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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 661 - 662

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Von Babel bis Petrograd
Date
1914-09-01
Page
Seite 661 - 662 (sequence 6)
Language
German
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•661 Fabius Schach: Krieg und Kultur. 662 deren Namen unsere Gelehrten auf den verwitterten Ziegelsteinen mühevoll entziffern. Wer aber würde sich um alle diese Nabu-Kudur-Ussur und Rabschakeh und Nabusaradan und Merodach Baladan und Sinaherib und Hammurabi kümmern, hätten sie nicht irgendeine Beziehung zur Bibel und zur Vergangenheit des Volkes Israel? „Es mühen sich die Völker um ein leeres Nichts und die Nationen um einen eitlen Feuerdunst." Das einzige, was sich lohnt auf Erden, ist die Arbeit im Dienste des Geistes, für die Erforschung der Wahrheit, für die Erkenntnis des Ewigen, für die Uebung des Guten, für die Veredlung des Menschen. Nur ein Volk, das diese Güter gehäuft hat, darf hoffen, im Strom der Zeit nicht unterzugehen. Alle irdische Macht und Größe kann nur als Mitel für die Zwecke des Geistes, als Werkzeug im Dienste des ewigen Lebens der Seele Wert behalten. Ein Reich, das den Machtgelüsten um ihretwillen allein fröhnt, das kein anderes Ziel kennt, als die Ausdehnung seines Herrschaftsbereichs auf Kosten anderer, das der Gerechtigkeit, der Güte und der Treue keine Zufluchtstätte gewährt, mag auf der Landkarte noch so viel Raum einnehmen, es hat sich um ein leeres Nichts, um eitlen Feuerdunst gemüht, denn es ist dem Untergange geweiht. KRIEG UND KULTUR. Von Fabius Schach. Der Krieg hat nicht nur in seinen Folgen, in den neu geschaffenen äußeren Konstellationen, eine gewaltige Bedeutung für die Kultur, sondern schon in seinem Wesen. Er wirkt erzieherisch, nicht nur auf die Tapferen im Felde, sondern auf das ganze Volk. Und darin liegt seine große kulturelle und ethische Bedeutung. Er meißelt das Gute und Böse mit wuchtigem Hammerschlage aus den innersten Tiefen unserer Seele heraus und fördert es an die Oberfläche. Er macht das Latente lebendig, das Passive aktiv. Er wühlt alles in uns auf, zwingt uns, Rückschau zu halten, umzulernen und die Wahrheiten von gestern in neuem Lichte zu betrachten. Jeder Krieg schließt mit dem Epigonentum ab und schafft eine neue Epoche. Darin ruht seine Größe. Noch dauert der gegenwärtige Krieg nicht allzulange, und schon zeigen sich seine erziehlichen Wirkungen sehr deutlich, und wir werden uns schon, heute fragen dürfen: Was hat uns dieser Weltsturm an geistigen und ethischen Werten gebracht? Welche Licht- und Schattenseiten sind bis jetzt wahrzunehmen? Der Krieg zeigt sich stets überall da, wo der Prozeß des Verfalles noch nicht zu weit gediehen ist, als die stärkste Hemmung der Degeneration. Weil er wie ein Sturm mit allem Morschen und Kranken aufräumt, und nur das Große, Kräftige bestehen Läßt. Von den westeuropäischen Völkern ist Deutschland zweifellos noch am wenigsten degeneriert. Aber schon zeigten sich auch bei uns die Symptome des physisch und psychisch abwärtsstrebenden Entwicklungsganges. Eine Hyperkultur auf geistigem und eine Verwirrung auf ethischem Gebiete konnte man in den letzten Jahren häufig beobachten. In Kunst und Literatur sahen wir oft die Tendenz der Verweichlichung, im Leben einen unsinnigen Luxus. Schließlich ist mit jeder Kulturhöhe eine gewisse Entartungstendenz verbunden. Jede Verfeinerung schwächt den Kern und zerstört die Naturkraft des ursprünglichen Wesens. Gestehen wir es, auch Deutschland stand bereits dem Punkte nahe, wo die Kultur die Bahn der Natur verläßt und zur Krankheit wird. Der gewaltige Weltenbrand von heute erweist sich hier als heilsame Kraft, er schaltet die ungesunden Elemente aus und führt uns neue, frische Kräfte zu. Aber — er vernichtet diabci auch große Kulturwerte und räumt mit dem Ungesunden auch viel Gesundes weg. Wir werden auf gar manchem1 Gebiete von neuem anfangen, den zurückgelegten Weg noch einmal machen müssen. Vielleicht mit den alten Fehlern, vielleicht ohne sie, vielleicht werden wir auch neue Wege wandeln müssen. Gewiß mag in vielen Fällen das Aufwärtsstreben an sich, das Ringen um neue Werte von seltenem psychologischen Reize sein. Aber dieser Prozeß erfordert auch einen gewaltigen Verbrauch an Kräften, und mit der Oekonomie der Kräfte muß jede Kulturb ew egung rechn en. Schon heute wird man mit psychologischem Aug-e die Ansätze neuer Bildungen auf verschiedenen Gebieten wahrnehmen können. Das Leben ist durch den Krieg einfacher, ernster geworden, in mancher Beziehung auch großzügiger. Es ist immer etwas Gewaltiges, wenn eine große Kulturgemeinschaft alle ihre Kräfte auf einen Punkt konzentriert, wenn sie gewissermaßen zur Verkörperung eines Gedankens wird. Auf der anderen Seite aber bedingt diese geistige Struktur eine Brachlegung vieler Kulturaufgaben, eine Verarmung auf vielen Gebieten. Vielleicht eine vorübergehende Verarmung, um nachher um so reicher zu werden, aber immerhin eine Verarmung. Uns fehlt in dieser Zeit des Sturmes die innere Harmonie, die Abgeklärtheit, und nur aus ihr fließt eine gesunde Kultur. Wir befinden uns in einem Rausche, in einer vibrierenden Bewegung ohne Ruhepunkte. Wir denken und schreiben im Depeschenstil. Es fehlt die Ruhe, ein gutes Buch zu lesen, geschweige zu schreiben Es fehlt das Interesse für alle Dinge, die nicht direkt mit dem Kriege zusammenhängen. Vielleicht saugen wir heute die gewaltigen Kräfte ein, die später zu einer schöpferischen Epoche führen werden. Heute aber sind wir auf geistigem wie auf künstlerischem Gebiete unproduktiv. Und das ist vielleicht noch nicht das schlimmste. Noch viel schlimmer ist es, wenn sich die Mache für

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