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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 583 - 584

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Bei den jüdischen Bauern in Südamerika
Date
1914-08-01
Page
Seite 583 - 584 (sequence 2)
Language
German
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583 Arturo B:ib: Bei i!cn jüdischen Bauern in Südamerika. 584 seiner individuellen Voreingenommenheit, daß der jüdische Handelsgeist trotz vorteilhafter Bedingungen die Kolonien nicht zur Entwicklung kommen läßt, oder daß der schwerfällige, unpraktische Verwaltungsapparat der J. C. A. ein Hemmschuh für das Gedeihen der Bauern ist. Sind die Nachrichten günstig, wie z. B. die des französischen Schriftstellers Jules Huret in seinem Werke über Argentinien, so sagt vielleicht ein Schlaukopf: Kunststück! Bei den großen Erleichterungen, welche die Kolonisationsgesellschaft ihren Leuten zuteil werden läßt, kann jeder schlechte Schuster ein guter Farmer werden. Das sind Treibhauskolonisten! Zieht einmal das schützende Glasdach fort, und ihr werdet sehen, wie der rauhe Pampaswind diese künstlichen Gebilde zerzaust!" Ich will hier nicht das Für und Wider dieser Anschauungen abwägen, sondern auf die in Europa wenig bekannte Tatsache aufmerksam machen, daß es in Argentinien außerhalb der Kolonien der J.C. A.; zahlreiche jüdische Bauern gibt, die nicht in geschlossenem Gebiet, sondern mit Berufsgenossen anderer Abkunft gemischt wohnen. Sie bilden jedoch in einigen Gegenden der südlichen Pampasebene einen so bedeutenden Prozentsatz der Farmer, daß sie das Gesamtbild der ganzen Gegend charakteristisch beeinflussen. In allen diesen Orten sind sie nicht Nachläufer, sondern die ersten Ansiedler gewesen, und erst später sind deutschrussische, italienische, spanische oder französische Kolonisten hinzugekommen. Eines dieser Kolonisationszentren, das ich gut kenne, will ich mit kurzen Worten schildern. Da alle älteren Häfen Argentiniens, wie Buenos Aires, San Nicolas, Rosario usw., in der Mitte des Landes an den für Ozeanschiffe befahrbaren Strömen La Plata und Parana liegen, waren die Transportkosten der im Süden erzeugten Wolle, Häute, Getreide so bedeutend, daß der Transport nicht zu einer gedeihlichen Entwicklung kommen konnte. Die argentinische Regierung hatte nun bereits in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an der Südküste ein Indianerfort namens Bahia Bianca angelegt und begann in den achtziger Jahren, nach endgültiger Vertreibung der Urbewohner, dasselbe zu einem Hafen auszubauen. So hat sich in wenigen Jahrzehnten eine Handelsstadt von 70 000 Einwohnern gebildet, die in guten Jahren bis zu einer Million Tonnen Getreide und große Quantitäten Wolle, Häute usw. aus- sowie Gebrauchsartikel aller Art, landwirtschaftliche Maschinen, Stoffe usw. einführt. Ein überwiegend von englischen Gesellschaften erbautes Eisenbahnnetz verbindet die Stadt mit dem Innern. Die nähere Umgebung von Bahia Bianca ist aber eine trostlose Salzwüste, an die sich nicht viel bessere, mit spärlichem Graswuchse bedeckte Dünen schließen, die erst allmählich in für Ackerbau und Viehzucht tauglichen Boden übergehen. An der nach dem Rio Negro-Tale führenden Bahn erhielt eine 60 Kilometer von der Küste entfernte Station direkt den Namen „Medanos", zu deutsch: ,,Sanddünen". Es war eine völlig wilde, unbewohnte Gegend, bis sich vor elf Jahren dort einige jüdische Farmer niederließen und einige Parzellen des für wertlos gehaltenen Landes billig ankauften. Da es sich aber bei dieser Gelegenheit herausstellte, daß die Gegend nicht so schlimm war wie ihr Ruf, so stiegen die Landpreise sehr hoch, und als im Jahre 1906 eine größere Anzahl jüdischer Kolonisten nach Medanos übersiedelte, mußten sie einer sich inzwischen gebildeten Kolonisationsgesellschaft bereits 120 Papierpesos, das heißt an 210 Mark, in Raten für den Hektar zahlen. Dieser Preis ist für ein wenig fruchtbares Land in regenarmem Klima trotz der Nähe des Hafens, sehr hoch. Es ist diese Preistreiberei aber der Fluch, der auf der ganzen argentinischen Farmerei ruht. Haben einige Bauern erst angefangen, völlig wilde Gegenden urbar zu machen und die Möglichkeit, dort im Kleinbetrieb zu leben und zu arbeiten, gezeigt, so steigern die Großgrundbesitzer und Spekulanten derartig den Preis des Bodens, daß später eintreffende Ackerbauern trotz angestrengten Fleißes schon nicht, mehr Land erwerben können. Sie müssen sich mit der Pachtung begnügen und auch die Mietskontrakte werden mit der Zeit immer härter und schwieriger. Immerhin haben von den fünfzig im Jahre 1906 eingetroffenen Bauern an zwanzig ihr Land ausgezahlt, während die übrigen, welche die Ratenzahlung nicht leisten konnten, es pachten mußten, ebenso wie etwa zweihundert später, meist direkt aus Rußland, zugewanderte Glaubensgenossen. Um die Eisenbahnstation Medanos herum hat sich in den letzten acht Jahren ein freundliches zirka zweitausend Einwohner zählendes Städtchen gebildet. Dasselbe ist seit einiger Zeit Hauptort des Departements Villarino, und der „Intendente" (Bürgermeister und Landrat in einer Person), sowie der Friedensrichter mit ihren Organen haben dort ihren Wohnsitz. Der Ort ist, wie alle Niederlassungen Argentiniens, schachbrettartig angelegt, ziemlich ausgedehnt, so daß noch nicht alle Häuserblocks völlig bebaut sind. Fast am Rande des Ortes liegt die ,,Plaza", d. h. ein mit Pflanzungen gezierter Platz, an welchem mit der Zeit die öffentlichen Gebäude sich erheben sollen. Im Gegensatz zu anderen kleinen Landorten fällt in Medanos auf, daß auch die Mehrzahl der Straßen mit Akazien bepflanzt sind, die bereits anfangen, Schatten zu spenden. Unter den Einwohnern sind fast ein Drittel aus Rußland stammende Israeliten, Kaufleute und Handwerker aller Art, wie Schmiede, Tischler, Klempner, Sattler, Schneider usw. Ueber einem Laden sah ich ein Schild mit folgender Aufschrift: Verduleria y Fruteria LA FLOR DE DIA de Santiago Gutmann. Das heißt auf deutsch: ,,Frucht- und Gemüseverkauf ,Die Blüte des Tages' von Santiago Gutmann". ,,Tagesblüte" ist für eine Obst- und Grünkramhandlung unstreitig eine ebenso poetische wie anlockende Bezeichnung, daß aber der heilige Jago bei dem Besitzer dieses Geschäftes Gevatter gestanden haben soll, scheint mir sehr zweifelhaft.

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