Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Paul Ehrlich
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 1)
- Language
- German
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15 Paul Ehrlich 16» PAUL EHRLICH. (Persönliche Erinnerungen an ihn von einem seiner Freunde.) Schlesien, das unserem Vaterlande schon manchen berühmten Mann geschenkt hat, ist die Heimat Paul Ehrlichs, der am 14. März 1854 in Strehlen geboren wurde. Ehrlichs Vorfahren waren seit langer Zeit in Strehlen ansässig. Die Eltern wohnten im Hause des Großvaters. Der Großvater setzte von Anfang an die größten Hoffnungen auf seinen Enkel Paul, sagte ihm eine glänzende Zukunft voraus, und durfte auch noch Zeuge seiner ersten Erfolge sein. Von ihm, der in seinen Mußestunden dichtete, hat Ehrlich wohl die reiche Phantasie geerbt, vom Vater, der neben der geschäftlichen Tätigkeit historische Studien trieb, den streng logischen Sinn, und von der Mutter, welche sich im Geschäft emsig und erfolgreich betätigte, seine eminent praktischen Fähigkeiten. Ehrlichs Eltern war es noch vergönnt zu erleben, daß der Name ihres Sohnes in der ganzen Welt bekannt und gefeiert wurde. Paul Ehrlich besuchte die Elementarschule in seiner Vaterstadt, später das Magdaleneum in Breslau. Er wohnte dort bei dem Privatgelehrten Munck und machte schon damals chemische Versuche zur Herstellung von Sauerstoff, sowie Mischungen, die er in Nußschalen darstellte, wobei die Spuren dieser Tätigkeit allerdings häufig das Mißfallen seiner Pensionsmutter erregten. In der Schule zeichnete sich Paul Ehrlich — außer in Mathematik — nicht besonders aus. (Große Freude bereitete es ihm, als nach Darstellung des Salvarsans sein ehemaliger Deutschlehrer ihm schrieb, er freue sich, daß der Schüler, der stets die schlechtesten Aufsätze geschrieben, es so weit gebracht habe.) Auf der Universität ging er seine eigenen Wege und fiel schon damals durch seine originellen Ideen auf. Besonderes Interesse zeigte er für Chemie, eine Wissenschaft, die er nie regelrecht „studiert", in der er es vielmehr als Autodidakt zur allgemeinen Anerkennung der ersten Chemiker gebracht hat. Seine anerkannten Arbeiten bei Kohnheim und Heidenhain verschafften ihm bald eine Stelle als Oberarzt an der Berliner Charite bei Frerichs. Die praktische Tätigkeit sagte Ehrlich aber wenig zu. 1882 wurde er Titularprofessor, 1887 Dozent an der Berliner Universität. Nachdem er 1890 außerordentlicher Professor geworden, arbeitete er bei Robert Koch und darauf in einem eigenen Institut. Aus dieser Zeit stammen seine Arbeiten über Immunität und Antitoxin. Ehrlich war es, der Behrings Entdeckung der Diphtherie-Antitoxine praktisch verwertbar machte. Damals begründete er auch die Lehre von der „Seitenkettentheorie", bezüglich deren er oft erklärte: „Mag sie angegriffen werden, sie hat ihren Zweck erfüllt und so eminent praktische Resultate gezeitigt, daß sie nicht weggedacht werden kann". 1899 übernahm* Ehrlich das Institut für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M., in welchem er seine Untersuchungen über die Immunitätsforschung und die bösartigen Geschwülste durchführte. Nach Eröffnung des Georg Speyer-Hauses begann er seine Arbeiten in „experimenteller Chemotherapie", der von ihm begründeten Wissenschaft, welche zur Entdeckung des Salvarsans führte. Es ist nicht der Zweck dieses kurzen Aufsatzes, Ehrlichs wissenschaftliche Tätigkeit zu würdigen. Dies wäre bei der Fülle der Ideen* dieses wahrhaft genialen Menschen in einem kurzen Aufsatze gar nicht erschöpfend möglich, es soll hier nur versucht werden, über den Menschen Ehrlich einiges zu berichten, trotzdem es sehr schwer ist, die Persönlichkeit Ehrlichszu schildern: Wer ihn gekannt hat, wird ihn nie vergessen, und dem, der ihn nicht gekannt hat, kann auch die ausführlichste Schilderung kein> klares Bild dieses außergewöhnlichen Menschen geben. Ehrlich war ungewöhnlich klug und — naiv, so paradox dies auch klingen mag; eine Eigenschaft verbarg oft die andere. Er war ein* wahrhaft guter Mensch, zeigte dies durch reiche Wohltätigkeit im; Stillen, bewies es stets seiner Familie und seinen Freunden und oft auch seinen. — Neidern und Feinden, die ihm — wie jedemr der Erfolg hat und im öffentlichen Leben steht — gegenübertraten. Er war ein guter Jude, bewies dies nicht durch Aeußerlichkeiten, sondern durch sein stetes Eintreten für seinen Glauben und seine Glaubensgenossen, trotzdem ihm lange Zeit das Vorwärtskommen hierdurch erschwert war. Immer und immer wieder hat er bedauert, daft sein Vetter Karl Weigert, dessen wissenschaftliche Fähigkeiten und Leistungen er besonders hoch schätzte, seines Glaubens wegen zurückgesetzt wurde. Noch bis zuletzt interessierte er sich für den Plan der Gründung einer Universität in Jerusalem. Ehrlich war treu; treu seinem Glauben und! treu seinem Vaterlande. Er war ein guter Deutscher und hat noch in der letzten Zeit seines Lebens nach Kriegsausbruch seine vielfachen Verbindungen im Auslande dazu benutzt, um wieder und immer wieder — besonders in Amerika und bei den Amerikanern — für unsere gerechte Sache einzutreten.