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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 19 - 20

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Salomon Schechter
Date
1916-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 1)
Language
German
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19 Salomon Schechter 20 SALOMON SCHECHTER. Kein anderer jüdischer Gelehrter wurde in den letzten zwei Jahrzehnten in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen so häufig genannt wie Salomon Schechter, der Direktor des Jewish Theological Seminary of America in New York, dessen unerwarteten Tod der Draht meldet1). Das kam daher, daß er den hebräischen Text der „Sprüche des Jesus SiraclV wieder entdeckt hatte, von dem nahezu tausend Jahre jede Spur fehlte. Nachdem er auf zwei ihm zur Prüfung übergebenen vergilbten Blättern Stücke aus dem hebräischen Sirach erkannt hatte, bemerkte man in anderen Bibliotheken, daß dort kurz vorher erworbene Fragmente jenen Fund in der glücklichsten Weise ergänzten, allmählich gelangte man dahin, daß weitaus der größte Teil dieses Buches in seiner ursprünglichen hebräischen Gestalt vorgelegt werden konnte. Das war eine der wichtigsten Bereicherungen der biblischen Wissenschaft in neuerer Zeit, die man dem berühmten Papyrus-Fund von Elephantine in Aegypten getrost an die Seite stellen darf. Schechters Verdienst um die Entdeckung des Sirach muß umso höher bewertet werden, als es ihm, der nicht reguläre Schulbildung genossen hatte, sicherlich recht schwer wurde, den griechischen Sirach, der bis dahin als Original benutzt werden mußte, zu lesen. Der geniale Blick, der ihn hier sicher leitete, führte ihn weiter zu dem großen Erfolge der Aushebung der Genisa zu Kairo im Dezember 1890. Das plötzliche Auftauchen so vieler wertvoller Handschriften bekräftigte ihn in der Vermutung, daß sie alle denselben Ursprung hätten, und daß, an der Stelle, von der sie gekommen waren, sich noch mehr und vielleicht größere Schätze befinden müßten. Eine Forschungsreise, die ihm durch Unterstützung seines Freundes Dr. Taylor in Cambridge möglich wurde, hatte überraschende Ergebnisse. Er fand die seitdem berühmt gewordene Genisa, einen Schacht neben einer alten Synagoge in Kairo, an dem unbrauchbar gewordene hebräische Schriftstücke abgelegt wurden. Man schätzt den Ertrag dieser Ausgrabungen auf 40 000 mehr oder weniger vollständige Handschriften. Alle Gebiete des menschlichen Wissens, aber auch alle Gebiete des menschlichen Lebens werden in diesen Schriftstücken behandelt, es ist ein neues IS'tück Kultur, in das sie uns einführen. Die Mittelpunkte der jüdischen Tradition wurden um das Jahr 1000 fast unvermittelt aus den östlichen Weltteilen nach dem Westen Europas verpflanzt, ein ganzer Zweig der Ueberlieferung ging auf diese Weise verloren, wir verdanken es Schechters Entdeckung, daß wir nun in der Lage sind, allmählich das Dunkel wieder zu lichten und die gelöste Verbindung herzustellen. Hunderte von wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind durch das aus der Genisa gekommene Material bereits ermöglicht worden, ganze Generationen von Gelehrten werden Gelegenheit haben, an den bisher noch nicht völlig gesichteten und noch immer unübersehbaren Schätzen ihren Fleiß und ihren Scharfsinn zu bewähren. Schechter hat mit der Treffsicherheit, die ihn auszeichnete, einige Stücke ausgewählt und veröffentlicht, die in der x) Einzelheiten über Schechters Leben und Werke standen jüngst in allen Tagesblättern, der Leser findet sie in The Jewish Encyclopedia X. 93. wissenschaftlichen Welt die denkbar größte Aufmerksamkeit erregten. Sein Buch „Saadyana" erschloß eine Fülle von Dokumenten, die ungeahntes Licht auf das Leben des großen Gelehrten und seinen Kulturkreis warfen; erinnert sei ferner an die erst vor einigen Jahren erfolgte Veröffentlichung eines Briefes des Königs der Chasaren über die Bekehrung seines Volkes. Vor allem aber müssen die Fragmente jener neuen Sekte von Damaskus hervorgehoben werden, die Schechter als „Bruchstücke eines zadokitischen Werkes" bezeichnete, und die, so wenig auch das Rätsel bis auf den heutigen Tag gelöst ist, uns jedenfalls in das Glaubensbekenntnis und die Verfassung einer uralten Sekte aus der Zeit der Entstehung des Christentums einführen. Allein so berechtigtes Aufsehen Schechters Funde und Veröffentlichungen hervorriefen, so viel Anerkennung und Ehren sie ihm eintrugen, sie weisen nicht auf den Kern seines Wesens hin, seine wahre Bedeutung lag vielmehr in seiner starken Persönlichkeit. Höher noch als sein Wissen stand der Mann, mehr als seine Gelehrsamkeit bedeutete seine Eigenart. Er war nicht Vertreter irgendeiner Schule oder Richtung, er war vielmehr Schöpfer und Verfechter einer eigenen Weltanschauung. Er besaß den Mut, er selbst zu sein und, ungeachtet persönlicher Angriffe und entgegenstehender Zeitströmungen, zu bleiben. Er hatte die Fähigkeit, seinen Gedanken eine originelle, sich lebhaft einprägende Fassung zu verleihen, er hatte die Kraft, sie nachdrücklich und temperamentvoll vorzutragen. Die Kulturen der Länder und Jahrtausende lagen durchsichtig vor ihm; in den Schriftwerken des Ostens und des Westens, in der religiösen und der weltlichen, in der wissenschaftlichen und der schönen Literatur war er belesen, aus den verschiedensten Quellen hatte er stets eine geistreiche Anekdote, ein packendes Beispiel, ein geflügeltes Wort zur Verfügung, stets verstand er, seine Hörer und Leser zu begeistern, mit sich fortzureißen. So brachte er als erfolgreicher Redner und Essayist vielen Engländern und Amerikanern das altüberlieferte Judentum, dem sie mit der ganzen Fremdheit des modernen westlichen Menschen gegenüberstanden, nahe, vermittelte ihnen Verständnis für eine Religion, die sie sonst nur bemitleiden oder verunglimpfen hörten. Denn was er aussprechen wollte und aussprach, das galt der Verherrlichung des Judentums. Des Judentums, ohne einschränkendes Beiwort, denn es gab für ihn nur e i n Judentum, das geschichtliche Jude in tum, „das in der Tora wurzelte und auf natürliche Weise sich organisch entwickelte*'. Nicht daß er übersah, wieviel Fremdes eine Religion, die sich niemals gegen die Außenwelt abschloß, im Verlaufe der Jahrtausende und in der Berührung mit so mannigfaltigen Kulturen, in sich aufnehmen mußte, aber er sah auch das eigentümliche Verfahren, wie das Judentum nur das gelten ließ, was es sich zu amalgamieren vermochte. Nicht daß. er die wechselnde äußere Form und die Verschiedenheit im Wesen der führenden Miänner verkannt hätte, aber es war seine besondere Kunst, den Erscheinungen in die Seele zu blicken, den Kern der Dinge zu erfassen. Seine eigene Seele war erfüllt von dem, was die Besonderheit des Juden-

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