zehn Jahren war es, ich lag drei Monate im Hospital schwerkrank darnieder. Die Aerzte hatten mich aufgegeben, ich merkte, daß mein Ende 'bevorstand. In der Verzweiflung ließen meine Aerzte Sie, Herr Professor, aus der benachbarten Station bitten. Sie kamen, fühlten mir den Puls, beugten sich nieder, beklopften und behorchten mich sehr genau, dann gingen Sie lange im Saal sinnend auf und nieder, schließlich sprachen Sie ein Wort, ein einziges "Wort, und in dieser Stunde fing es an, mir besser zu gehen. Bald konnte ich entlassen werden. Seither sind Jahre verflossen, ich bin immer kerngesund und ernähre Frau und Kind." „Was war das für ein Wort, welches ich sprach?" — „Latein verstehe ich nicht, aber jenes Wort habe ich mir gemerkt. Es lautete: moriturus" ... Wir Juden waren oft schon in einer Lage, da die weisen Professoren sagen konnten: morituri! Es ist allemal nichts daraus geworden. Man denke an die Zeit nach den Kreuzzügen, oder am Ende des 15. Jahrhunderts, da in ganz Deutschland nur drei oder vier größere jüdische Gemeinden zurückblieben und die ganze Iberische Halbinsel judenleer geworden war, oder an Polen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, nachdem infolge der Kosaken- und der Schwedenkriege mehr als siebenhundert jüdische Gemeinden vernichtet und nahezu eine halbe Million Juden getötet worden waren. Morituri? ... Dann denke man weiter zurück an die ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Hier tut man am besten, einen der ersten deutschen Kenner des klassischen Altertums, sprechen zu lassen. Otto Seeck, keineswegs ein verblendeter Judenfreund, sagt in seinem Werk „Geschichte des Unterganges der antiken Welt" (1910) gelegentlich der Schilderung des Zerfalls des römischen Reiches in bezug auf die Juden folgendes: „Die Semiten haben am längsten einen Teil ihrer geistigen Frische bewahrt; doch soweit sie zum Reiche gehörten, sind endlich auch sie in das allgemeine Verderben mit hineingezogen. Nur einer ihrer Stämme hat sich bis aufQien heutigen Tag in ungebrochener Kraft erhalten und der Weltkultur Dienste geleistet, deren Größe außer allem Verhältnis zu seiner geringen Menschenzahl steht. Als das Altertum sich dem Untergange zuneigte, hat er die christliche Religion als Vermächtnis für eine bessere Zeit aus sich hervorgehen lassen, dann durch die Schöpfung der neu-platonischen Philosophie auch das Heidentum neu belebt. Im Mittelalter hat er fast den gesamten Geldverkehr zu monopolisieren verstanden, in der Neuzeit Europa einen seiner größten Denker geschenkt; und seit in unserem Jahrhundert die gesetzlichen Schranken gefallen sind, welche ihn bis dahin einengten, gibt es kein Gebiet der geistigen und wirtschaftlichen Tätigkeit, auf dem er nicht sogar der germanischen Nation zum ebenbürtigen und oft überlegenen Mitbewerber würde. Und dieser Stamm ist nicht etwa ein Liebling des Glückes gewesen, sondern im ganzen Verlauf der Geschichte hat kein anderes Volk so viele Schläge und Niederlagen erlitten, wie die Juden. Nachdem sie in den Kriegen mit ihren übermächtigen Nachbarn fast aufgerieben waren und der kleine Rest ein Menschenalter lang in der Verbannung hatte trauern müssen, machte sich ein Häuflein entschlossener Fanatiker, die an den Wassern zu Babel Zions nicht vergessen hatten, von neuem auf die Wanderschaft, um den heiligen Tempel wieder zu erbauen. Unter steten Kämpfen mit den feindlichen Samaritern erwuchs aus wenigen Tausend Köpfen ein Volk von Millionen, das in seiner eigenen Heimat bald nicht mehr Raum fand und ganz Asien und Aegypten mit seinen Auswanderern überschwemmte. In den Streitigkeiten der Ptolomäer mit ihren syrischen Nebenbuhlern war das Land immer wieder Durchzugsgebiet und Kampfplatz zuchtloser Söldnerscharen. Antiochus Epiphanes ließ die Juden, welche sich seinem tollen Bekehrungseifer nicht beugen wollten, zu Tausenden hinschlachten, und che langjährigen Befreiungskämpfe der Mäkkabäer, die mit aller Wut eines Religionskrieges geführt wurden, verbreiteten aufs neue Mord und Verwüstung über das ganze-Volk. Kaum hatte es ein Jahrhundert Zeit gehabt, seine Wunden zu heilen, als der große Aufstand gegen die römische Herrschaft losbrach und Judäa völlig zur Wüste machte. Jeder Beschnittene, der den Soldaten in die Hände fiel, wurde niedergemacht oder in die Sklaverei verkauft, falls er nicht ganz besondere Verdienste um das römische Reich nachweisen konnte, und diese schaudervolle Metzelei blieb nicht auf Palästina beschränkt. Denn wo Juden wohnten, da waren sie gemieden und verhaßt; fast in allen Städten des Orients benutzte man daher ihre Erhebung gegen das Reich als Vorwand, um unter dem Scheine der Loyalität der Volkswut freien Lauf zu lassen. In Alexandrien sollen ihrer 50 000 zum Opfer gefallen sein, in Damaskus 10000, und entsprechend in den anderen Gemeinden. Und doch empörte er sich schon wieder unter Trajan in Aegypten, Cyrene und Cypern, unter Hadrian in Palästina, und von neuem erging ein Strafgericht über das Volk, so schrecklich, wie nur irgend eines der vorhergehenden. Die „50 bedeutendsten Festungen," erzählt Cassius Dio, ,,und 985 der ansehnlichsten Dörfer wurden zerstört, 580 000 Männer fielen bei Streifzügen und Schlachten, die Menge aber der durch Hunger, Seuchen und Feuer Umgekommenen war ungezählt, so daß fast ganz Judäa verödete." So wurden die Juden wieder

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