Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 37 - 38 (sequence 5)
- Language
- German
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37 Berko Joselewicz und sein Schicksal. 38 Geld ins Land ziehen solle!" Von einem Manne, dem doch Schiller, vielleicht auch Kant nicht ganz unbekannt sein konnte, von einem 'Kollegen Wilhelms von Hum'bold, möchte man etwas mehr Idealismus erwarten. Allein es sei ihm unvergessen, daß er verlangte, die Religionslehre der Juden solle „auf keine Weise angetastet, sondern wie jede Religions- Meynung respektirt werden," ferner: „Die Haupt- Tendenz der neuen Konstitution muß endlich dahingehen, sie mit der Zeit 'zu nützlichen Staatsbürgern zu machen." Am merkwürdigsten aber ist folgender Passus: „Der Jude hat ein orientalisches, feuriges Blut und eine lebhafte Imagination. Alles Anzeichen einer männlichen Kraft, wenn sie benutzt und in Tätigkeit gesetzt wird. Er ist in der altern und auch in der mittlem Zeit sehr tapfer gewesen, und man hat selbst in ganz neurer Zeit, sowohl im amerikanischen als französischen Revolutionskriege, auffallende Beyspiele von Juden gehabt, welche sich ausgezeichnet haben. Die Feigheit der Juden entspringt, meiner Ansicht nach, aus der Sclaverey, in der sie gehalten und aus der Verachtung, mit der sie von allen Nationen behandelt worden. — Die Opinion der Nationen hat ihnen, wie dem weiblichen Geschlechte, die Furchtsamkeit als Attribut . ihrer Natur angedichtet, und sie haben am Ende selbst daran glauben müssen; haben aber Weiber in heroische Lagen versetzt, selbst die Opinion zu bekämpfen gewußt, wie viel mehr sollte man es unter gleichen Umständen, nicht auch von jüdischen Männern erwarten können? Uebrigens ist die Conscriptions-Fähigkeit der Juden jetzt in allen cultivirten Ländern anerkannt, und da ich in Schlesien, Westpreußen, Ostpreußen und den Marken, wenigstens 50 000 jüdische Seelen rechne, so glaube ich, daß eben in jetziger Zeit eine solche Menschen Masse im Staat, zur Verteidigung deselben, wenigstens für die Folge nicht unbenutzt bleiben darf." Diese Sinnesänderung ist außerordentlich merkwürdig. Die Wege der Menschenseele sind dunkel. Diesmal aber fehlt uns glücklicherweise nicht die Erklärung. Nach der unglücklichen Schlacht bei Jena und Auerstädt, als die Napoleonischen Heere heranrückten, war der Hof und die Regierung nach Königsberg verlegt worden. Hier trat der Staatsminister von Schroetter in nähere Berührung mit einigen Aeltesten der jüdischen Gemeinde-, insbe- Hermann Struck, Jüdischer Lastträger sondere mit einem Bankier namens Caspar. Von diesem teilt Freund einen am 31. Oktober 1808 an Schroetter gerichteten Brief mit, in dem er ihm die Beweise erbringt, daß die Juden sich erst in neuester Zeit als Soldaten ausgezeichnet haben. „Der Hamburger Korrespondent vom 21. Oktober wird wohl der Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz nicht entgangen sein, wo von einem Juden Berck die Rede ist, der unter Koszinsko (gemeint ist Kosciuszko) ein Freikorps errichtet und jetzt bis zum Chef eines Eskadron-Regiments avancirt ist." Alle Historiker dieses Zeitalters stimmen darin überein, daß der Ruf dieses Juden Berck es war, der Schroetter dazu bestimmt hat, seine Meinung über die Juden, ihre Militärtauglichkeit und ihre staatsbürgerliche Qualifikation von Grund aus zu ändern. BERKO JOSELEWICZ UND SEIN SCHICKSAL. Wer war dieser geheimnisvolle „Jude Berck," dessen Name und Taten dieses Wunder vollbracht haben? Man weiß in Deutschland sehr wenig von ihm. Desto mehr in seinem Vaterlande Polen, wo über ihn mehrere ausgezeichnete Schriften existieren. Zunächst hieß er gar nicht Berck, sondern B e r e k oder Berko, das ist die polnische Form des Kosenamens Berl für Ber (hebräisch Dob oder Dow). Sein Zuname war Joselewicz, oder Joselowicz, ein von Josel abgeleitetes Patronymikon. Josel oder Josele ist die jüdische Diminutivform von Josef (vergleiche das oberschlesische Josla, Josel). Berko Joselewicz bedeutet also Ber, Sohn des Josef. Dieser Mann hat tatsächlich unter dem berühmten polnischen Heerführer und Freiheitskämpfer Kosciuszko, dessen Name von zwei Weltteilen mit Verehrung und Begeisterung genannt wurde, gedient, ein jüdisches Freikorps in Warschau gebildet, welches sich durch Tapferkeit, Hingebung und Todesverachtung auszeichnete. Dann hatte er es bis zum Obersten gebracht, unter Napoleon sich in mehreren Schlachten mit Ruhm bedeckt und im Jahre 1809 in der Schlacht bei Kozk den Heldentod gefunden. Es verlohnt, das Leben und die Taten dieses einfachen Juden kurz zu schildern: Geboren wurde er gegen die Mitte der sechsziger Jahre des 18. Jahrhunderts in Kretynga, einem kleinen Städtchen in dem litauischen Bezirk Telsze; letztere Stadt erfreut sich noch heutzutage eines gewissen Rufes wegen ihrer Je-