Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 1)
- Language
- German
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243 Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht. 244 JUEDISCHE KAEMPFE UM FREIHEIT UND RECHT. Von B. SAPHRA. Dritte Folge. DIE LAGE DER JUDEN IM ACHTZEHNTEN JAHRHUNDERT. Das Jahrhundert der Aufklärung brachte einen Umschwung in den Ansichten der erlauchtesten Köpfe Europas über die Juden und deren Stellung innerhalb des Staates und der Gesellschaft. Allein es dauerte noch lange, lange, bis die neue Anschauung sich in Tatsachen umsetzen konnte. Die Wirklichkeit war für die Juden im 18. Jahrhundert überall in Europa — mit der einzigen Ausnahme von Holland — womöglich noch schwieriger als in dem vorhergehenden. An der Geschichte dieses Jahrhunderts kann man so klar als nur möglich den Charakter des Judenhasses und der ihm entspringenden Kämpfe gegen die Juden erkennen. Sein innerster Kern ist wirtschaftlicher Natur und darum wird er von jenen Gesellschaftsklassen getragen, die in den Juden Konkurrenten erblicken und die zugleich so unaufgeklärt sind, nicht einzusehen, daß sie in den vermeintlichen Konkurrenten treffliche Bundesgenossen haben können beim Erschließen neuer Märkte und dem Eröffnen neuer Erwerbsquellen. Das ganze Mittelalter bis in die neueste Zeit hinein waren die Zünfte und Kaufmannsgilden die Organisationen des Handwerk und Handel treibenden Bürgertums der Städte. Diese Organisationen, die ehemals dem aufblühenden bürgerlichen Gewerbe gute Dienste geleistet, hatrten sich längst überlebt und bildeten nur noch gleichsam die Festungen, in denen sich eine egoistische, träge, kleinlich denkende, keiner Initiative fähige Klasse gegen, allen Wettbewerb verschanzte. Das galt gegen die eigenen Glaubens- und Volksgenossen, und natürlich in einem noch erhöhtem Maße gegen die Juden. Die Rassenabneigungen und der Religionshaß und alle daraus entspringenden Anschuldigungen wegen Kindermordes, Hostienschändung, Gotteslästerung u. dgl. waren nur der äußere Zierat, die Verbrämung, der ideologische Vorwand, hinter dem sich die Klasseninteressen eines rückständigen Bürgertums verbargen. Dort, wo dieses durch den Gang der Geschichte in das Weltgetriebe hineingezogen wurde und einen weiteren Horizont und höhere Gesichtspunkte gewann, änderte sich auch sein Standpunkt den Juden gegenüber. So kam es, daß Holland, welches in der neueren Zeit zuerst von allen Völkern Europas die Wege der modernen Entwicklung beschritt, den Juden zuerst seine Pforten öffnete und ihnen auch zuerst die begehrte Gleichstellung gewährte. Die dorthin aus der iberischen Halbinsel geflüchteten Marannen haben sehr viel dazu beigetragen, die wirtschaftliche Größe und zeitweise Weltstellung des kleinen Landes zu begründen. Keiner wird den Holländern einen strengfrommen christlichen Sinn absprechen, aber dieser hinderte sie keineswegs, den Juden gegenüber eine weitgehende Toleranz zu üben, obwohl diese Juden das Christentum, — allerdings ein aufgezwungenes Christentum —, eben erst abgelegt hatten. Die Holländer, die zuerst in Europa ein Kolonialreich begründeten und ausgedehnten überseeischen Welthandel trieben, waren auch die ersten, die sich von den engherzigen und kleinlichen Anschauungen philiströser Zünftler befreiten, anstatt in jedem rührigen Kaufmann und unternehmenden Fabrikanten einen mißliebigen Konkurrenten zu sehen. Im Gegenteil, sie begriffen die Aufgabe der Organisation dahin, jede aufstrebende Kraft von draußen in ihren Kreis zu ziehen und deren Interesse mit den ihrigen zu verbinden. Wir werden sehen, daß diese Entwicklung sich überall in Europa wiederholte: überall mußte der Geist des Zünftlertums und der Unfreiheit weichen, bevor die Juden emanzipiert werden konnten. IN WESTEUROPA. In England, besonders in London, hatte sich schon im 17. Jahrhundert eine größere Anzahl Marannen angesiedelt, die dort unbehelligt lebten, ohne jedoch durch ein besonderes Gesetz geduldet oder anerkannt zu sein. Sie galten vor der Welt als Spanier, Portugiesen oder Holländer, obwohl es öffentliches Geheimnis war, daß sie Juden waren, die vor der Religionsverfolgung hier Schutz gefunden hatten. Die Gerichte z. B. nahmen auf ihre Religion Rüchsicht und luden sie am Sabbath nicht zu einer Verhandlung vor. Solche Juden in den amerikanischen Kolonien Englands waren schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Christen gleichgestellt worden. Ein Kreis von Bürgern versuchte, solches auch im Mutterlande anzuregen und ein Minister, namens Pelham, befürwortete die Sache. Sofort regte sich der Widerstand des Pfahlbürgertums. Würden die Juden, so folgerte man, den Christen gleichgestellt werden, so würden ihrer viele ins Land strömen, sie würden viele Kapitalien herbringen, den ganzen Reichtum des Landes an sich reißen, sämtliche Ländereien erwerben und die Christen enterbten, sie zu Sklaven machen und ihre eigenen Herrscher wählen. Die Kaufleute Londons befürchteten von einem Zuzug jüdischer Kapitalien den Ruin ihres Geschäftes. Allein das Oberhaus, also der Adel und die Geistlichkeit, nahm das Gesetz an, und so wurden die Juden in England 1753 naturalisiert Sofort erhob sich gegen das Ministerium ein wilder Sturm, die Zünfte und Kleinhändlergilden machten mobil, ein hervorragender Geistlicher der Hochkirche, der die Naturalisation der Juden befürwortete, wurde öffentlich geschmäht; kurz, die Regierung war gezwungen, im Jahre 1754 das Gesetz rückgängig zu machen, „weil dadurch das Mißvergnügen erregt und die Gemüter vieler königlicher Untertanen beunruhigt worden sind." Die alten Zustände, die aber an sich ganz" erträglich waren, kehrten wieder. Es dauerte bekanntlich noch beinahe ein Jahrhundert, bis die Gemüter der königlichen Untertanen von England es vertragen konnten, daß die Juden emanzipiert wurden. In Rom hatten die Juden wechselvolle Schicksale zu erdulden gehabt. Die uralte jüdische Gemeinde in der Hauptstadt der Christenheit erhielt sich wie durch ein Wunder trotz fürchterlicher Unterdrückung und Erniedrigung. Von den Talmudverbrennungen, Zwangstaufen u. dergl. ganz zu schweigen, mußten sie u. a. seit Mitte des 14.