Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Article
- David Frischmann
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 507 - 508 (sequence 2)
- Language
- German
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507 David Frisch mann. Kampf. Er war ungewöhnlich keck, ganz ohne Scheu und Respekt zauste er sogar die ältesten und angesehensten Literaturgötzen beim Bart Der junge Springinsfeld, der so selbstbewußt auftrat, so ungescheut die Lächerlichkeiten gefeierter Größen ans Licht zog, Geschmacklosigkeiten und Ungereimtheiten so herzlos und unerbittlich bloßlegte, ward bald eine gefürchtete Macht, und auch ein starker Haß von Seiten mancher verletzten Eitelkeiten fing an, sich an seine Fersen zu heften. Aber man konnte ihm! für die Dauer nicht böse sein, denn bald gewahrte man, daß der unbequeme Mahner und Kritiker nur allzu sehr recht hatte; dazu kam, daß er so prachtvoll schrieb und daß er die Lacher stets auf seine Seite zu bringen wußte. Die Pfeile seines Sarkasmus sausten nach rechts und links, hoch hinauf und tief hinab, manchmal schössen sie wohl über das Ziel hinaus, zuweilen trafen sie Eintagsfliegen, die ohnehin nur zu bald das Zeitliche gesegnet hätten, und Frischmann selber wird nachträglich oftmals wohl über das kümmerliche Wild gelacht haben, welches seine Geschosse erlegt hatten, und das das Pulver nicht wert gewesen war. Aber er hat stets säubernd und läuternd gewirkt. Er hat erheblich dazu beigetragen, die literarische Atmosphäre von altem Schimmel und dumpfiger Luft zu reinigen. Die ,,Europäisierung" der hebräischen Literatur, die sich im letzten Menschenalter vollzogen hat, die Läuterung und Erhöhung des Geschmackes, die Steigerung der Forderungen, die die Lesler an die Schriftsteller und diese an .sich selber stellen, ist zu einem ansehnlichen Teil mit das Werk Frischmanns. Er hat die Schaffenden sowie die Genießenden erziehen helfen. Es dauerte nicht lange, und durch die Maske des gestrengen kritischen Richters fingen die weichen Züge des Lyrikers an durchzuscheinen. Es entstand eine Reihe schöner, kleiner, feinziselierter Novellen und Skizzen, Stimmungsbilder, leichthingeworfener Studien, die, im Stile und in der Technik des Feuilletons, dahinhuschende Erinnerungen, Gesichte, Träume, Eindrücke festhalten, durchtränkt von einem zarten, oft wehmütigen, bald heiteren Lyrismus, durch eine edle Kunst und Sprache dem flüchtigen Augenblick entrissen und zu dauernden Schöpfungen umgeprägt. Hierher gehört auch eine Anzahl Gedichte, zum Teil von großer Schönheit, Bilder in satten, leuchtenden, oder in zarten, pastellartigen Farben. Frischmann war meines Wissens der erste, der den hohen poetischen Gehalt der lebenden jüdischen Volkssagen und -märchen erkannte und sie dichterisch verwendete. Leider fand er nicht einmal bei sich selber Nachfolge. Mittlerweile kamen sehr ernste und schwere Zeiten. Alte Hoffnungen, Ideale und Träume wurden grausam zerstört, das Leben trat mit harter und bitteren Forderungen an die jüdische Wek heran, die Literatur sah sich vor neue Aufgaber und Kämpfe gestellt. Frischmann, der Publizist hat dem Kritiker und Dichter Frischmann sehi wohl die Stange gehalten. In hebräischer sowie ir, der jüdischen Volkssprache (letzterer bediente ei sich auch als Lyriker schon oft) nahm er zu allen auftauchenden Tagesfragen und Zeitereignissen Stellung, immer von einer höheren Warte aus nicht auf den Zinnen der Partei stehend; er hielt immer weite Ausschau und behandelte die Dingeumfassend, setzte oft seine persönlichen Anschauungen der herrschenden öffentlichen Meinung schroff und rücksichtslos entgegen. Die Ehrlichkeit seiner Ueberzeugung und die Fülle seines Könnens bewirken, daß man stets ihn gern hört, auch wenn man nicht auf ihn hört, auch wenn das große Publikum in seinem Herdentrieb es vorzieht, den lauten Schreiern zu folgen, anstatt dem einsamen Rufer. jene Träger der glanzvollen und uns allen teuren Namen, mit denen der ganz jugendliche Frischmann zum ersten Male die Klinge gekreuzt oder an deren Seite er geschritten, sind längst ins Schattenreich hinabgestiegen. Die Generation, die mit ihm groß geworden ist, hat auf allen Gebieten eine große Anzahl hervorragender Begabungen und einige ganz ungewöhnlich hohe und starke Talente hervorgebracht. Danach wird auch der Außenstehende beurteilen können, welch eine große Kraft dazu gehört, wenn Frischmann seine Stellung trotz allen diesen Wandlungen nicht nui ungeschmälert behalten, sondern sie nur noch befestigen, seinen Einfluß nur noch vertiefen und erweitern konnte. Und welch eine moralische Kraf und Selbständigkeit gehört dazu, in unserer Zei der widersprechenden Schlagworte und der streiten den Richtungen als Publizist unabhängig dazu stehen, keiner Partei tributär, keiner Clique ange hörend, sondern der eigenen Kraft vertrauend, dei selbstgewählten Weg dahinzuwandeln, allen unge schminkt die Wahrheit zu sagen, von allen respek tiert und von allen geliebt. Dabei ist Frischmani kein „Abgeklärter", sondern in ihm gärt es ständig, und man hat das sichere Gefühl, daß man nocl lange nicht fertig ist mit ihm. Jubiläen pflegen den Zeitpunkt zu markieren an dem ein Mann des Geistes aus dem Lebensalte der Gärung in das der Abgeklärtheit übergeht Es war diesmal ein falsches Jubiläum, und wi hoffen, daß das wahre noch sehr lange auf siel wird warten lassen. Bar-Hebräus.