Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die graphischen Künste
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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419 rungen. Die Erscheinungen in der Kunst zeigen dies deutlich. Die Einheit ist geschwunden und eine Vielheit drängt sich uns auf, in der es selbst dem geübten Auge oft schwer fällt, die Kurve der Entwicklung zu erkennen. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, durch die Vermittlung des Auges uns zu einer in idealem Sinne abgeklärteren und bestimmteren Anschauung der Lebenserscheinungen zu ver* helfen, sie soll veredeln und beglücken, nicht nur durch das Kunstwerk an sich, sondern durch den daraus gezogenen Gewinn an Anschauungs* kraft allen Erscheinungen gegenüber. Wir sollen sehen lernen, sollen den Wohlklang der Linie, die. Harmonie der Farben und den Rhythmus der Verhältnisse empfinden, damit wir den Segen der Kunst hineintragen in das tägliche Leben und es uns somit gehaltvoller und erhebender gestalten. Wir sollen uns mit Kunst umgeben, unsere Räume schmücken. Der flüchtige Besuch einer Galerie oder Ausstellung genügt nicht. Gemälde und|Plastiken aber erfordern meist einen Geld* aufwand, den sich nur wenige zu leisten ver* mögen. Da tritt die Graphik in die Schranken, Adam Herschaft Berlin Berlin: Am Kottbusser Ufer (nach einer Radierung) 420 sie bietet uns das, was wir zur Förderung des Kunstsinnes brauchen: Gute, originale Kunst zu billigen Preisen. Die Vervielfältigung des Origi* nals ermöglicht das Eindringen in weitere Schichten der Menge; ein graphisches Werk, selbst von den bedeutendsten Meistern, wird sich in den meisten Häusern Eingang verschaffen können. Und wenn wir das Blatt unser Eigen nennen, wenn wir es jederzeit zur Hand nehmen und uns darin vertiefen können, so wird es uns gar bald seine wunderbaren Geheimnisse erschließen und uns mehr Freude und Nutzen gewähren, als wenn wir in einer flüchtigen Stunde durch die Säle eines Museums wandern, da uns Hunderte von Gemälden entgegenstürmen, ein jedes eine andere Sprache redend, uns mehr verwirrend als fesselnd. Und hierhin liegt eben die bedeutende Mission der Graphik; sie ist der Pionier, der als bescheidener aber vollgültiger Streiter vor* zudringen berufen ist, um neue Freunde zu werben und der Kunst zum Siege zu verhelfen. In der Stunde, da in Deutschland ein Bild der graphischen Künste in einer gewaltigen Aus* Stellung aufgerollt wird, mögen diese allgemeinen Betrachtungen auch an dieser Stelle einmal aus* gesprochen werden. * * * Zwei bisher wenig bekannte Graphiker seien in Wort und Bild hiermit vorgeführt. Adam Herschaft war uns bislang nur als feinsinniger Farbenkünstler bekannt. Eigenartig verträumte, ziemlich schwermütige Pastelland* Schäften, aus denen eine fast mädchenhafte Me* lodie klang, waren seine Schöpfungen. Die Neigung zur Musik verführte ihn, zu sehr mit melodischen und harmonischen Farbenkompo* sitionen zu laborieren, worin ihn noch ein längerer Aufenthalt auf der träum* und sagen* haft verklärten Insel Capri verleitete. Bei ein* samen Wanderungen durch Berlin aber suchte er nun seine Eindrücke auf der Platte festzu* halten und schuf in kurzer Zeit einen Zyklus von Radierungen, die zu einer eingehenderen Betrachtung einladen. Der junge Künstler hat unruhige Lehr* und Wanderjahre durchgemacht, nirgends ist er längere Zeit seßhaft gewesen, um, geführt durch einen zielbewußten Lehrer, seine Studien zu betreiben. So ergibt sich denn ein wechselvolles Bild der Wege, die er — je nach den ihm entgegentretenden Vorbildern — ein* schlägt. Zuerst ist es Claude Monet, der sein Karl Schwarz: Die graphischen Künste.