Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die graphischen Künste
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 417 - 418 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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417 Karl Schwarz: Die graphischen Künste. 418 •j^^v-v ^'.-Y' . ^^^tSK.' V^ji; V* ■ <»m James Bieberkraut München Kalter Wintertag (nach einer Radierung) da die Erscheinungen der Jahrhunderte vor unseren Augen vorüberziehen, die belehrend und anregend neue Keime hervorbringen werden. Die moderne Kunst hat sich mit besonderem Interesse der Graphik wieder zugewendet. Die letzten Jahrzehnte haben eine neue Blüte erzeugt, und heute marschiert Deutschland wieder an der Spitze, nachdem es für lange Zeit die Führer* schaft an andere Länder abgegeben hatte. Ein neues Leben regt sich in der Schwarz*weiß*Kunst, die größten Meister haben sich ihr zugewandt, und eine eifrig schaffende jüngere Generation sucht die Bahnen der Großen auf, um in ihnen rüstig vorwärts zu schreiten. Was uns aber vor allem von der Blütezeit des beginnenden sechzehnten Jahrhunderts unter* scheidet, liegt weniger auf selten der Künstler, als bei dem Publikum: Wir haben das Sehen verlernt. Der ungetrübte, unbeeinflußte, klare, selbständige Blick ist dem Volk verloren ge* gangen. Der moderne Mensch ist durch zu viel Faktoren modifiziert, er will zu viel wissen und läßt sich gerne durch Halbwissen beeinflussen. Die Erscheinungen drängen in unaufhaltsamer Flut auf ihn ein, die Eindrücke folgen einander zu schnell, um sich vertiefen zu können. Der flimmernde Kino ist der Typus unserer Tage, wie ein ewig rollender Film wickelt sich das Leben vor uns ab, von einem Punkte zum andern hüpfend. Der Mensch ist äußerlicher geworden und dadurch ärmer an Innerlichkeit. Es ist erstaunlich, wenn man die Kunst früherer Jahrhunderte betrachtet, mit welcher Prägnanz und Konsequenz sich der Stil der Zeit in jedem Kunstwerk ausdrückt. Es war ein ruhiges, zielbewußtes Fortschreiten, ein Sich* vertiefen in die bestehenden Anschauungswerte, das, vom schaffenden Künstler ausgehend, sich dem betrachtenden Laien mitteilte und ihn ebenfalls in seiner Gedankenbahn festigte. Unsere Zeit ist die Periode eines wechselseitigen inter* nationalen Ideenaustausches. Der Fortschritt der Technik und Industrie, des Handels und Gewerbes, die leichte Verbindung der Länder hat unseren Blick erweitert, stellt aber an die Urteilsfähigkeit bedeutend größere Anforde*