Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Die Juden in Russland
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 687 - 688 (sequence 2)
- Language
- German
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6S7 Die Juden in Rußland. 6S8 politischen Gesichtspunkt aus eine weit größere Bewegungsfreiheit, die Bürger können ihren Sympathien und ihren Abneigungen freien Lauf lassen; nur die Juden haben keinerlei Vorteil davon. Sehr charakteristisch ist die Haltung der Oktobristen in der Judenfrage, obgleich ihre Anführer insgesamt zur geistigen "Elite gehören. In ihren Programmen sprechen sie sich nicht gegen die Gleichstellung der Juden aus; aber in Wirklichkeit vermeidet ein Teil von ihnen jede Gelegenheit, die diese Gleichstellung fördern könnte, und andere befürworten offen die Maßregeln, die ihre Einführung bekämpfen. Unter diesen Umständen braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß die Duma in ihrer Geheimsitzung vom 7. Mai, in der das Kontingent des Heeres festgesetzt werden sollte, eine Majorität zur Unterstützung eines von der Rechten ausgebenden Wunsches gefunden hat. Die Rechte verlangt nämlich vom Kriegsminister die Vorlage eines Gesetzentwurfs, der die Juden vom Militärdienst ausschließt. Eine solche Maßregel würde in hohen Militärkreisen ohne Zweifel mit großer Freude aufgenommen werden, besonders weil die orthodoxe Bevölkerung reichlich den Bedarf für die Rekrutierung deckt. Wenn die Regierung noch einige Bedenken gegen die Aufnahme dieses Vorschlags hat, so liegt der Grund dafür in der Befürchtung vor dem großen Rückschlag auf den Finanzmarkt. Wird diese Furcht aber stark genug sein, um den Kampf gegen die jüdische Bevölkerung zu verhindern? Das ist nicht wahrscheinlich. Sollten indessen die Wünsche der Rechten wirklich befriedigt und die Juden aus der Armee ausgeschlossen werden, so würde damit für lange Zeit ein un'übersteiglicher Wall vor die Gleichheitsträume der Israeliten aufgerichtet sein/' Die Verwaltungsbehörden können sich bei dem von oben kommenden Beispiel in der Weiterführung ihrer gegen die Juden geübten Politik der gehässigen Quälereien nur ermutigt fühlen. Eine Statistik über die täglich verfügten Ausweisungen, die hier und da gegen die Juden angewendeten Verbote auf wirtschaftlichem Gebiet, die „Auslegungen", die irgendein böswilliger Beamter dem Buchstaben der Verordnungen gibt, würde interessante Zusammenstellungen ergeben. Wir geben hier ein besonders erhebendes Beispiel wieder, das die „Russische Correspondenz" in ihrer Nummer vom 30. Mai veröffentlicht: „Das einzige Tätigkeitsprogramm der russischen Behörden besteht in der Verfolgung der Juden, und man muß ihnen billigerweise zugestehen, daßsie eine bewundernswerte Kunstfertigkeit in der Auslegung der Gesetze entfalten. Der Gouverneur von Kursk, namens Muratow, ist in folgender Weise vorgegangen. Ein jüdischer Kaufmann erster Gilde aus Kursk war kürzlich in Geschäften in eine kleine Stadt des Gouvernements gekommen. Als Mitglied der ersten Gilde ha,t er das Recht, überall im Lande zu wohnen, er konnte deshalb nicht daran denken, daß ihm auf seiner Reise irgendwelche Schwierigkeiten gemacht werden können. Trotzdem hat er aus übergroßer Vorsicht außer seinem Paß noch alle seine Legitimationspapiere zu sich gesteckt, darunter die Bescheinigung als Kaufmann erster Gilde. Auf der Reise machte er einmal Station, um Geschäfte zu erledigen. Er wurde sofort von einem Polizeibeamten angehalten und zeigte ihm in