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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 3)
Language
German
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^5 Ausblicke. 66 tieten Gregorig und des Grafen Pückler, in einem Pamphlet öffentlich bekannte, daß er das Töten eines Juden nicht für ein Verbrechen, nicht einmal für eine Sünde, höchstens für ein Polizeivergehen hielt und anriet, man solle sämtliche Juden an die Engländer als Plantagen-Sklaven verkaufen und sämtliche Jüdinnen in die Schand- Muser stecken, damit dieses Volk vom Erdboden verschwinde. Man muß bedenken, daß dieses und ahnliche Pamphlete in allen Berliner Schankwirtschaften vorgelesen wurden und das Gaudium der breiten Massen bildeten. Aber die Juden verzweifelten nicht, jammerten ihre Klagen nicht in die Welt hinaus, bettelten nicht das Ausland um Hilfe an. Sie wußten, daß köstliche Früchte nur langsam reifen, daß die Geschichte sich Zeit nimmt, bis sie in den Gesinnungen und der Gefühlsweise der Völker tiefgreifende Wandlungen vollzieht. Sie wußten, daß eine Nation nicht aus den Zeitgenossen allein besteht, sondern daß vor allem die künftigen Geschlechter dazu gehören. Es liegt ungemein viel Hoheit in der Art, wie sie auf das Treiben ringsum hinabsahen: wie reife Männer auf die Ausschreitungen schlecht erzogener Jungen. Auch das Verhalten der großen Männer ihres Vaterlandes erfüllte sie nicht mit Groll und Bitterkeit. Mochten jene die ihnen widerfahrene Unbill schweigend gutheißen, mancher sie gar noch mit Worten rechtfertigen, was hatte das zu bedeuten? Das war nur „was uns alle bändigt, das Gemeine", das Allzumenschliche, das Vergängliche, dem auch der große Mann leider nur häufig den Tribut entrichten muß. Aber indem eben dieser große Mann an der deutschen, ja an der europäischen Kultur wirkte und schaffte, half er das von ihm selbst gestiftete Böse überwinden und das Zeitalter heraufführen, in welchem für die Juden die Stunde der Gerechtigkeit schlagen mußte. Sie selbst arbeiteten einstweilen unverdrossen an sich selbst, erklommen die höchsten Höhen der Geistesbildung und Gesittung ihres Vaterlandes, und nach Innen konzentrierten sie die Arbeit der Juden aller Länder an dem Ausbau der Wissenschaft des Judentums, welche für alle Zeiten ein Ruhmestitel des jüdischen Stammes bleiben wird. Sie haben dem Genius der deutschen Nation vertraut und sie haben sich nicht getäuscht. Einen dunklen Punkt gibt es in diesem Bilde: die Abfallbewegung. Welche Verwüstungen sie durch Reflexwirkung unter den Juden von Polen angerichtet hat, haben wir gesehen. In Deutschland selber verzögerte sie zunächst die Emanzipation. Manch einer der Machthabenden sagte sich im stillen: warten wir noch eine Weile, dann kommen am Ende alle Juden herüber. Kein •echter Christ glaubte im Ernst, daß unter den getauften Juden auch nur einer den Uebertritt aus innerem religiösen Drang vornahm. Die Ueberzeugung herrschte (und herrscht bis auf den heutigen Tag) vor, daß dies nur in Erwartung der Vorteile geschah, die daraus erwuchsen. Man sagte sich, daß den Juden alles in der Welt, auch das Heiligste feil sei, und daß sie ebenso gern zum Buddhismus oder Schintoismus übertreten * würden, wenn sichs nur lohnen würde. Der hohe Respekt, den das jüdische Martyrium auch bei den Peinigern der Juden erweckte, schwand dahin. Dagegen bildete sich in der christlichen Welt die Meinung heraus, das Judentum sei ein vom Zerfall ergriffener Organismus, alle, die eine gewisse Stufe der Bildung, oder auch nur jener äußeren Zivilisation, die der Reichtum verleiht, erreicht habeu, könnten es in der jüdischen Religion nicht mehr aushalten und müßten ihre Reihen verlassen. Doppelt zersetzend wirkte es, daß die nächsten Nachkommen derer, die in den ersten Reihen der Kämpfer für das Judentum gestanden, zu den Ueberläufern gehörten: der Mendelssohn, Friedländer, Breidenbach u. a. Das hinderte das Aufkommen einer Tradition und einer führenden Schicht, die das geistige Gut und die Lebensführung, sie immer veredelnd, vom Vater auf den Sohn überträgt und, fest im Volkstum wurzelnd, der großen Masse die geborenen Führer liefert. Die Emporkömmlinge nahmen überhand. Wie schön ständen sie heute da unter uns, die späten Enkel jener Kämpfer, als Träger einer grossen Ueberlieferung, als die natürlichen Repräsentanten ihrer engeren Gemeinschaft, dem Staate und der ganzen deutschen Nation gegenüber. Jetzt sind sie in den Augen der Christen im Grunde auch nur Juden, aber Juden mit einem Makel: getaufte Juden, die in der Reihe ihrer Ahnen an einem bestimmten Punkt Halt machen müssen, um nicht zu erröten. Und wie viele von ihnen haben nicht gemeint, ihr zweifelhaftes Christentum in den Augen der neuen Glaubensgenossen durch einen zur Schau getragenen Uebereifer bekräftigen zu müssen, der bald als heuchlerische Bigotterie, bald als übertriebener Konservativismus, oder gar als schreiender Judenhaß in die Erscheinung trat! Aber vom Standpunkt des Allgemeinen betrachtet, erscheint diese ganze Abfallbewegung als eine Krankheit von jener Art, die den Organismus beim Uebergang in einen neuen Zustand befällt. Daß diese Krankheit überwunden wurde und nach Ablauf des Genesungsprozesses das /normale Leben wieder eingekehrt ist, daß die deutschen Juden bald eine so großartige Schöpferkraft entfalten, Werke und Organisationen ins Dasein rufen konnten, die den Juden anderer Länder vorbildlich wurden, daß in ihrer Mitte Männer erstanden, die aut allen Gebieten der Kultur in ihrem Vaterlande mit den Größten wetteifern durften und ihren Glaubensgenossen in der ganzen Welt voranleuchteten, bildet einen Beweis für die Regenerationsfähigkeit und die unverwüstliche Lebenskraft des jüdischen Volkes. Und so dürfen wir denn auch jetzt mit Ruhe und Zuversicht den kommenden Tagen entgegensehen.

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