Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 45 - 46 (sequence 5)
- Language
- German
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45 Emanzipation und Befreiungskrieg. 46 Ruhm und unsere Ehre". Die offizielle „Warschauer Zeitung" brachte in ihrem gewohnten knappen Stil die Nachricht von seinem Tode mit folgenden Worten: „Er starb den Tod eines echten Ritters. Nachdem er 15 Jahre lang an allen Feldzügen in Italien, Deutschland und Polen mit Auszeichnung teilgenommen hatte. Er war der erste unter, den polnischen Juden, der seinen Glaubensgenossen den Weg zur Kriegerehre gebahnt und ein schönes Beispiel soldatischer Tapferkeit gegeben hat." Eine wahre Huldigung brachte seinem Andenken die damals höchste wissenschaftliche Institution des Landes die Warschauer „Gesellschaft der Wissenschaften" dar, in ihrer Sitzung vom 22. Dezember 1809, welche im Sächsischen Palais in der ehemaligen königlichen Kapelle abgehalten wurde. Der Präsident des Staatsrates, Graf Stanislaw Potocki, hielt eine Gedenkrede zu Ehren der im letzten Krieg gefallenen polnischen Helden. Es waren darunter Krieger von hochberühmten Namen: Godebski, Dobiecki, Zawadzki, Kossowski. Dem Berko Joselewicz galten folgende Worte: „Du warst der erste, der durch seinen Heldentod unser Land in Trauer versetzt hat, tapferer Oberst Berko! Deine Kameraden rächten Deinen Tod in dem Sieg, der durch Dich erkauft wurde; aber was kann Dich dem Vaterland ersetzen? Dein Vaterland wird Deines Todes stets gedenken wie Deiner früheren Wunden und Kämpfe, das Vaterland wird ewig gedenken, daß Du der erste warst, der in unserem Lande der jüdischen Nation ein Beispiel der wiedererwachten Tapferkeit gab und vor unseren Augen das Bild jener Ritter wieder aufleben ließ, deren Tod einst die Töchter Zions beweinten." Auf Antrag des Ministerrates vom 22. Juni 1910 unterschrieb der König von Sachsen, Friedrich August, als Herzog von Warschau, am 5. Juli das Dekret, welches der Witwe und dem Sohne des Berko Joselewicz eine lebenslängliche Pension von 1800 polnischen Gulden aussetzte. Gleich nachdem der Feind verjagt worden war, sammelten die Kameraden die Gebeine des gefallenen Helden und bestatteten sie unter militärischen Ehren an der Stelle, wo er das Leben hatte lassen müssen. Das Bauernvolk der Umgegend schichtete einen hohen Hügel auf, und feierte Berko im Volksliede. Hundert Jahre später beging in den größeren Städten Galiziens die ganze polnische Gesellschaft den Gedenktagseines Todes durch Umzüge, feierliche Veranstaltungen und dergl. Straßen wurden nach ihm benannt und eine Sammlung zur Errichtung eines Denkmals für ihn eingeleitet. Der gegenwärtige Besitzer von Kozk, Graf Tyszkiewicz, bemühte sich bei der Regierung vergebens um die Erlaubnis, den Grabhügel durch ein Denkmal krönen zu dürfen: er errichtete aber einen großen Felsblock, auf dem er den Namen des Helden und das Datum seines Todes und darunter die üblichen hebräischen Gedenkworte für einen Toten einmeißeln ließ. EMANZIPATION UND BEFREIUNGSKRIEG. Dieser Berko Joselewicz, der „Jude Berck", welcher in den Verhandlungen zwischen den Königsberger Aeltesten der jüdischen Gemeinde und dem Minister von Schroetter zugunsten der Juden den Ausschlag gab, tritt uns als ein schlichter Mann aus dem Volke entgegen, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte. Er ahnte kaum, daß er durch seine Taten den Juden in Preußen zur Erlangung der Bürgerrechte verhalf. Hier hat einmal das alte talmudische-Wort, daß alle Juden für einander Bürgen sind, im günstigen Sinne eine Bedeutung gehabt. Seit jenem Briefwechsel zwischen Caspar und Schroetter ruhten die Juden nicht. David Friedender, ein Schüler Mendelssohns, ein Mann von hoher Bildung und vornehmem Takt, tat sich ain meisten hervor, benutzte seinen persönlichen Einfluß und seine Beziehungen, um die Sache zu beschleunigen. Israel Jacobsohn, den, mit dem Minister1 Hardenberg nähere Freundschaft verband, tat das seinige, und wies dabei auf das Beispiel Westfalens hin, wo die Juden seit der Herrschaft Napoleons; emanzipiert waren. Wilhelm von Humboldt gab ein seiner vollkommen würdiges Gutachten zugunsten der Juden ab. Und so wurde endlich am 11. März 1812 das königliche Edikt erlassen, welches die Juden in Preußen den christlichen Untertanen vollkommen gleichstellte, alle ihre Sonderabgaben abschaffte, alle drückenden Bestimmungen aufhob und sie aus Schutzjuden zu Staatsbürgern machte. Sie wurden demgemäß auch zur Blutsteuer herangezogen. Alle Schul-, Lehr- und Gemeindeämter wurden ihnen ausdrücklich freigegeben, nur in bezug auf die (anderen) öffentlichen Aemter behielt sich der König vor, hierüber „in der Folge der Zeit gesetzlich zu bestimmen". Nicht lange darauf hatten die Juden Gelegenheit, die Blutsteuer für das Vaterland auf dem Schlachtfelde zu entrichten. Nach dem Zusammenbruch des russischen Feldzugs Napoleons raffte sich Preußen auf, das französische Joch abzuschütteln. Friedrich Wilhelm III. erließ am 3. Februar 1813 in Breslau einen Aufruf zur Bildung freiwilliger Jägerabteilungen. In ganz Preußen entstand eine begeisterte Erhebung. Männer und Jünglinge jedes Standes eilten zu den Waffen. Auch die Juden wlurden von dem vaterländischen Enthusiasmus ergriffen. In hellen Scharen eilten sie zu den Fahnen, um als freie Männer das geknechtete Vaterland zu befreien. Daß sie im Spenden Von Gaben für Kriegszwecke und zur Linderung der Not nicht zurückstanden, braucht nicht erwähnt zu werden. Rahel Lewin, die vielbewunderte, schrieb am 20. April 1813: „Die Juden geben, was sie nur besitzen; an sie wandte ich mein Geschrei zuerst." (Es ist nur auffallend, daß weder sie noch ihre Genossinnen vorhin, all die Zeit des schweren Kampfes um das Recht, ihr Geschrei jemals an ihre hochgestellten christlichen Freunde wandten.) Nicht nur die reichen Juden gaben von ihrem Ueberfluß, sondern arme Frauen und Greise brachten silberne Löffel, Gabeln und Messer, Trauringe u. dgl., Kinder leerten ihre Sparbüchsen, nach jedem Gottesdienst wurden in den Synagogen Sammlungen veranstaltet. Als Helferinnen und Pflegerinnen in den Spitälern waren jüdische Frauen und Mädchen aus den besten Familien tätig. Auch Männer werden als freiwillige Pfleger gerühmt. Stark war der Andrang der