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Ost und West · 1916-06-01 · Heft 6-7 (Juni-Juli 1916) · p. Seite 227 - 228

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
Article
Gustav Schneider
Date
1916-06-01
Page
Seite 227 - 228 (sequence 1)
Language
German
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227 Gustav Schneider. 228 GUSTAV SCHNEIDER. Von Dr. Karl S c h w a r z. Für ein Künstlerleben sind drei Jahrzehnte eine kurze Frist; sie reicht kaum zur Entwicklung der Individualität, geschweige denn zur prägnanten Aus* drucksbetätigung ihres Wollens, Denkens und Fühs lens. Wenn wir dennoch aus einem so früh vollendeten Schaffen das abgerundete Bild einer Persönlichkeit gewinnen können, so ist eigentlich damit bereits das höchste Lob zu ihrer Beurteilung ausgesprochen. Gu:tav Schneider hat das dritte Dezennium nicht ganz vollendet, und dennoch können wir sein Werk als ein künstlerisches Lebenswerk betrachten. Obgleich von früher Jugend an leidend, war es ihm vergönnt, stets künstlerisch vorwärts zu schreiten und sich zu entwickeln, so daß er, da der Tod ihm den Stift entrang, eine Fülle von Werken hinterließ, die sein zielbewußtes und bereits abgeklärtes Schaffen erkennen lassen. Was ihn zum Künstler bestimmte, war seine starke Naturliebe. Mit einem Feingefühl und tief? gehenden Verständnis, wie es nur einer durch die körperliche Konstitution prädestinierten Seele möglich ist, beobachtete er jede leiseste Regung und Aeuße? rung in der Natur und brachte es mit eisernem, unermüdlichem Fleiß und stets gleichbleibender Ausdauer dahin, daß er seinen Gefühlen und inneren Erlebnissenkünst* lerischen Aus? druck verleihen konnte. Bei Hermann Struck erhielt er von seinem vier? zehnten Lebens? jähre an den künstlerischen Unterricht. Der Jüngling, der von frühester Jugend an infolge eines schweren Leidens ein zurückgezoge? nes Leben führen mußte, der nie? mals eine Schule besuchte und sich unter steter Für? sorge daheim in seiner eigenen Welt entwickelte, der in jeder Bezie? hung poetisch ver* anlagt, schon in seinen Spielen künstlerische Fä? higkeiten erken? nen ließ, fand in der Kunst, in die ihn der treusor? gendeMeister ein? führte, seinen gan? zen Lebensinhalt. Schon im Jahre 1902 - er war geboren am 6. Oktober 1885 zu Berlin — wan? Gustav Schneider, Settignano bei Florenz dte er sich der Radierung zu, der er von nun an sein ganzes Streben und Können widmete. Ein Porträtkünstler ist Gustav Schneider nie gewesen; nach einigen Versuchen verlegte er sich auf die Landschaft und, als er 1908 zum ersten Male nach Italien kam, fand er dort die Quelle seiner künstlerischen Anregungen, der er sich mit der ganzen Glut seines begeisterungsfähigen Herzens hingab. Nur selten kann man ein so tiefes Sicheinleben in ein fremdes Land wahrnehmen, wie es bei Gustav Schneider der Fall ist. Nicht als ob er einer völlig neuen, in ihrem Charakter dem Deutschen wesensfremden Natur gegenübertrete, in deren Sprache und Form nur längeres Studium einzu* dringen vermag, nimmt er die Erscheinungen auf. Mit der ganzen Kraft seines Könnens und Wollens stürzt er sich in den Strudel der neuen Gesichte; in dem ständigen Vorwärtsschreiten seiner Erkenntnis und der sich ihm bietenden Ausdrucks? mittel steigert sich sein Wesen zu froher Heiter* keit und stiller Abgeklärtheit. Die Zypresse vor allem ist es, die den gewaltigsten Eindruck auf ihn ausübt. Immer wieder stellt er diesen in seiner schwermütigen Silhouette wie ein Ritardando in der leichten Fröhlich* keit des munteren Südens wirken? den Baum dar, läßt ihn als dunkle Kulisse das Bild begrenz zen, gibt ihn als junges, zartes Pflänzchen und steigert den Ein? druck der geraden himmelanstreben^ den Zypresse zu gewaltiger Monu* mentalität. Im Jahre 1910 wird Gustav Schneider für einigeZeit Schüler von Paul Baum. Dieser hervor* ragende Vertreter des Neoimpres* sionismus weist seiner Gestal* tungsform neue Wege. In San Gimignano arbei* ten die beidert Künstler zu? sammen. Die Zeichnung und allmählich auch die Lithographie treten in den Vordergrund des Interesses. Die Lithographie vor allem gibt ihm (Nach einer Radierung)

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