Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 2)
- Language
- German
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219 Politik und Moral. 220 alterlichen Menschen, die ein reines Leben führen wollten, aus dem Staat in die Wüste oder ins Kloster. Daß der Staat durch diese Weltflucht nicht moralischer und besser wurde, ist klar. Von den Neueren und von unseren Zeitgenossen ist es lehrreich, eine Reihe von Stimmen anzuführen. Kant versichert, daß bisher noch kein Philosoph die Grundsätze des Staates mit der Moral habe in Uebereinstimmung bringen können. Burc'khardt stimmt der Ansicht Schlossers bei, daß die Macht an sich böse sei und sich mit dem Prinzip des Outen nicht vereinen lasse; jede Macht strebe nach Ausrundung und Vollendung und halte kein Recht des Schwächeren für giltig. Nietzsche nennt den Staat einfach „die organisierte Unmoralität." „Der ganze Altruismus ergibt sich als Privatmannsklugheit. Die Gesellschaften sind nicht altruistisch gegen einander und das Getpot der Nächstenliebe ist noch nie zu einem Gebot der Nachbarsliebe erweitert worden. . Der Ree'htsphilosoph Lasson sagt kurz und bündig: „Eine IVloral für Staaten gibt es nicht. Die Staaten handeln weder recht, noch unrecht, weder sittlich noch unsittlich, sondern ihrer Natur gemäß, und das mit Notwendigkeit und ohne Wahl. Sie suchen ihr Interesse mit klugem Eigennutz. Die Obrigkeit aber würde unrecht und unsittlich handeln, wenn sie im vermeintlichen Interesse des Rechts oder der Sittlichkeit durch sogenannte Vertragstreue die Existenzbedingungen des Staates freigäbe. Einen Rechtszustand gibt es nur innerhalb des Staates. Der souveräne Staat kann sich dem andern nicht rechtlich verpflichten." Gustav Rümelin lehrt, die Politik trage in sidl ein eigenes Prinzip des Handelns, nämlich die Schaffung des öffentlichen Wohls, darum1 sei für den Staat der Grundsatz der Selbsterhaltung, für den Einzelnen der Grundsatz der Selbsthingabe das bestimmende; die Erhaltung des Staates rechtfertige jedes Opfer und stehe über jedem Gebot. Treitschke lehrt, in der Politik sei die Uneigennützigkeit unsittlich', ja mitunter sogar eine Todsünde, die Selbstsucht dagegen das allein Sittliche. Darum dürfe der Staatsmann denn auch bei der Wahl seiner Mittel sich nicht von Skrupeln hindern lassen. Wenn die Staatsraison es fordert, darf der Staatsmann ohne weiteres lügen und betrügen. „Er hat nicht das Recht, sich die Hände zu wärmen an den rauchenden Trümmern seines Vaterlandes mit dem behaglichen Selbstlob: Ich habe nie gelogen. Das1 ist die Tugend des Mönches." Allein Treitschke geht noch weiter und rechtfertigt es vor dem Richterstuhl der Moral, daß die Engländer im indischen Aufstande die Hindus vor die Mündungen der Kanonen banden und sie in Stücke reißen ließen: die Staatsraison habe es so gefordert! Wenn die Theoretiker so sprechen, darf man sich nicht wundern, daß die Praktiker die Sache noch derber anfassen. Ein sehr hervorragender Staatsmann und Heerführer sagt: die Nachwelt werde hoffentlich in ihm den Ehrenmann vom Politiker zu scheiden wissen. Das heißt also: als' Privatmann halte er sich an die landläufigen Moralvorschriften, er lüge nicht, betrüge nicht, stehle nicht, morde nicht, halte sein Wort ein; aber sobald er an die Erledigung von Staatsgeschäften gehe, tue er von all dem das Gegenteil, wenn das Staatsinteresse es erfordere. Pitt, der ältere, sagte: „Wenn wir (englischen Staatsmänner) nur eine Stunde ehrlich sind, so sind wir für immer verloren." Von Mac'aulay wird das Wort überliefert: „Die Prinzipien der Politik sind so beschaffen, daß der gemeinste Räuber sich scheuen würde, sie seinem vertrautesten Spießgesellen auch nur anzudeuten." Graf Cavour, der Schöpfer des einigen Italien, sagte von sich: „Seit ich mit Erfolg in der Politik tätig bin, Zweifle ich, ob ich mich noch zu den Ehrenmännern zählen darf." Friedrich der Große schreibt: „Jeder Fürst ist gezwungen, sich in die Gewohnheit zu fügen, die den Betrug und den Machtmißbrauch heiligt, und ich sage offen, die Nachbarn des Fürsten, der es nicht täte, würden nur iseine Redlichkeit ausnützen und, wa3 Tugend Ist, als Schwäche deuten." Es ist nicht zu leugnen, daß in allen diesen Aeußerungen der Machthaber — und sie ließen sich ins Unendliche vermehren — ein gewisses Kokettieren mit dem Immoralismus liegt; dadurch, daß sie ihn offen bekennen dürfen, dünken sie sich über die gemeine Menschheit hoch erhaben. Ueberblickt man das Salles, so muß man sagen, daß wir vor einer vollständigen Eliminierung der Ethik aus dem Völkerleben stehen. In den Beziehungen zwischen den Staaten und zwischen den Völkern waltet — unter übereinstimmender Billigung aller führenden Geister der christlichen Nationen — die nackte rohe Naturgewalt, weder durch Religion, noch durch Aberglauben gemildert. Sine religione, sine superstitione, sagte einmal der alte Livius1 von den Puniern. Das gilt heute von seinen seit zweitausend Jahren christlich gewordenen Nachkommen durchaus. Hervorragende theologische und theologisirende Denker stellen diese Tatsache mit einer Art von schmerzlicher Resignation fest, aber aus ihren Worten spricht auch zugleich ein gewisses Gefühl der Befreiung: Da es nun einmal nicht anders möglich ist, fügen wir uns darein, unseren Vorteil ohne Skrupel und ohne Gewissensbisse wahrzunehmen. Sie protestieren moralisch, aber nur mit schwacher Stimme. Sie machen böse Miene zum guten Spiel. Seufzend über die Notwendigkeit, nicht nach den höchsten Forderungen unserer Moral leben zu können, sind wir bereit, das Opfer zu bringen und so viel Macht und Reichtum einzuheimsen, als für uns erreichbar ist, wenn unser Gewissen sich auch noch so sehr dagegen auflehnt. Wir wissen uns zu beherrschen. Chamberlain sagt: „In der Religion hat Jesus Christus eine neue Aera gebracht; in der Politik dagegen haben wir seit sechstausend Jahren