aller Gemächlichkeit seine Papiere. Einige Stunden später erhielt er zu seinem großen Erstaunen den Befehl, das Städtchen zu verlassen und ohne Verzug nach Kursk zurückzukehren. Er ging zum Polizeibureau, um dort den vermeintlichen Irrtum aufzuklären, erfuhr aber, daß gar kein Irrtum vorliege und daß dem Befehl Folge zu leisten sei. Der Gouverneur Muratow hatte tatsächlich allen ihm unterstehenden Beamten vorgeschrieben, von allen durchreisenden Juden „Abschriften" ihrer Bescheinigung als Kaufleute zu verlangen. Der betreffende Kaufmann hatte aber keine Kopien, sondern die Originale seiner Legitimationspapiere bei sich. Es half kein Zureden; über die Vorschrift durfte nicht diskutiert werden, denn sie war von unbestreitbarer Klarheit. Alle Einwände waren vergebens, selbst der Vorschlag des Kaufmanns, seine Papiere sofort an Ort und Stelle nach den Originalen kopieren zu lassen, wurde zurückgewiesen, und mit dem nächsten Zuge mußte er die Heimreise antreten." Mit derselben Strenge, die bei dem Gesetz über das Aufenthaltsrecht angewendet wird, verfährt man gegen die jüdische Schuljugend. Immer neue Rundschreiben setzen unaufhörlich die Ziffer der jüdischen jungen Leute herunter, die in die verschiedenen Lehranstalten aufgenommen werden dürfen. Noch kürzlich hat das Musikkonservatorium in Petersburg alle Stipendien für Studierende abgeschafft, weil die meisten Stipendiaten Juden gewesen waren. Die genaue Begrenzung der Zahl der jüdischen Studenten an den Universitäten und höheren Schulen wird so streng gehandhabt, daß schon jetzt angekündigt wird, zu Beginn des nächsten Schuljahres könnte an mehreren Universitäten und technischen Lehranstalten, besonders in Petersburg und Moskau, kein einziger jüdischer Student mehr Aufnahme finden. Die Universitätsjugend hat den Mut schon in so hohem Grade verloren, daß eine beträchtliche Anzahl jüdischer Studenten den einzigen Rettungsweg in der Taufe gesehen hat. Eine neueste Verordnung hatte die Verzweiflung der wissensdurstigen Jugend noch erhöht. Früher wurden innerhalb der Grenze der zuzulassenden Studierenden die jungen Leute mit den besten Zeugnissen ausgewählt, die an den vorbereitenden Anstalten Medaillen und Diplome erhalten hatten; heute sollen sie durch das Los bestimmt werden. Die Folge dieser Maßregeln ist die gegen früher noch vermehrte Auswanderung der jungen Leute nach ausländischen Universitäten, die ihrerseits schon an manchen Orten gegen den ihrer Meinung nach zu starken Zuwachs Stellung nehmen und daran denken, nur einen bestimmten Prozentsatz von Ausländern zuzulassen. Das für höhere Schulen eingeführte System soll jetzt auch auf Mittelschulen ausgedehnt werden. Bei den Budgetdebatten in der Duma, die vom 22. April bis zum 13. Mai dauerten, haben verschiedene Abgeordnete, darunter die hervorragenden Kadettenführer Roditschew und Miliukow, der Abgeordnete Maklakoff, die jüdischen Abgeordneten Friedmann und Bomasch in beredten Worten die Lage geschildert, die den Juden in Rußland bereitet worden ist. In der Sitzung vom 24. April hat der Abgeordnete für das Gouvernement Tomsk, Nekrassow, unter anderem folgendes ausgeführt: „Ich habe den Wunsch, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Seite unserer inneren Politik zu lenken, die allein schon die häßlichsten Auswüchse unseres Verwaltungsregimes zeigt und die schlimmsten Formen der Gehässigkeit und Willkür angenommen hat. Ich möchte Ihnen den ganzen schrecklichen Widerspruch gegen die elementarsten Gesetze der