Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Article
- Zur jüdischen Sprach- und Volkskunde
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 565 - 566 (sequence 1)
- Language
- German
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565 Bar Ami: Zur jüdischen Sprach- und Volkskunde. 566 ZUR JÜDISCHEN SPRAC Von Ba I. Ein Rabbi machte einmal eine Reise zu Schiff iber das Schwarze Meer. Ein Sturm erhob sich, cegen den das Schiff schwer zu kämpfen hatte. Da rat der Rabbi auf das Verdeck und hub an,;um Meere zu reden: „Schwarzes Meer, ich warne ich, sei stille! Wenn dein Sturm sich nicht uf der Stelle legt, hole ich aus meiner Reiseasche ein paar Bücher hervor und beweise dir anz unwiderleglich, daß du überhaupt gar kein leer bist!" Ich weiß nicht, ob das Schwarze Meer sich : iese Mahnung des weisen Rabbi zu Herzen xahm, aber oft und soft mußte ich an diese Anekote denken, wenn ich den „Kampf* bemerkte, :len so mancher kluge Mann gegen den jüdischen ..Jargon" anstrengte, sobald dieser aus irgendeinem Grunde unbequem empfunden wurde. Hatte man alle Argumente gegen den dreisten Gesellen i rschöpf t, so dachte man, ein paar Bücher herorzuholen, in denen schwarz auf weiß geschrie-!>en stand, er sei überhaupt keine Sprache. Man übersah dabei nur die Kleinigkeit, daß er einem 'olke voii 8 bis 9 Millionen Menschen, die eingestandenermaßen nicht zu den dümmsten und beschränktesten gehören, als mündliches und schriftliches Ausdrucks- und V erständigungs- - littel seit Jahrhunderten diente. Und während ie weisen Männer in alten Büchern herumkrami-'ii, um nachzuweisen, daß der „Jargon" überhaupt kein Recht habe, sich eine Sprache zu : (innen, erzeugte er unbekümmert immer bessere; nd wertvollere Bücher. Von einigen solchen -üchern will ich hier Mitteilung machen, denn) ie verdienen, einem weiteren Publikum bekannt :u werden. Da kommt in erster Reihe „Der Pinkos", ahrbuch für Geschichte der jüdischen Literaur und Sprache, für Folklore, Kritik und Bibliographie. Erster Jahrgang. Redigiert von S. siger.1) „Pinkos" (vom griechischen mva? '•st aus der rabbinischen Sprache in den Mund ies Volkes übergegangen. Ehemals bezeichnete las Wort vornehmlich die Gemeindechronik, in ie alle wichtigsten Vorkommnisse des jüdischen -ebens, insofern sie öffentliches Interesse beißen, eingetragen wurden. Der vorliegende 'inkos ahmt In der äußeren Erscheinung mit .'oßem Geschmack die altfränkischen Pinkosse ach. Inhaltlich ist er ein modernes Buch, in elchem Männer von sehr hoher europäischer 'ildung und gründlicher wissenschaftlicher chulung über die Prägen, die das Titelblatt *ennt, sioh verbreiten. Gleich am Eingang findet 'üan eine gediegene größere Arbeit von Ber Bo- Buchow, einem vorzüglichen Linguisten und Literaturhistoriker, über die „Aufgaben der jüdischen! Philologie", der sich eingehend mit. dem J>au und der Phonetik des Jüdischen befaßt. x) Wilna. Verlag von B. A. Klezkin 1913. H- UND VOLKSKUNDE. •Ami. „Große Schwierigkeiten erwachsen den jüdischen Philologen aus dem Umstand, daß das Jüdische eine Mischsprache ist. Eine reine Sprache gibt es heute überhaupt nicht mehr in der Wielt. Das Hebräische hat viele aramäische, griechische, persische (wohl auch arabische und spärliche indische) Elemente aufgenommen. Brussisch besteht aus zahllosen türkischen und finnischen (auch persischen, griechischen und germanischen) Wörtern. Aber es gibt Sprachen, deren bunte Herkunft förmlich in die Augen springt. So besteht das Englische aus keltischen, germanischen und romanischen Elementen.....Manch schöne, klangvolle und herrschende Sprache weist ihren gemischten, Charakter noch schärfer auf, aber keinem ist es eingefallen, sie deshalb einen „schmutzigen Jargon" zu nennen. Das Jüdische besteht überwiegend aus germanischen Wörtern, seine Formen sind fast durchweg germanisch. Außerdem weist es sehr viele semitische (hebräisch-aramäische) Wörter und Formen auf. Besonders semitisch ist der Satzbau und der Stil. Zum Teil hat das Jüdische auch slawische, rumänische, ungarische Wörter und Formen aufgenommen, in letzter Zeit in Amerika auch englische. Schließlich finden wir im Jüdischen eine kleine, aber um so interessantere Gruppe von romanischen (altfranzösischen, italienischen und portugiesischen) Elementen; ehemals waren diese Elemente im Jüdischen viel zahlreicher vertreten, wie dies ältere Schriftwerke bezeugen." (Das sind Survivals der Sprachen, die ehemals im Munde unserer Vorfahren lebten.) Boruchow sucht nmi in allgemeinen Linien die sprachpsychologischeii, phonetischen und kulturhistorischen Gesetze zu zeichnen, nach denen das Jüdische aus diesen verschiedenen Elementen zu einer organischen Einheit zusammenschmolz und sich bis auf den heutigen, Tag entwickelte. Der Verf asser hat eine eigene Orthographie eingeführt, die sich streng den phonetischen Regeln anschmiegt; obgleich sie im Lesen fast gar nicht stört, weicht diese Orthographie doch von! der üblichen so sehr ab, daß sie kaum Aussicht hat, weitere Ausbreitung zu finden. — Von B. Boruchow enthält der Band eine weitere, sehr merkwürdige Arbeit: „Die Bibliothek des jüdischen Philologen". Es ist dies eine mit bewundernswürdiger Akribie und größter Sachkenntnis ausgearbeitete Bibliographie der Schriften über die jüdische Sprache seit vie r Jahrhunderten. Nicht ein leeres Verzeichnis von Büchertiteln, sondern eine sorgfältige Charakteristik der Verfasser und deren Werke vom historischen und kritischen Standpunkt. In vielen Fällen bietet Boruchow interessante Mitteilungen aus den älteren und unbekannten Büchern. Es sei hier aus einem Buch von Wagenseil (1703) folgender Passus abgedruckt und allen Verächtern des „Jargons" sowie allen, die den Juden die schöpferische und poetische Fähigkeit ab-