Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Aus dem Reiche der Mystik und Magie
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 259 - 260 (sequence 1)
- Language
- German
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259 Aus dem Reiche der Mystik und Magie. 260 AUS DEM REICHE DER MYSTIK UND MAGIE. (HEBRAEISCHE AMULETTE MIT MAGISCHEN ZAHLENQUADRATEN.) Von Dr. W. Ahrens (Rostock). Mit dem Worte „Hamalet" (Anhängsel) bezeichnet der Araber angefädelte, mit allerlei Figuren oder sonstigen Inschriften bedeckte Steine, die irgendwo am Leibe getragen werden, und in der Form „Amulett" ist das Wort in alle europäischen Sprachen übergegangen. Vor 100 Jahren muß die Damenwelt für solche Amulette und Talismane ein starkes Interesse bekundet haben; wenigstens beginnt der bekannte Orientalist Josef von Hammer-Purgstall eine Abhandlung, die er im Jahre 1814 „über die Talismane der Moslimen" veröffentlichte, mit den Worten: „Seit einem Jahrzehnt beiläufig hat die Liebhaberei der Talismane oder Inschriftsteine bei den Schönen der ersten Hauptstädte- Europas, vorzüglich aber bei den Damen von Wien und Petersburg, überhand genommen." Auch heute erleben die Amulette wieder eine Glanzperiode, doch jetzt ist es das starke Geschlecht, der Kriegsmann, der diesen Dingen ein besonderes Interesse widmet. In allen Kriegen der letzten Jahrhunderte ist's so gewesen. Viele Jahre und Jahrzehnte mögen diese Werkzeuge des Okkultismus und der Magie ein verborgenes Dasein in verschwiegenen Laden und Truhen geführt haben: sobald die Kriegsfanfare ertönt, eilen auch sie zu den Fahnen, zu den Fahnen aller kämpfenden Heere. In den verschiedensten Formen treten sie auf, diese geheimen Schutzmittel, denen die Kraft innewohnen soll, ihre Träger „hieb-, schuß- und stichfest" zu machen, wie die stehende Formel lautet. Notmünzen, Schutzbriefe, Himmelsbriefe, Nothemden, Waffensalben sind nur einige unter den Mitteln, die die Geheimwissenschaften für solche Zwecke in ansehnlicher Zahl bereit halten. Die Münze zu Kremnitz in Ungarn hat es verstanden, diesen Krieger-Aberglauben merkantilisch im großen auszubeuten, indem sie die seit dem Dreißigjährigen Kriege von den Kriegsmannen besonders begehrten und teuer bezahlten „Görgentaler", Taler mit dem Drachentöter Georg, prägte, mit dem Erfolg,, daß ihr aus dieser Quelle viele, viele Jahre hindurch erkleckliche Einnahmen zuflössen. Noch blühender wohl war der Handel mit den „Passauer Zetteln", so benannt nach ihrem Erfinder, dem Passauer Scharfrichter Kaspar Neithart. Scharfrichter, Mönche und fahrende Schüler in erster Linie vertrieben und verkauften diese Passauer Zettel, die der abergläubische Kriegsmann dann entweder bei sich trug oder auch zu größerer Sicherheit durch Mund und Schlund seinem inneren Menschen einverleibte. Vom Trojanischen Kriege bis auf den gegenwärtigen Weltkrieg weiß die Legende von Kriegern, zumeist Heeriübrern oder Fürsten, zu berichten, die angeblich „fest"waren. Unter den Helden, die um Priams Feste stritten, war es bekanntlich der schnellfüßige Achill, von dem zwar nicht Homer, wohl Abb. 1. Amulett des |ber die spätere griechische Germanischen Natio* Sage zu Berichten wußte, daß nalmuseums in Nürns die Mutter ihn sogleich nach berg der Geburt durch Eintauchen in Feuer, nach anderer Darstellung: in siedendes Wasser, unverwundbar gemacht hatte, mit Ausnahme freilich der berühmten Ferse, an der sie ihn festgehalten hatte. In der deutschen Sage ist es der im Bade des Drachenblutes gehörnte Siegfried, und auch hier sieht sich die Mythe genötigt, der Parze eine verwundbare Stelle, die das Lindenblatt beim Bade verdeckt hatte, zuzugestehen. Von geschichtlichen Personen soll Karl XII. von Schweden sich selbst für „fest" gehalten haben, und andere Heerführer, wie Wallenstein, der alte Dessauer, Friedrich der Große, Napoleon, waren wenigstens in den Augen ihrer Soldaten von der Gloriole der „Festigkeit" umstrahlt. Für einen Stallmeister Bernhards von Weimar, der gleichfalls in dem Rufe stand, „fest" zu sein, mußten die Kroaten erst eine besondere Todesart erfinden: da er weder erschossen noch erstochen werden konnte, gruben sie ihn in die Erde, so daß nur der Kopf heraussah, und kegelten ihn dann tot. Auch aus dem gegenwärtigen Weltkriege erzählt man von einem alten Soldaten, der angeblich bei manchen Kriegern den Ruf der Unverwundbarkeit genießt: es ist der Liebling unserer Truppen, der legendenumwobene alte Feldmarschall Grat Haeseler. Uebrigens haben die Heerführer, wenigstens der früheren Zeiten, sich gern solche Torheiten gefallen lassen: der Ruf der eigenen „Festigkeit" konnte nur dazu dienen, das Vertrauen der Kriegsmannen zu ihrem Führer zu erhöhen, und auch den Gebrauch der Schutzmittel gestattete man dem Soldaten nur zu gern; denn je fester er diesen vertraute, mit um so größerer Tapferkeit stürzte er sich ins Kampfgetümmel. Doch nicht von Amuletten allgemein und auch nicht von Kriegsamuletten schlechtweg, deren Formenmannigfaltigkeit — von der Kaninchenpfote bis zum Bilde der Geliebten — schier unübersehbar ist, soll hier die Rede sein, sondern die Aufmerksamkeit des Lesers sei auf eine besondere Art von Amuletten gerichtet, für die der Okkultismus ein eigenes, durchgebildetes System, ieine förmliche „Wissenschaft", geschaffen hat. Es sind Amulette mit sogenannten „magischen" Zahlenquadraten, von denen wir hier sprechen wollen, und auch unter ihnen werden wir uns auf solche mit hebräischen Bestandteilen — hebräischen Zahlenquadraten oder doch hebräischen Namen — beschränken. Ein solches Amulett, und zwar von einfachster Art, erblicken wir in Abb. 1: Es ist ein Silberstück, das sich im Besitze des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg befindet. Die Rückseite ist nur das vertiefte Negativ der Vorderseite. Die hebräischen Zeichen sind hier als Zahlen zu bewerten, und das dargestellte Quadrat ist somit das unserer Fig. 1. In 9 Feldern haben wir die Zahlen von 1 bis 9, und zwar, wie wir sogleich sehen werden, in besonderer Anordnung. Addiert man nämlich die Zahlen der obersten wagerechten Reihe („Zeile" wie wir hinfort sagen wollen), also 4+ 9+ 2, so erhält man 15, und dieselbe Summe ergibt sich in jeder der beiden anderen 4 9 2 3 5 7 8 1 6 Fig. 1