Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Article
- Zur jüdischen Sprach- und Volkskunde
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Bar Ami: Zur jüdischen Sprach- und Volkskunde. 568 sprechen, zur Beherzigung empfohlen: „Im jüdisch - teutschen Dialecto sind sehr viel Historien-Bücher gedruckt, welche sowohl wahre als erdichtete Geschichte enthalten, und haben bevorab die letzteren eine sonderbare Anmuth allermaßen dann die Juden zu allen Zeiten in Apologis, Gleichnussen, Rätzeln und lehrreichen Fabeln vor andere Nationen Maister gewesen .... Können also die Sorgen, schwere G-edanken und Traurigkeiten mit nichts besser als denen Jüdischen-Teutschen Büchern vertrieben werden .... die einem so wohl eingehen, daß man deren nit leicht vergessen kann; welches mit anderer Völcker Erzehlungen und Mythologiis nit so beschaffen/' — Die Herren und Damen, die etwas auf „Vornehmheit" halten, mögen gefalligst zur Kenntnis nehmen, daß über den „verächtlichen Jargon" in allen Kultursprachen Europas geschrieben worden ist, sogar in lateinischer Sprache, und zwar — von hervorragenden christlichen Forschern! (Doeh weist gerade diese Arbeit Boruchows zahlreiche Lücken und sogar Flüchtigkeiten auf. Das ist bei einer in so großem Stil, und zwar zum erstenmal unternommenen Bibliographie verständlich und verzeihlich, und es steht zu erwarten, daß die Mängel in den weiteren Bänden vom Verfasser selber gut gemacht werden würden.) In diese Reihe gehört eine sehr gründliche Studie von M. Tschemerynski über die jüdische Phonetik, deren genauere Analyse in einer Fachzeitschrift gegeben werden soll. Ferner eine Arbeit von M. W e i n i g e r über hebräische Laute in der jüdischen Sprache, wo mit vielem Scharfsinn die Wandlungen nachgewiesen werden, welche die Aussprache des Hebräischen im Munde der Juden erfahren hat. Ich glaube, die Orientalisten werden an diesem Artikel nicht achtlos vorübergehen können und gezwungen sein, sieh mit den im „verächtlichen Jargon" vorgetragenen Anschauungen dieses ausgezeichneten, auf der Höhe europäischer "Wissenschaft und Methode stehenden Gelehrten bekannt zu machen. In das Gebiet der Kulturgeschichte gehören zwei Arbeiten von B. Hubstein und dem hervorragenden Historiker Simon Dubnow über die Umgangssprache der osteuropäischen Juden in der Periode bis zum 16. und 17. Jahrhundert. Diese Frage wurde seinerzeit von Harkawy angeregt; seine Beantwortung erfuhr Widerspruch, und aucli die vorliegenden sehr gründlichen Arbeiten bieten keine befriedigende Lösung. Von sehr hohem literarischen und psychologischen Verständnis und glänzender Gabe der eleganten Darstellung zeugt der Artikel von S. Niger: „Die jüdische Literatur unid die Leserin''. Dieses Thema wird hier wohl überhaupt zum erstenmal in der jüdischen Literatur behandelt. Es wird hier eine feinsinnige und sehr gründliche Psychologie der Jüdin geboten, ihre geistige, kulturelle und national ökonomische Rolle wird eingehend behandelt. Die Thechinn o t h - Literatur, die meist von Frauen für Frauen verfaßten Gebete und Uebersetzungen, oder besser Paraphrasen der überlieferten Gebete, sowie die Erbauungs- und Postillenliteratur wird einer feinen historischen und psychologischen Analyse unterzogen. Niger gelangt zu dem Resultat, daß die Frauengebete sich von den Männergebeten durch größere Subjektivität unterscheiden. Während die ersteren mehr „Bekenntnisgebet' ' (Thephillah) sind, sind die letzteren mehr „Thechinnah" (Bittgebet), daher auch ihr Kollektivname; die Männergebete richten sich mehr auf die großen Ziele der Menschheit, während die Frauen vorwiegend „den Mann und die Kinderchen" sowie die Eltern und Verwandten im Auge haben. Die Männergebete sind vorwiegend episch (vielfach auch didaktisch), während in den Frauengebeten das lyrische und elegische Element vorherrscht und dem Ganzen die Färbung und den Ton gibt. Die Frauengebete sind alle auf den Mollton gestimmt. Die meisten für die Frauen übersetzten hebräischen Gebete sind in diesem Sinne auch bearbeitet und erweitert. Es wäre zu wünschen, daß S. Niger diese Studien fortsetze und die Frauengebetliteratur vom kulturhistorischen Gesichtspunkte untersuche. Man dürfte wohl von ihm ein Seitenstück zu Zunzens Synagogaler Poesie erwarten. Ein Artikel von Dr. A. I. K ap el schildert in anmutiger und interessanter Weise den Lebensgang des Dr. Salomon Ettinger (1800 bis 1855), eines der ersten modernen Schriftsteller in jüdischer Sprache. Die „Jugenderinnerungen" von J. D ine söhn sind so schön geschrieben und bieten eine solche Fülle von kulturhistorischen und folkloristischen Details, daß man sie ohne weiteres zu den besten Hervorbringungen der jüdischen Literatur zählen darf. Es wäre nur zu wünschen, daß andere Schriftsteller dem Beispie] Dinesohns folgen und jene Zeit der Kämpfe und des Ueberganges, bevor sie aus der Erinnerung der Lebenden verschwindet, in Bildern festhalten wollten. — In einer Reihe ausführlicher Artikel wird der aktuelle Stand der jüdischen Presse und Literatur sowie des Theaters in Europa und Amerika kritisch und statistisch behandelt. — Ein Artikel vonA. J. Paperno ist Abraham Goldfaden, dem 1908 verstorbenen Schöpfer des jüdischen Theaters, gewidmet. — Aus der. reichhaltigen Rezensionen sei nur die von Baal - D i m j o n über die ursprünglich französisch geschriebene ,,Geschichte der jüdisch-deutschen Lite ratur" von Dr. M. Pines hervorgehoben. Dir ausführliche, ins einzelne gehende Kritik ist für das besprochene Buch vernichtend, aber gerecht, und unparteiisch. Alles in allem zeugt „Der Pinkos" von einem sehr ernsten Streben und von einem hohen Können der Mitarbeiter und Herausgeber. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das Buch, das sich an ein so hochkultiviertes, für ernste wissenschaftliche und Kulturfragen interessiertes Publikum wendet, trotz des hohen Preises in wenigen Monaten eine Reihe von Auflagen erlebt hat.