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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 655 - 656

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Von Babel bis Petrograd
Date
1914-09-01
Page
Seite 655 - 656 (sequence 3)
Language
German
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A. Benesra: Von Babel bis Petrograd. 656 Nacken; er will die Gunst aus der Hand des Feindes nicht, er mag sein Schicksal von dem seiner Volksgenossen nicht'trennen ... Er wird ihr Tröster und Berater in der Not und in den Kümmernissen, und während seine Gestalt im Dunkel der Geschichte verdämmert, taucht allmählich im Feindesland die des Ezechiel auf, der die Gemeinde der Exulanten um sich versammelt, ihren Geist aufrechterhält, und die< glorreiche Wiedergeburt vorbereitet . . . Welche Erinnerungen! Nur noch ein Volk im europäischen Kulturkreis hat annähernd so alte Familienkleinodien aufzuweisen: die Hellenen. Sie waren glücklicher als wir, denn sie durften auf dem angestammten väterlichen Boden bleiben; aber dafür haben sie die Seele umgetauscht. Sie mußten die tiefste Wandlung vollziehen, der der Geist eines Volkes unterworfen werden kann, die alten Götter ihres Olymp waren gestorben, und die Hellenen haben den einst so blutig bekämpften Gott von Judäa bekannt. Diese Transformation des Bewußtseins hat die griechische Geschichte in zwei Hälften gespalten, zwischen denen ein unüberbrückbarer Riß klafft. Wir aber durften in den neuen Abschnitt der Weltgeschichte unsere alte Lehre herüberretten, wie sie von unseren Propheten verkündet und von unseren Weisen ausgestaltet worden ist. Den väterlichen Boden zu verteidigen waren wir ohnmächtig, die ererbte Scholle wurde uns von Feindeshand oft und oft verwüstet, wir mußten in die Fremde ziehen, aber auf dem Boden der väterlichen Lehre sind wir geblieben, wu sind die treuen Erben der Gedanken und der Träume unserer Vorfahren, und ihre Tradition haben wir in ununterbrochener Kettenfolge bewahrt. Mit tiefer Wehmut gedenken wir heute ihrer Kämpfe und Leiden und ihres untergegangenen Reichs, aber unsere Brust schlägt höher in Dankbarkeit gegen Gott, der uns bis auf den heutigen Tag erhalten hat und uns die weitere Entwicklung der Menschheit hat erleben lassen, nicht als müßige Zuschauer, sondern als Tätige, Leidende und Kämpfende, als Zeugen für die ewige Wahrheit und Unvergänglichkeit seiner Lehre. Was haben wir in diesem ungeheuren Zeitraum nicht alles erlebt und gesehen. An unserem Erleben läßt sich ein großer Teil der Weltgeschichte abrollen. Staaten sind entstanden und verschwunden, Weltreiche sind gezimmert und zertrümmert worden, Nationen sind über die Erde gegangen und zerfallen, Sprachen, die einst die Welt beherrschten, sind verklungen, Kulturen sind aufgeblüht und verwelkt, Religionen sind abgestorben und neue haben den Sinn und die Seele der Menschen gefangen genommen, tausendmal hat die Erde ihr Antlitz geändert, der Mittelpunkt der Völkerschicksale hat sich vom Osten nach Westen, vom Süden nach Norden verschoben und wieder verschoben, die menschliche Erkenntnis hat sich unendlich erweitert und vertieft, der Mensch hat sich tausendfach gewandelt in Weisheit und Torheit, in Güte und Bosheit, er hat zum Höchsten sich emporgeschwungen, ist wieder in die Tiefe hinabgesun-;.: ken und immer von neuem in die Höhe ger klommen. All das haben wir mitangesehen und miterlebt und miterlitten un"d;haben es in unseren Annalen verzeichnet, häufig mit dem kostbarslen Blut unseres Herzens. Nur eins ist wahr und ständig geblieben in der Flucht der Erscheinungen: die Lehre, die vor dritthalbtausend Jahren in einem kleinen Winkel Vorderasiens seit mehr als einem halben Jahrtausend ihre Heimstätte gefunden hatte und dort wiederholt verkannt und verdrängt, bekämpft und verdunkelt, verraten und entweiht, von einer kleinen Schar tapferer Männer, einer Welt von Feinden zum Trotz immer wieder in Reinheit verkündet, endlich zum Siege geführt worden ist. Das hat uns Juden allzeit etwas Zuversichtliches, ruhig Hoffnungsvolles gegeben, so oft in einem Weltkrieg die Erde in ihren Grundfesten zu wanken schien. Jeder große Krieg hat von uns Juden noch immer die schwersten und schmerzlichsten Opfer gefordert, jeder hat überdies geistige Güter zerstört, an denen wir emsig mitgearbeitet hatten und die uns besonders teuer waren. Aber zum Pessimismus haben wir uns nicht verleiten lassen, an die Zukunft haben wir nicht verzweifelt. Auch dieser Krieg, der die ganze gesittete Welt in ein einziges Feldlager verwandelt hat, trifft uns Juden so schmerzlich wie vielleicht keine andere Menschengruppe- Daß unzählige unserer Brüder auf dem Schlachtfeld ihr Leben lassen müssen, darüber wollen wir nicht klagen. Aber der Krieg tobt in Gegenden, die am dichtesten von Juden bewohnt sind, alle seine Greuel und Schrecknisse werden ihnen am kräftigsten fühlbar, gegen sie wütet der Feind am heftigsten, und wo er Schonung übt, werden sie davon am wenigsten begünstigt; ihre Wohnstätten werden verheert, ihre Habe vernichtet, sie müssen in der Fremde herumirren, ihr ohnehin nicht allzu großer Wohlstand ist, vielleicht für immer, zerstört. Und wenn man nach dem Kriege hüben und drüben an den Wiederaufbau geht, so werden die Juden zuletzt daran kommen und am stiefmütterlichsten bedacht werden. Viele alte Gemeinden, viele mit großen Opfern und unsäglicher Mühe von mehreren Geschlechtern aufgebaute gemeinnützige Organisationen werden vielleicht auf lange hinaus, vielleicht auf immer veröden.

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