Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Salomon Schechter
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 2)
- Language
- German
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21 Salomon Schechter 22 tums ausmachte, er erfaßte es mit der Glut eines gläubigen Gemüts und verkündete es mit der Ueberzeugungskraft eines vom Glauben Begeisterten. Die einzigartige Bedeutung und fortdauernde Kraft der dem Judentum zuteil gewordenen Offenbarung war sein Glaube, in dem wissenschaftliche Forschung ihn nicht zu erschüttern vermochte. Philologische und historische Kritik, die er in strenger Methode meisterhaft übte und seinen Schülern als Grundlage alles Wissens vortrug, mochte in Einzelheiten das Bild verschieben, seine Gesamtanschauung blieb fest, denn sie beruhte nicht auf wissenschaftlicher Beweisführung, sondern auf religiösem Glauben. Er scheute sich nicht, sich zum Irrationalen zu bekennen; so weit die Anschauungen des weltberühmten, gelehrten Kritikers — man konnte bisweilen sagen Skeptikers — sich auch von den jugendlichen Eindrücken seiner chassidischen Erziehung entfernt hatten, — eines war in ihm lebendig geblieben, die enthusiastische, be- * geisterte Art des Glaubens und Bekennens1. „Was den Juden seit mehr als achtzehn Jahrhunderten von dem Rest der Welt unterscheidet, ist die „Gesetzlichkeit". Die eigenartige Auffassung vom Gesetz, von der Notwendigkeit des Gesetzes im göttlichen Weltplane, von der verpflichtenden Autorität des Gesetzes, von der absoluten Souveränität und Hoheit des Gesetzes, das ist es, was das Judentum in hervorragendem Maße geeignet ist, zu verkünden und zu vertreten. An diesem Bollwerke sind die verzweifelten Angriffe der Jahrhunderte und der Glaubensbekenntnisse zerschellt ... Es gibt Dinge, die Gott verhaßt sind, und es gibt andere, die Gott wohlgefällig sind, und diese Dinge sind dem Juden als Gebote und Ver- Salomon Schechter Realität, oder, wie unsere herrliche Liturgie es ausdrückt, „ein lebendiger und dauernder, ein furchtbarer, erhabener und heiliger Gott.*' Ethik ist etwas Gutes, aber Gesetze und Gebote, die von Gott verkündet und geboten sind, sind besser; und alle solchen Redensarten wie Idealismus, Vergeistigung und Religiosität bedeuten gar nichts, so lange man es unterläßt, den bedeutsamen Grundsatz, zu betonen, daß der Heilige Israels „in seiner Heiligkeit seinem Volke das Gesetz gab/' Unsere Tora verkündete die Liebe Gottes mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft, und die Welt nahm das an als die Vollendung ihrer Aufgabe. Sie lehrte die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst, und die Welt eignete sich das als eine eigene Eingebung an; aber damit zugleich verkündete Israel die Liebe zum Gesetze. Psalmisten und Propheten fügen das Gesetz ihrer Liebe hinzu. „Ich hasse eitle Gedanken, aber Dein Gesetz liebe ich," singt der Psalmist (Ps.119,113\ und gerade durch diese Liebe und Zuneigung zum Gesetz wird die Liebe zu Gott und zum Nächsten erst wirkungsvoll. . . Nur dadurch, daß es diesen Grundsatz des Gesetzes, der Autorität, des Gehorsams vertritt, kann das Judentum wieder einmal ein Faktor in der Umgestaltung der Welt werden." So lautet das Glaubensbekenntnis Schechters, wie wir es in seinem letzten Buche*) häufig formuliert finden. Mancher wird es nicht zeitgemäß finden, aber darauf kam es ihm wenig an, denn er suchte das ewige Judentum zu erfassen, er wußte, daß er heute damit allein stand, aber er fand seine Kraft in der Zusammengehörigkeit mit der Geschichte. Solche Grundsätze verstießen gegen alle Parteiprogramme, insbesondere gegen das des amerikanischen Reform- 'böte auferlegt, für die unbedingter Gehorsam gefordert wird. Gott ist nicht lediglich eine Dekoration, er herrscht nicht nur, sondern regiert auch. Ueberall — im Gottes*hause, an der Stätte des Gerichts, in der Familie, auf der Flur wie auf dem Marktplätze — ist seine Gegenwart zu spüren, da sie uns die Gesetze auferlegt, die seinen Stempel tragen: „Ich bin der Hern, Dein Gott." Ethischer Monotheismus ist eine ausgezeichnete Bezeichnung. Monotheismus ist gut, aber Gott ist besser; denn Monotheismus hat einen Beigeschmack von Abstraktion, von einer reinen Idee, einer vagen Tendenz, einem Gegenstande, an dem wir unser Recht auf freie Forschung in Anspruch nehmen zu können glauben. Für den Juden ist Gott die einzige Judentums, das gerade die Bedeutung der zeitlichen und räumlichen Bedingungen der Religion so sehr überschätzt, sich in so starke Abhängigkeit von ihnen begeben hat. „Parteien kommen und vergehen, aber das Wort unseres Gottes wird ewig bestehen." Das ist der Schwanengesang, mit dem Schechter sein letztes "Buch in die Welt hinausgesandt hat. Wenn er als der erfolgreiche Gelehrte, als der Entdecker der Genisa in den Kreisen der Gelehrten fortleben wird, so soll in unserer Gesamtheit sein Name als einer der Vorkämpfer für die Einheit und Ewigkeit des Judentums — von Kelal Jisroel — zum Segen fortleben! I. Elbogen. *) Seminary Addresses and other Papers, Cincinnati 1915, S. 133 f.