Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913 - 1914
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 447 - 448 (sequence 1)
- Language
- German
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447 448 ^muiuwzHr/^ rna n? D^riy [öureau des Central Comites:ParisA5,RuelaBruyer< des Central-Comifes der M AllianceJsraeleUniverselle bmiy b'D Deutsches Bureau. Charlotrenburg, Grolman Str. 48. DIE SCHULEN DER ALLIANCE IN DEN JAHREN 1913 (Aus den Jahresberichten der Schulleiter.) (Fortsetzung aus Heft V, 1914.) 1914. Jerusalem. Die Knaben-Elementarschule in Jerusalem hat in Herrn Nissim Farhi einen neuen Direktor erhalten. Einige Monate nach seinem Amtsantritt hat er dem Zentralkomitee einen Bericht zugehen lassen, dem wir folgende Auszüge entnehmen: Unsere Schule bietet unschätzbare Vorteile. Schon der bloße Anblick des Schulhauses macht den Eindruck der Kraft und Würde. Es liegt im höchsten und gesündesten Teil der Stadt, enthält hohe, geräumige, gut erleuchtete und gelüftete, prächtig eingerichtete und verzierte Säle und wird von einem dreifachen Hof eingerahmt, dessen reichlich angepflanzte Eukalyptus- und Akazienbäume die Luft reinigen und würzen. Das Gebäude, das von weitem einer kleinen Festung gleicht, wird an einer Seite von dem Garten der Handwerkerschule und an der anderen von einem weiten, unabsehbaren Feld begrenzt. Es besteht aus einem Erdgeschoß und zwei Etagen, in denen unsere Knaben- und Mädchenschulen untergebracht sind. Im Winter haben wir öfter unter der Feuchtigkeit der Westseite zu leiden, sonst aber ist es eine große Freude, in Klassenzimmern zu arbeiten, in denen Schüler und Lehrer sich wohl fühlen und alle nur wünschenswerte Bequemlichkeit genießen. Ich weiß nicht, ob das verflossene Jahr besonders günstig gewesen ist, aber wir haben weder von der Kälte noch von der Sommerhitze gelitten, haben niemals zu feiern oder auch nur einen einzigen 'Julinachmittag die Schule zu schließen brauchen. fWir haben unsere Arbeit getan und wurden dabei von verhältnismäßig frischer Luft und — das macht den Hauptreiz dieser Stellung aus — von dem beständigen Lerneifer und Fleiß der Schüler begünstigt. Das Leben der jüdischen Schuljugend besteht aus Rennen zum Unterricht, aus unersättlicher Wissensgier und steter Beschäftigung\mit den Schularbeiten. Das Vorhandensein verschiedener Schulen begünstigt diese Jagd nach Kenntnissen und die große Liebe zum Unterricht ist ein sicheres Pfand für das Vorwärtskommen. Die in unserer Schule aufgenommenen Schüler sind nach Lirsprung und Ritus verschieden. Sie oder ihre Eltern stammen aus der europäischen Türkei, aus Bulgarien, Rußland, Marokko, Tunesien, Aegypten, Syrien, aus dem Yemen, Mesopotamien, Persien und Turkestan. Die Mehrzahl sind Sephardim, ungefähr 30 Aschkenasim, ein Karaite, ein Christ und zehn Mohammedaner. Die meisten sprechen spanisch resp. spaniolisch, einige sprechen arabisch und nur die Aschkenasim jüdisch-deutsch. Es ist sehr bedauerlich, daß wir nur so wenig Aschkenasim in unserer Schule haben, denn sie bedeuten das am meisten fortgeschrittene Element unter den Schülern. Ob der Grund dafür in Fanatismus oder in ider Verschiedenheit der Sitten zu suchen ist, jedenfalls müssen wir leider auf die Klientel dieser Bevölkerung verzichten, die, nach den wenigen Exemplaren, die wir glücklicherweise unter uns haben, sich durch besondere Begabung auszeichnet. Unter den übrigen Schülern haben wir die auffallendsten Gegensätze zu verzeichnen, von der lebhaftesten Intelligenz bis zur vollkommensten Verblödung: die Majorität aber verdient jedes Lob. Allen gemeinsam1 ist die Leidenschaft für das Lernen. Bei heftigstem Wind und starkem Frost, bei strömendem Regen und bei Sonnenglut laufen sie, oft eine halbe oder eine ganze Stunde weit, zu unserem Unterricht. Wenn auch bei den großen Entfernungen ihre Pünktlichkeit noch etwas zu 'wünschen übrig läßt, so ist doch ihr Eifer unermüdlich. Wenn sie einmal die Schule versäumen, so .liegen sie am Fieber darnieder; das „hinter die Schule gehen" kennen sie überhaupt nicht. Ihre überaus große Armut ist in manchen Fällen ebenfalls ein Grund für gelegentliche Schulversäumnisse: manchmal muß ein Schüler einen halben Schultag versäumen, um seine abgenutzten Schuhe zu reparieren,;oder ein anderer muß abwarten, bis seine einzige, vom Regen durchnäßte Hose wieder trocken geworden ist. Wir erkundigen uns nach der Ursache ihres Fehlens oder Zuspätkommens in Briefen an die Eltern, die diese uns mit ihrer Unterschrift zurückschicken [müssen. . . . Die wirtschaftliche Lage der Stadt läßt viel zu wünschen (übrig. Die Geschäfte sind sehr still, die Handelstätigkeit gleich Null. Mit Ausnahme von 400—500 Handwerkern und ein paar Dutzend Kaufleuten rechnet die ganze Bevölkerung auf die von außen (kommenden Hilfsmittel. Nach einer neuerlichen Statistik regnen alljährlich beinahe 4 Mill. Francs über die heilige Stadt; 2V2 Mill. werden als „Chiluk" unter die Armen Verteilt; 628 000 kommen an die Krankenhäuser, 815 000 an die Schulen, Talmud-Thoras und „Jeschiwoth''. Von den oben genannten 21fe Mill. für die „Chalukka" bekommen die Sephardim die aus Aegypten kommenden 6000 Francs ,und die aus Tripolis, Tunesien, Algier und Marokko (kommenden 120 000, zusammen also 126000 francs. Die Differenz von ungefähr 2 380 000 Francs bildet die aschkenasische ,.Chalukka", die hauptsächlich aus Rußland, Galizien und Ungarn geschickt wird.