Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Article
- Die jüdische Abteilung auf der Stuttgarter Ausstellung für Gesundheitspflege
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 571 - 572 (sequence 2)
- Language
- German
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571 Binjamin Segel: Kol Nidre. 57? gelungenes Modell des mit allem modernen Komfort aus* gestatteten Ritualbades der städtischen Badeanstalt zu Stuttgart und eine Reihe von Situation^ und Anlage* planen der Mikwaot des Landes. Das Thema Be* schneidung ist durch eine Zusammenstellung alter und neuer Beschneidungsutensilien und einiger graphisch und illustrativ interessanter Mohelbücher gekennzeichnet. Auch einige landschaftlich besonders schön gelegene Friedhöfe, zum Teil in entzückenden Waldfrieden eingebettet, illustrieren den Sinn für diese Art der atmosphärischen Hygiene. Aber nicht genug mit dem, die Hygiene der Juden ist ein großer und fester Komplex einer ganzen Reihe von sanitären Vorschriften, deren historischer Kern und deren lebensgeschichtliche Kraft verankert liegt in den vielen wichtigen gesundheitsfördernden Ver* Ordnungen der fünf Bücher Moses. Diese einmal in ihrer Gesamtheit aufzugreifen, den gemeinschaftlichen, ausge=? sprochenen Zug zur bewußten Hygiene darin aufzu* zeigen und dabei besonders die von Mose planvoll, fast systemartig angelegte Sozialhygiene des wandernden und lagernden Israelitenvolkes als Ganzes in einem über, sichtlichen Bilde vorzuführen, schien eine sehr wichtigt und dankenswerte Aufgabe. Sie wurde in Form einei Tafel gelöst, die für jedes der fünf Bücher die betreffen den Gesetze aufzeichnet. Eine zweite große Tafel stell alle hygienischen Gedanken und Sitten der ganzen Bibel nach Themen und Quellen geordnet zusammen. Endlich sollte noch eine Art Pietätspflicht erfüllt werden. Der größte jüdische Hygieniker, Maimonides, sollte mit seiner, medizinischen Schriften auch einen Ehrenplatz erhalten So zieren die Koje eine Reihe von photographischen Vergrößerungen, welche die arabischen Originalschriften wie auch die klassisch gewordenen hebräischen Original^ Übersetzungen dieser Werke zur Darstellung bringen. Zum Schluß sei auch noch einer Serie von Amateur aufnahmen gedacht, die uns die jüdiscMiygienischen Institute Italiens (Rom, Neapel, Florenz, Livornco veranschaulichen. So möge auch diese Hygiene^Aus- Stellung dem Judentume neue Gönner und Verehrer zuführen! KOL NIDRE.*) Von Binjamin Segel. Nach einigen Wochen wird man es erleben. Am 29. September, abends, überall auf Gottes weiter Erde, wo Juden wohnen, werden sie sich in Tausenden und Tausenden von prächtigen, ragenden Synagogen oder unscheinbaren, engen Bethäusern versammeln, um den Heiligen Tag, den Tag der Versöhnung mit Gott einzuleiten, wie sie es seit vielen, vielen Jahrhunderten, jahraus, jahrein, getan haben. In weiße Gewänder gehüllt, von zahllosen Kerzenlichtern umstrahlt, stehen sie da auf nackten Sohlen, in ihren Gesichtern ist Erregung und Spannung, Wehmut und Bangigkeit und freudige Erwartung zu lesen. Wie viele Male haben sie diesen Abend schon erlebt, aber jedesmal zittern sie ihm von neuem entgegen. Streng und hart, und mild und süß ist er; er tritt an sie als schonungsloser Mahner, und bringt ihnen Versöhnung und Verzeihung; sie kosten an diesem Abend und an dem folgenden Tag die Schrecknisse des Gerichtes und die Wonnen der göttlichen Barmherzigkeit. Soeben erst haben sie beim Eingang einander die Hände geschüttelt, Feinde haben sich ausgesöhnt und einander die Kränkungen und Beleidigungen verziehen, und nun beugen sie die Häupter über die Gebetbücher und murmeln leise, jeder für sich, das ,,Lautere Gebet" : ,, .. und da ich weiß, daß kein Mensch auf Erden gerecht ist, daß er nicht sündige, namentlich gegen seinen Nächsten an Gut oder an Leib, durch Tat oder durch Rede, darum tut das Herz mir weh, denn die Sünden zwischen Mensch und Mensch werden ja am Versöhnungstag nicht vergeben, bis nicht der Sünder seinen Nächsten versöhnt hat1); und darob bricht mein Herz und es erzittern meine Glieder, denn solche Sünden sühnt auch nicht der Tag des Todes, darum geht mein Gebet zu dir, daß du dich mein erbarmst und mir Anmut und Gnade gibst in deinen Augen und in den Augen der Menschen. Ich ver- *) Siehe ..Der Judeneid- CKt und West Heft VIT, Jg. 14.!) Nach Mischnah Joma VIII, 9. zeihe mit vollkommener und absoluter Verzeihung jedem, der mir gegenüber gesündigt hat. an Leib oder an Gut, oder indem er mir Uebles nachsagte, sogar indem er mich verleumdete, ebenso jedem, der mir geschadet hat an Leib oder an Gut, auch allen sonstigen menschlichen Vergehungen, die zwischen einem und seinem Näch sten vorkommen können, ausgenommen Dinge, zu denen mir einer gerichtlich verpflichtet ist1) und außer einem, der sich gegen mich zum Trotz vergangen hat, indem er sagte: ich tu's ihm an, er wird mir schon verzeihen; alles das verzeihe ich mit rückhaltsloser Verzeihung, auf daß. kein Mensch meinethalben von dir bestraft wird. Und gleichwie ich allen Menschen verzeihe, so gib du allen Menschen ein, mir zu verzeihen. . Das raunt, wie das Raunen eines Baches in einer fernen, tiefei Schlucht, gedämpft und verhalten und leider - schaftlich, von Schluchzen und Seufzen unterbrochen; aus der Frauensynagoge droben komrr t herzzerreißendes, rhythmisches Klagen. Die große und unvergleichliche Stimmung des Ve - söhnungstages beschleicht langsam die Versan - melten und nimmt Besitz von ihnen. Jetzt tritt auf einmal tiefe Stille ein. Zw i der Aeltesten steigen die Stufen zur Heiligt i Lade hinan, schieben den weißen, silbergestiel - ten Vorhang beiseite und öffnen die Pforte. Darinnen stehen die Thorahrollen in ihren Mänte - chen mit den Kronen auf den Häuptern, un * senden ein sanftes Leuchten heraus über de, Menge. Und mitten in dem tiefen Schweige i erwacht es und steigt herauf, ganz leise un t schüchtern: ,,Kol Nidre". Halb ist es Gesan; und halb Rezitativ, ein Flehen und Bitten, wie von einer Schar schuldbewußter Kinder, die bäl gend den beleidigten Eltern nahen; bald, wie 1) Wohlgemerkt, ohne diese deutliche Verwahrung hätte er kein Recht mehr, einen Schuldner zu b( - langen 1