Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 43 - 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 43 - 44 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584062-2597073--16030-2597131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

43 Berko Joselewicz und sein Schicksal 44 „Jene in der Kriegskunst geübten Feldherren Alexanders, welche alle von diesem eroberten Länder beherrschten, waren nicht imstande, das kleine Volk der Juden zu besiegen. Die Männer, welche mit ihren Waffen die kriegsgeübten Völker unterwarfen, konnten zur Herrschaft über das Volk der Juden nur auf die Weise gelangen, daß sie von seinen innern Zwistigkeiten Nutzen zogen. Aber sobald dieses Volk merkte, daß es in die Ketten eines mächtigen Tyrannen geraten war, erklärte es diesem sofort den Krieg, und kein Krieg war hartnäckiger, heldenmütiger, als der der Juden um ihre Freiheit... Mitten in den traurigen Bildern der Zwietracht und Zerrissenheit bewiesen doch die Juden eine größere Anhänglichkeit an ihre Freiheit und an die Rechte ihres Vaterlandes, als an das Leben. Diese Tapferkeit erfüllte sogar die Sieger mit Bewunderung". Sodann erinnert Kosciuszko an die Treue und die Tapferkeit, mit welcher die Juden von Warschau den einrückenden Russen gegenüber die Stadt verteidigten und schließt mit der Erklärung, daß er dem Berko Joselewicz und seinem Kollegen Joset Aronowicz die Erlaubnis erteilt habe, ein jüdisches Corps zu bilden. Einige Tage darauf erließ Berko Joselewicz in der Amtszeitung einen Aufruf an seine Glaubensgenossen, in welchem er sie aufforderte, sich um ihn zu scharen. U. a. hieß es dort: „Warum sollten wir Juden, die wir am meisten von allen Menschen in der Welt unterdrückt sind, nicht zur Waffe greifen, um uns zu befreien? Der ewige Gott hat die Heimatlosen aus viel schwereren Nöten befreit, so wird er auch jetzt uns seine Hilfe nicht versagen. Die Freiheit, das Recht, frei zu atmen, und den Kopf hochzutragen, muß man sich verdienen". Die Juden folgten dem Ruf und bald sah Berko Joselewicz sich an der Spitze einer stattlichen Schar, die, rasch ausgebildet, alsbald Gelegenheit hatte, ihren Mut zu beweisen. Augenzeugen berichten, daß das jüdische Regiment nicht von den Wällen wich, pünktlich Wache hielt und überhaupt eifrig seine Pflicht tat. Allein alsbald unternahmen die Russen unter Suworow (am 4. November) einen Generalsturm auf Praga. Es kämpfte Mann gegen Mann, jeder Schrittbreit wurde mit Strömen Blutes erkauft. Ueber hundert Geschütze donnerten von den Höhen Pragas, die die Truppen des Generals Zajonczek und das Regiment des Berko Joselewicz hartnäckig verteidigten. „Alsbald loderte ein Flammenmeer auf. Die Russen hatten die Vorstadt in Brand gesteckt. Nach mehrstündigem Ringen brach der Feind in die Befestigungen ein und drang bis in das Innere des Stadtviertels vor. Ströme von Blut ergossen sich weit und breit. Wer dem Schwert entging, ertrank in den Wellen der Weichsel". Suworow berichtete, daß die Zahl der Gefallenen il2 000 überstieg..! Das Regiment des Berko Josselewicz wurde bis auf den letzten Mann aufgerieben. Noch 36 Jahre später berichtete ein Franzose, der Deputirte Salverte, der der Schlacht beigewohnt hatte, in der französischen Kammer zur Abwehr judenfeindlicher Bemerkungen des Mr. de Montigny folgendes: „Nach der Niederlage des Generais Kosciuszko machten die polnischen Patrioten ihre letzten Anstrengungen, um Warschau zu halten. Die Vorstadt Praga, von einem jüdischen Regiment verteidigt, wurde im Sturm genommen, die Verteidiger erlagen alle dem Schwert. Am zweiten Morgen fand man auf den Befestigungen das ganze Regiment im ewigen Schlaf. Nicht einer hatte sich durch die Flucht gerettet. Diese Menschen verdienten wohl, Franzosen zu sein". Nach der Kapitulation Warschaus retteten sich der General Zajonczek (Kosciuszko wurde gefangen genommen) und sein Oberst Joselewicz auf österreichisches Gebiet, wo beide in Olmütz interniert wurden. Beide entkamen durch die Flucht. Sie landeten nach vielen Irrfahrten in Frankreich, wo sie sich den polnischen Legionen anschlössen. Berko Joselewicz, der seine Karriere von vorne als Liniensoldat begann, brachte es alsbald wieder zu seinem früheren Rang und wurde dem Stab eines der Eliteregimenter zugeteilt, in welchem die Blüte der polnischen Adelsjugend mit den vornehmsten historischen Namen diente, von ihr durchaus als ihresgleichen behandelt. Er machte die ganze Odyssee der polnischen Legionen im Rahmen der Napoleonischen Armeen durch halb Europa mit, überall zeichnete er sich aus; das höchste militärische Ehrenzeichen, das Kreuz „Virtuti Militari" (soviel wie der Orden Pour le merite} wurde ihm verliehen. Im Kriege zwischen Napoleon und Kaiser Franz (1809) wurde der Armee des Herzogtums Warschau unter dem Fürsten Joset Poniatowski die schwierige und gefahrvolle Rolle der Avantgarde zugeteilt. Nach einigen für die polnischen Truppen siegreichen größeren und kleineren Gefechten holte der Befehlshaber, Fürst Poniatowski, zu einem entscheidenden Schlag aus. Er teilte seine Armee in zwei Kolonnen. Die eine führte er selber über Pulawy nach Lublin und Sendomir, in der vordersten Reihe der anderen marschierte Berko Joselewicz mit zwei Eskadrons und bahnte der Hauptarmee den Weg. Während einer Rast brachten die Kundschafter die Nachricht, daß in dem nahe gelegenen Städtchen Kozk,*) am rechten Ufer des Wieprz, einer Grenzstation von Westgalizien, etwa 126 Werst von Warschau entfernt, feindliche Reiterei sich aufhalte. Es war am 5. Mai 1809. Berko machte sich sofort mit seiner Abteilung auf, und überrumpelte den Feind. Es kam zu einem heißen Gefecht, in welchem der Führer, von dem Säbelhieb eines Husaren am Kopfe schwer getroffen, vom Pferde sank und alsbald den Geist aushauchte. Aber der Sieg war auf Seiten der Polen. Der Rittmeister Schill berichtete an den General-Feldmarschall Fürsten Schauroth: „Bei Kozk töteten Abteilungen vom Kommando des Grafen Haditz den berühmten Obersten Berko, der viel betrauert wurde; er war seiner Nation nach ein Jude". Innerhalb der polnischen Gesellschaft und insbesondere der hohen militärischen Kreise wurde Berkos Andenken hochgehalten und beinahe verklärt. Die berühmtesten und hervorragendsten Zeitgenossen sprachen von ihm mit großer Verehrung. Man nannte ihn: „den berühmten Juden", „ruhmgekrönt durch Tapferkeit und Aufopferung"! „tapfer und unerschrocken", „unvergeßlich und mutvoll", „der jüdische Held", „unser *) Später berühmt geworden als Sitz des Zaddik Reb Mendele, der aus dem Chassidismus heraus zu radikalen Ansichten in Sachen der Religion gelangt war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.