Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Der Plan des Panslavismus zur Lösung der Judenfrage
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 231 - 232 (sequence 2)
- Language
- German
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231 Der Plan des Panslavismus zur Lösung der Judenfrage. 232 Gustav Schneider, Ostrau bringen. Zu den von Slaven bewohnten Ländern gehören aber auch die von andern Rassen bewohnten und zwischen jenen liegenden Länder, die im Orunde nur als einstweilen geduldete Enklaven zu betrachten sind. Alle Slaven, unter russischer Oberhoheit vereint, haben die Aufgabe, die ganze Welt, mindestens ganz Asien und Europa zu beherrschen und ihnen die Segnungen der russischen Kultur zu bringen. Zu dem Zweck muß Rußland geeint sein, durch die drei Bande der Einigkeit, die drei heiligen Worte: „Autokratie, Orthodoxie, Nationalität," oder: ,,ein Zar, eine Kirche, eine Sprache." Alle Bewohner Rußlands sind dem aileinherrschenden Zaren Gehorsam schuldig, müssen sich zur orthodoxen Kirche bekennen und die russische Sprache als die ihrige betrachten, alle anderen Konfessionen, Sprachen und Nationalitäten können im russischen Reiche nur geduldet werden, und zwar nur vorübergehend. Ueber den Grad und das Ausmaß dieser Duldung gehen die Meinungen auseinander, ebenso über die Mittel zur Erreichung der dreifachen Einheit. Dieses System ist primitiv genug, um auch von dem unentwickeltsten Verstand des Muschik begriffen zu werden, enthält dabei aber genügend Elemente der Mystik und der Scheinphilosophie, um auch etwas anspruchsvollere Geister zu befriedigen, vor allem aber stachelt es den Rassenhochmut an und gibt der Eroberungssucht und der Gier, andere zu knechten und auszuplündern, einen ethischen und religiösen Vorwand. Die grausamsten Bedrückungen und Unterjochungen fremder Völker, die blutigsten Verfolgungen Andersgläubiger und Andersdenkender geschehen ja nur zum höheren Zweck, die „slavische Rasse" über alle andern zu erheben und am Ende die ganze Menschheit zu beglücken. (Nach einer Oelskizze) Einer der letzten und größten Wortführer des Panslavismus,der ihm die abschließende, noch heute im Wesentlichen geltende Form gab und ihm in den führenden Schichten Rußlands, vor allem aber in den Hofkreisen, zur Herrschaft verhalf, war der im Jahre 1887 verstorbene Michail Katkow, Herausgeber des „Rußkij Wjestnik" und der „Moskowskija Wjedomosti". Schon unter Alexander II. übte er einen großen Einfluß aus, und es hieß, daß der Zar in eigner Person sein Zensorwar, dasheißt, daß die Zensur über ihn keine Macht hatte, weil er die Ansichten des Selbstherrschers ausdrückte. Seine Macht stieg unter Alexander III. ins Ungemessener er soll jederzeit unangemeldet in das Arbeitszimmer des Kaisers Zutritt gehabt haben. Sein Jünger, von dem weiter unten die Rede sein wird, sagt von ihm, die Größe der historischen Rolle, die Katkow, allein kraft seiner Feder, gespielt, habe nie und nirgends ihresgleichen gehabt. Er hatte eine ganze Anzahl Wandlungen, vom Radikalen zum Erzreaktionär, durchgemacht, und von jedem dieser Durchgangsstadien ist an ihm etwas haften geblieben. Aus vielen Quellen hatte er getrunken, in der Jugend zu Schellings Füßen gesessen, dann bei Gneist und Blackstone englisches Verfassungswesen studiert; er schwärmte eine Zeitlang für den Konstitutionalismus, und wurde einmal sogar als junger Philosophieprofessor wegen freimütiger Aeußerungen gemaßregelt. Schließlich aber landete er bei Joseph de Maistre und Pobiedonoszew. Er hatte es fertig gebracht, „dem Zarismus den Journalismus aufzudrängen/' soll Herzen von ihm gesagt haben. LJnd dieser Michail Katkow galt als ein ausgesprochener Judenfreund. Nach seinem Tode veranstalteten die Juden sogar Trauergottesdiensfte! Es war bekannt, daß er ein Gegner der Pogrome war, er schrieb heftige Artikel gegen die hohen und niedern Funktionäre, die die Pogrome organisierten und unterstützten, er durfte, wie kein zweiter in Rußland, es wagen, die Bestechlichkeit und die Erpressungen der Gouverneure öffentlich zu brandmarken. Wenn man sich fragte, warum Katkow bei seinem großen Einfluß auf den Zaren die Progrome nicht verhinderte, sagten sich die „Eingeweihten" unter den Juden augenzwinkernd: „Seien wir ihm dankbar, ohne ihn wäre es noch viel, viel schlimmer!"