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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 63 - 64

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 2)
Language
German
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63 Ausblicke. 64 wollen uns dem Korsen anschließen, er allein bringt uns Erlösung. Wie nahe lag da die Versuchung, dem nur zu sehr begründeten Groll und und den nur zu sehr begründeten Hoffnungen auf Verbesserung der eigenen Lage nachzugeben, Napoleons Schutz anzurufen und sich unter seine Protektion zu stellen? Was hatten all die deutschen Fürsten und Könige, die sein Gefolge bildeten, denn anderes getan? Aber die Juden waren nicht schlau, sondern weise, und weise sein, heißt gerecht sein. Sie folgten der alten, zum Instinkt gewordenen Tradition des jüdischen Volkes, einem Instinkt,, der immer in Wirksamkeit tritt, wo er nicht mit Bewußtsein verfälscht wird, und der gebietet, nie vom Wege strengster Treue und Redlichkeit abzuweichen, sich nie von der äußeren Macht blenden und verführen zu lassen, und der unerschütterlich glaubt, daß der endliche Sieg der Gerechtigkeit gehören wird. Darum ist es nie vorgekommen, daß ein preußischer Jude die Anwandlung verspürt hätte, mit dem Feind zu kokettieren oder gar sich unter seinen Schutz zu begeben. Als im lahre 1808 in dem vom Feinde besetzten Berlin Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt, mußten die dortigen Juden von eigenartigen Gefühlen beherrscht sein, denn Fichte war ihr unerbittlicher, verbissener und verständnisloser Feind. Aber die Juden geboten ihrem Groll Schweigen und indem sie sich über das allzu Menschliche an Fichte, es stolz übersehend, hinwegsetzten, ließen sie sieh die Anteilnahme an seinen für die Gesamtheit richtunggebenden Lehren nicht vergällen. Und als die Stunde schlug, da sie das Vaterland rief, da kamen sie alle, alle wie ein Mann. Allein, auch der französischen Juden muß aus demselben Anlaß in Ehren gedacht werden. Diese Juden standen, wie alle Bewohner Frankreichs und wie ein sehr großer Teil der Bewohner Europas, unter dem Zauber der Persönlichkeit Napoleons, dem selbst Goethe erlag, der seinen Zeitgenossen eine mit wollüstigem Grauen gemischte Hingebung einflößte. Wenn wir bedenken, daß Napoleon nicht das Kleinste übersah, das seinen Zwecken dienen konnte und er vor keinem Mittel zu diesen Zwecken zurückschreckte, so unterliegt es keinem Zweifel, daß er es nicht verschmäht hat, auf die französischen Juden einen Druck auszuüben, um sie zu veranlassen, ihre preußischen Glaubensgenossen in seinem Sinne zu beeinflussen. Es wäre gewiß für Manchen verlockend gewesen, die Gunst des Imperators zu erwerben, indem er den Juden Berlins die Vorteile der französischen Oberhoheit klarmachte oder sie darauf hinwies, daß ihre ganze Kultur französischen Ursprungs sei, und sie es deswegen mit dem Kaiser der Franzosen zu galten hätten: Rahel Levin und ihre Freundinnen hatten den ganzen Zauber ihrer „Salons" aus Paris bezogen; Friedrich der Große war im geistigen Sinne mehr Franzose als Deutscher und wie er über deutsche und französische Kultur gedacht, war allgemein bekannt. Aber kein französischer Jude hat sich hergegeben, der Verleiter zum Landesverrat zu sein. Als kurz nach den Befreiungskriegen der Sturm gegen die Juden losging und allerlei Invektiven gegen sie geschleudert wurden, hätten die Feinde gewiß nicht verabsäumt, jede nur mögliche Verdächtigung gegen die Juden hervorzuheben und vor der Welt auszubreiten, aber unter all den wüsten Schimpfereien der nachfolgenden Jahre hat sich keine Stimme erhoben, die es gewagt hätte, sie des Landesverrats zu bezichtigen. Und das Schicksal ging seinen ehernen Schritt. Napoleons Herrlichkeit war bald dahin. Hätten die preußischen Juden ihren Schild damals nicht tadellos blank gehalten, hätten sie sich von dem Groll und der Hoffnungslosigkeit im Herzen leiten lassen oder fremden Einflüsterungen Gehör geschenkt, sie hätten wohl für alle Zeiten das Recht, sich Bürger ihres Landes zu nennen, verwirkt und den jüdischen Namen auf immer mit Schmach bedeckt. Daß sie tapfer geblieben, dafür gebührt jener Generation der Dank der Nachwelt. Aber auch später, als nach den Befreiungskriegen die Reaktion ausbrach, die Emanzipationsgesetze, noch dazu mit schimpflichen Motivierungen, stückweise aufgehoben, und die Juden, nachdem sie die Blutsteuer in reichem Maße dem Vaterlande entrichtet hatten und eine Weile sich als Vollbürger betrachten durften, in die ehemalige Erniedrigung zurückgestoßen wurden — auch dann haben die Juden Deutschlands einen wahren Heroismus an den Tag gelegt. Die Lage mußte von ihnen umso bitterer empfunden werden, als aus der Mitte des Volkes urplötzlich ein Judenhaß ausbrach, der durchaus unbegründet und unbegreiflich war. Wenn die Machthaber ihr Vorgehen mit der Ausrede zu beschönigen suchten, daß die Emanzipation übereilt war, so mochte dies gelten, aber nicht weil die Juden, sondern weil die Masse des Volkes unreif hierfür sich erwiesen hatte. Die unflätige Broschürenliteratur und die ganze Judenhetze jener Zeit zeugten davon zur Genüge. War aber das empörende Verhalten der Staatsorgane, wenn sie z. B. bis 1847 an der Unglaubwürdigkeit des jüdischen Eides festhielten, durch Beschränktheit und Unbildung zu entschuldigen, so mußte es umso kränkender empfunden werden^ daß keine von den damaligen Größen der Nation, keine von den Zierden deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur die Stimme zugunsten der Geschmähten erhob. Der Geist Lessings schien ganz spurlos entschwebt zu sein. Schiller, den sie alle so sehr liebten, für den sogar ihre Glaubensgenossen im Osten schwärmten, hatte geschwiegen. Goethe, den eine Elite unter ihnen zuerst voll würdigte, hatte für Jacobsohns Bemühungen um die Hebung seiner Glaubensgenossen nur kleinlichen, unwürdigen Hohn. Kant, der unter ihnen einige seiner tiefsten Versteher und eifrigsten Verkünder zählte, übte gerade in der gefährlichsten Zeit an ihnen eine Kritik, die ihm auch in wissenschaftlicher Beziehung nicht zur Ehre gereicht. Fichtes Verhalten ist schon erwähnt worden. Die Koryphäen der damaligen Berliner Juristenfakultät, unter ihnen ein Mann wie Savigny, gaben 1818 im Streit der Stadt Frankfurt mit ihren Juden ein Gutachten ab, wonach der Rat im Rechte war, wenn er die jüdischen Bürger nach dem Gesetz von 1614 behandelt wissen wollte. Sogar die Brüder Humboldt, obwohl sie im Geiste die besten Gesinnungen für die Juden hegten, hielten es nicht für notwendig, dies öffentlich zu bekunden. Keiner von diesen großen Männern hielt es für angemessen, zu protestieren, als einer der meistgelesenen Publizisten jener Zeit, ein Vorgänger des Wiener Abgeord-

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