Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 253 - 254 (sequence 6)
- Language
- German
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253 Der jüdische Volksgesang im Lichte der orientalischen Musik. 254 von 1803 ab auch selber darin nicht wohnen durften. Es ist leicht zu begreifen, daß diese Maßregel ein rapides Sinken der Grundstücke im Preis, ein Stocken der Geschäfte und ein ökonomisches Chaos nach sich brachte, dessen Folgen jahrzehntelanganhielten. „Anerkannt ist," bemerkten die Gesetzgeber, „daß es unter den Jud-en nur wenige {uneheliche Kinder, verhältnismäßig zur Volkszahl, gibt; sei nun ihre frühzeitige Verehelichung oder das eiserne Festhalten an ihren Religionsge&etzen Ursache davon/' Die weisen Männer fanden, daß die Juden sich zu rasch vermehrten, und dem mußte ein Riegel vorgeschoben werden. Ehen durften also, bei Androhung der Vermögenskonfiskation, oder auch der Leibesstrafe, nur nach Vermögensausweis und Erlegung der Taxe geschlossen werden- Das begann gleich im Jahre 1773 und dauerte Jahrzehnte. Damit die Lemberger Judenschatt keinen Zuwachs erfahre, wurde den „Ledigen und verwittweten Mitgliedern der dortigen Judengemeinde vom 18. April 1805 verboten, sich mit Mitgliedern anderer Gemeinden zu verehelichen. Es wäre denn, daß sie zugleich Lemberg verlassen." Wollte ein fremder Jude nach Lemberg übersiedeln, so mußte er eine Reihe harter Bedingungen erfüllen, u. a. diese, daß zwei bisher nach Lemberg gehörige Judenfamilien zugunsten des neuen Ankömmlings auf die Befugnis des dortigen Aufenthalts für sich und ihre Angehörigen ohne allen Vorbehalt für immer verzichteten. Für Juden, die aus Russisch-Polen kamen, wurde — allerdings in Reziprozität — der überall in Europa längst abgeschaffte Leibzoll eingeführt, den man aus Schamhaftigkeit „GeleitzoU" nannte und sorgsam nach Alter und Geschlecht abstufte. Noch im Jahre 1847 erwog man das Projekt, die hereinkommenden Juden nach dem Gewicht zu taxieren und von jedem, der mehr als 140 Pfund wog, einen Zuschlag von einem Gulden dreißig Kreuzern zu erheben! Man sieht, das Erbe, welches das 18. Jahrhundert dem nachfolgenden vermachte, war kein leichtes. Man muß das im Auge behalten, um die Emanzipationsarbeit der zwei nachfolgenden Generationen würdigen zu können. DER JUEDISCHE VOLKSOESANQ IM LICHTE DER ORIENTALISCHEN MUSIK. Von A. Z. Idelsohn-Jerusalem. I. Der Volksgesang der osteuropäischen Juden, d. h. das Volkslied und der chassidische Gesang, wurde schon oft beschrieben und erläutert. So mancher sprach ihm jede Originalität ab, indem man ihn als einen aus Elementen des slawischen und germanischen Volksgebildes zusammengesetzten Gesang darstellte, andere wieder glaubten immerhin einen originellen Bestandteil in ihm zu verspüren. Von dem Gesichtspunkt ausgehend, daß der Schöpfer dieses Gesangstypus, das jüdische Volk, doch ein semitisch-orientalischer Stamm ist, schien es mir nicht unwichtig, den jüdischen Volksgesang mit dem arabischen zu vergleichen; seine Elemente und sein Wesen im Lichte der orientalischen Musik zu betrachten. Diese Untersuchungen ergaben viel Positives und dürfen daher für weitere jüdische Kreise von Interesse sein. Um ein genaues Verständnis für die Verwandtschaft des Gesanges beider rassenverwandten Stämme herbeizuführen, ist es notwendig, eine kurze Darstellung der Grundzüge des arabischen Gesanges selbst zu geben, welche wir in unseren Ausführungen zu berücksichtigen bestrebt sind und verweisen auf unsere ausführliche Abhandlung ,,Die Magamen der arabischen Musik1). In der Musik des nahen Orients treten dem Forscher drei nationale Richtungen entgegen: Die persische (Persien, Kurdistan), türkische (Norden des türkischen Reiches) und arabische (Syrien, Arabien, Aegypten). Soweit diese Richtungen miteinander in Berührung kamen, haben sie sich gegenseitig beeinflußt und gemischt. Musikalischen Einfluß übten die Perser aber auf den Gesang der Wüstensöhne Arabiens dadurch aus, daß sie deren wilden Volksgesang in Kunstformen brachten oder vielmehr ihn in die Bahnen ihrer eigenen Musik lenkten. Diese Einwirkung währte ein Jahrtausend, bis die Türken die islamische Welt eroberten. Der leidenschaftliche Gesang der siegesbewußten Türken imponierte den Arabern, und sie fingen nun allmählich an, den türkischen Gesang zu erlernen. Mit dem Aufblühen Aegyptens im vorigen Jahrhundert begann dort auch eine neue Aera für die arabische Musik, und gegenwärtig blüht hier eine aus persichen, türkischen und arabischen und nicht zum geringen Teil auch europäischen Elementen zusammengesetzte Kunstmusik. Trotzdem ist der Volksgesang der Araber von fremden Einflüssen ziemlich verschont geblieben. Die Beduinenstämme singen ihre Volksweisen wie ehedem; ja auch' die Fellachen, insofern sie nicht unter dem unmittelbaren Einfluß einer Großstadt standen, blieben ihrem alten Gesänge treu. Der arabische Gesang setzt sich aus bestimmten. Singweisen, Makamen genannt, zusammen. Diese M.akamen bilden auch den Grundstock des persischen, türkischen, jüdischen und orientalischen ristlichen Gesanges. Der Begriff „Makama" bezeichnete ursprünglich den Stand, die Bühne, auf der die Dichter- Sänger während ihres Vortrages bei Hofe zu stehen pflegten. Von dem Ort ist dann die Bezeichnung auf die vorgetragene Sache selbst übergegangen2). Im weiten Sinne bedeutet Makam in der Musik soviel wie Musikweise, d. h. eine Musikarf", die sich ihr eigentümlicher Tonstufen und Motivgruppen bedient. Man darf den Begriff Makam Tri den Sarilmelbänden. der Internationalen Musikgesellschaft Jhrg. XV. B. 1. 1913. 2) Vgl. P. Rückerts Einleitung zu seiner Uebersetzung der Makamen des Kariri.