Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Article
- Zur jüdischen Emigrationsfrage
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 515 - 516 (sequence 2)
- Language
- German
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515 Zur jüdischen Emigrationsfrage. 5i6 derer müssen neben der Beobachtung der sanitären Vorschriften auch einen Ausweis darüber beibringen, daß sie sich im Besitze einer Schiffskarte von einer in Deutschland konzessionierten Schiffahrtsgesellschaft, nach dem Bestimmungslande, sowie eines Eisenbahnbilletts bis zum Einschiffungshafen oder genügend baren Geldes befinden, um ihr Reiseziel erreichen zu können. Zu diesem Zweck unterhalten die beiden deutschen Schiffahrtsgesellschaften Hamburg-Amerika-Linie und Norddeutscher Lloyd in den erwähnten Kontrollstationen Agenturen, die gleichzeitig auch für sämtliche, in Deutschland konzessionierten ausländischen Schifffahrtsgesellschaften Schiffskarten verkaufen. Durch die Verquickung von sanitären und polizeilichen Maßnahmen mit geschäftlichen Interessen der Schiffahrtsgesellschaften soll eine Reihe von Unzuträglichkeiten entstanden sein, über die die jüdischen Auswanderer häufig Klage führen. Um diese Mißstände zu beseitigen, sowie in Anbetracht des Umstandes, daß die jüdische Auswanderung gerade in der letzten Zeit zu einem der wichtigsten Faktoren im Leben der russischen Juden geworden ist, haben sich die in Rußland zum Wohl der jüdischen Emigranten tätigen Gesellschaften entschlossen, ihr Arbeitsgebiet auch auf die Durchwanderungsländer auszudehnen und in direkte Beziehungen und Verhandlungen zu den ausländischen Schiffahrtsgesellschaften, Häfen und Einwanderungsbehörden zu treten. Ihr erster erfolgreicher Schritt ist die kürzlich zwischen ihnen und den deutschen Schiffahrtsgesellschaften in Hamburg stattgefundene Konferenz. An dieser Konferenz, die am 5. und 6. Juni im Verwaltungsgebäude der Hamburg-Amerika-Linie getagt hat, haben teilgenommen: Die ,,Gesellschaft für die Regelung der jüdischen Emigration in St. Petersburg" — von der die Initiative zu dieser Konferenz ausgegangen ist —, der ,,Minsker Hilfsverein für jüdische Auswanderer", das,,Informationsbureau für jüdische Auswanderer in Warschau" — die beiden letztgenannten stehen in Verbindung mit der Ica —, die Kiewer und Lodzer Abteilungen der Gesellschaft für die Regelung der jüdischen Emigration; ferner schloß sich der Konferenz die ,,Jüdische Emigrations-Gesellschaft in Kiew" (Ito) an. An den Beratungen beteiligten sich außerdem die Herren Rechtsanwalt Dr. Mandel, Wirkl. Staatsrat Exzellenz Weißblatt, Konsul Gurewitsch und andere in der russischen Judenheit bekannte Persönlichkeiten. Von seiten der deutschen Schiffahrtsgesellschaften waren die Direktoren der Auswanderungsabteilungen der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd, die Herren Adolf Storm und Freiherr von Plettenberg, ihre Stellvertreter, der Referent für jüdische Auswanderungsangelegenheiten beim Norddeutschen Lloyd, Herr Arthur Meyerowitz, Vertreter der Kontrollstationen und alle Beamten, die mit der Abwicklung des russischen Auswanderungsverkehrs beschäftigt sind, zu der Konferenz erschienen. Den Gegenstand der Verhandlungen bildete hauptsächlich die Kontrollstationsfrage, die Behandlung und Abfertigung der jüdischen Passagiere in denselben. Die jüdischen Emigrationsgesellschaften überreichten den Direktoren der deutschen Schiffahrtsgesellschaften ein Memorandum, in dem sie unter Hinweis auf die nach ihrer Ansicht bestehenden Unzuträglichkeiten in den Kontrollstationen, Vorschläge für die notwendigen Reformen unterbreiteten. Seitens der Direktoren der deutschen Schiffahrtsgesellschaften erfolgten hierauf eingehende und ausführliche Aufklärungen über die Entstehung und Verwaltung der Kontrollstationen und deren Registriervorschriften. Durch diese Aufklärungen sind eine Reihe von Mißverständnissen, die durch ungenügende Kenntnis der Verhältnisse und der Sachlage in der Presse gegen die deutschen Schiffahrtsgesellschaften vielfach erhoben wurden, vollkommen beseitigt worden. Den berechtigten Wünschen der jüdischen Emigrationsgesellschaften sind die deutschen Schifffahrtsgesellschaften in bezug auf Reformen in den Kontrollstationen in loyalster und weitgehendster Weise entgegengekommen. So hat die Konferenz, die in ernster, würdiger und harmonischer Weise zur Zufriedenheit aller Teilnehmer verlaufen ist, ein Ergebnis gezeitigt, das im Interesse unserer armen, auswandernden Glaubensgenossen auf das freudigste zu begrüßen ist. Ist schon das Schicksal eines Auswanderers an und für sich bedauernswert, so ist der Weg eines jüdischen Emigranten von Anfang bis zu Ende ein Leidensweg voller Mühe und Sorgen, und wer auch immer zur Erleichterung des Schicksals der jüdischen Auswanderer etwas beiträgt, verdient die vollen Sympathien und die größte Unterstützung aller jüdischen Kreise. Von den Beschlüssen der Konferenz verdient hauptsächlich hervorgehoben zu werden, daß der Gesellschaft für die Regelung der jüdischen Emigration in St. Petersburg oder ihren Vertretern von den deutschen Schiffahrtsgesellschaften das Rechi eingeräumt worden ist, sich persönlich von den Einrichtungen der Kontrollstationen und der Zufriedenheit der jüdischen Auswanderer zu überzeugen. Auch die Besichtigung der Auswandererhallen in den Hafenstädten Bremen und Hamburg sowie der Einrichtungen ihrer Dampfer soll inner ermöglicht werden. Den jüdischen Passagieren soll von jetzt ab nach erfolgter sanitärer Untersuchung und Re gistrierung, die größtmöglichste Freizügigkeit ge währt werden. In bezug auf Verkauf von Schiffskarten, Geld Wechsel, Aufenthalt der Auswanderer in den Kon trollstationsräumen, Gelegenheit zur Verrichtuni von Gebeten und Beförderung in der Eisenbahi von den Kontrollstationen nach den Häfen usw sind eine Reihe von wichtigen Reformen beschlossei worden, gemäß den Wünschen der jüdischen Ge Seilschaften. Ferner sollen freie Aussprachen mit den jü dischen Organisationen häufiger stattfinden, dami bestehende Mißverständnisse in freundschaftlicher Weise beseitigt werden können. Das Resultat der Hamburger Konferenz ist vor; der jüdischen öffentlichen Meinung, besonders in