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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 659 - 660

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Von Babel bis Petrograd
Date
1914-09-01
Page
Seite 659 - 660 (sequence 5)
Language
German
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659 A. Benesra: Von Babel bis Petrograd. 660 orientierten Willens, der dumpfe, animalische Instinkt über den erleuchteten Oedanken den Sieg davontragen. Vergebliches Bemühen! Hat nicht Babel vor dritthalbtausend Jahren mehr noch als heutzutage Petrograd den Konzentrationspunkt aller irdischen Macht gebildet? War es nicht die Metropole eines Weltreichs, welches den weitaus größten Teil dessen umspannte, was dazumal die rnenschenbewohnte Erde an Ländern und Städten aufzuweisen hatte? In unersättlicher Gier hatten seine Könige Völker und Staaten sich unterworfen. Immer von neuem wurden ihnen die Grenzen ihres Reiches zu enge, nach fernen Meeren streckten sie ihren Arm aus, kein noch so friedlicher Nachbar war vor ihrer Eroberungssucht und Raublust sicher. ,,Gedachtest du doch in deinem Herzen: ich will in den Himmel steigen und meinen Stuhl über die Sterne Gottes erhöhen . . . Der den Erdboden zur Wüste machte und die Städte darinnen zerbrach, und gab seine Gefangenen nicht frei . . . Die Völker schlug er im Grimm ohne Aufhören, und mit Wüten herrschte er über die Nationen und verfolgte ohne Barmherzigkeit . . ." Trifft diese Charakteristik nicht auf den Zaren von Petrograd zu? Aber Jesajas hat sie auf den Herrscher von Babel gemünzt. Und wie wunderbar hat sich die Weissagung des Propheten bewährt: „Zerbrochen hat Gott das Zepter des Frevlers, die Knute des Bezwingers . . Nun hat alle Welt endlich Ruhe, ist stille und jauchzet fröhlich. Es freuen sich die Tannen hoch oben und die Zedern des Eibanon; da du zur Strecke gebracht bist, kommt niemand herauf, um uns abzuhauen. Dein barbarischer Prunk ist hinunter zur Hölle gefahren, mitsamt dem Tosen deiner verrotteten Scharen. Motten sind deine Decke und Würmer dein Ruhelager. Wie bist du von deinem Thronhimmel gefallen, du flunkernder Irrstern! Wie bist du zur Erde gesunken, du Völkervernichter! . . . Alle Könige der Nationen ruhen in Ehren, ein jeglicher in seinem Grabgew ölbe . . . Du aber wirst nicht wie sie begraben werden, denn du hast dein eigenes Eand verderbt, dein eigenes Volk zu Tode gepeinigt. Des Boshaftigen Samen wird man nimmermehr gedenken . . . Seinen Sprößlingen bereiteten seine eigenen Untertanen ein Blutbad, um ihrer Väter Missetaten zu rächen, daß sie nicht aufkommen und das Eand wieder in Besitz nehmen und die Welt erfüllen mit Zwingburgen . . Und so spricht der Herr der Heerscharen: ich will über sie kommen, und ausrotten ihr Gedächtnis zu Babel, austilgen will ich ihre Neffen und Enkel und Nachkommen. Ich mache ihre Prunkpaläste zum Sitz von Igeln, und zum Wassertümpel ihre Luststätten, ich will sie mit dem Besen der Vertilgung wegfegen . . Assur wird zertrümmert, da er in mein Land eingebrochen ist, ich zertrete ihn auf meinen Bergen, auf denen er sich hingelagert hat. Ich entferne sein Joch von den Söhnen meines Volkes und seine Bürde kommt von ihrem Nacken weg. Das ist der Plan Gottes über alle Lande, seine Hand ist ausgestreckt über alle Völker." Wer hätte es damals gewagt, dem Zaren von Babel und seinem Reich ein solches Ende vorauszusagen? Unbesiegbar stand er da, aus allen Niederlagen war er nur um so mächtiger hervorgegangen, seine Heere waren unerschöpflich, er durfte die Hand nach jeglichem Besitz ausstrecken, die Nebenbuhler bewarben sich um ein Bündnis mit ihm; es genügte ihm nicht, ein Meer zu beherrschen, er streckte die Hand nach dem andern aus. Sein Thron schien für alle Ewigkeit gezimmert . . . „Es mühen sich die Völker um ein leeres Nichts, und die Nationen um eitlen Feuerdunst." Bei zwei Propheten Israels kommt dieser Satz vor, beide waren Zeugen der großen Begebenheiten, die die damalige Welt erschütterten, und er klingt wie eine aus den geschichtlichen Erfahrungen gezogene Lehre, aus langer Ueberlieferung und Beobachtung herauskristallisierte Weisheit. Assur und Babel und Aegypten, alle haben sie sich gemüht, haben die Welt unsicher gemacht, haben Menschenblut in Strömen fließen lassen, haben Länder erobert, Reiche gestürzt, Städte geplündert, Staaten aufgerichtet — und wo sind sie alle hin? Zu Staub und Asche sind sie geworden, sie waren an die zwei Jahrtausende lang ganz aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt, vergessen und verschollen waren sogar ihre Sprachen, nur wüste Trümmerhaufen zeugten schwach und undeutlich von ihrem Dasein auf Erden, hinweggeweht waren die Spuren ihrer Macht und Herrlichkeit, ihre Paläste waren verschüttet, ihre Städte schlummerten tief vergraben unter dem Boden. Ziegen weideten dort, wo ihre Heere vor Jahr tausenden mit ehernem 'Schritt dahinzogen, un sich die Welt zu unterwerfen, Eidechsen nisteten wo ihre Könige und Feldherren wilde Eestgelag; im Siegestaumel feierten. Erst unserer Zeit is es beschieden gewesen, die kümmerlichen Erden reste ihres Daseins aus dem Schutt der Jahrtau sende auszugraben, um sie über das Leben der Völker in jenen dämmerigen Fernen der Zeit zi befragen. Wie blutleere Schatten steigen diese Menschen aus ihren urtümlichen Gräbern hervor, Bauern und Kaufleute und Handwerker und Priester und Krieger und Feldherren und Könige,

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