Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die Judenseele
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 413 - 414 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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413 B. Samuel: Die Judenseele. 414 zeichnend für den Gegensatz zwischen ihm und den anderen Pharisäern ist eine Kontroverse über das Tragen von Waffen am Sabbat. Rabbi Elieser erlaubte es, „weil die Waffen Schmuckgegenstände seien", die man am Sabbat tragen dürfe. „Die Weisen" jedoch, deren Meinung durchdrang und Geltung behielt, sagten, nicht eine Zier sind Waffengeräte, sondern eine Verunzierung, denn es heißt im Jesajas: „Dermaleinst wenn der jMessias kommt, werden die Völker ihre Waffen in Ackergeräte umschmieden, kein Volk wird gegen das andere ein Schwert erheben und sie werden Krieg nicht mehr lernen." — Man sieht, wer den richtigen Geist des Judentums hier repräsentiert. Ein anderes Beispiel: Vor kurzem äußerte sich Prof. J. Schnitzer, der bekannte gemaßregelte Münchener Modernist, es gehöre eine ungewöhnliche Verrohung des Gemüts dazu, wenn Deuterozacharias prophezeie, daß den Völkern, die Jerusalem bekämpft und geknechtet, die Muskeln und die Augen und die Zunge im Munde „vermodern" würden. Da nun das junge Christentum sich als Erbe der prophetischen Weissagungen fühlte und. sie gegen die Heidenwelt richtete, so rechtfertige gic'h dadurch der glühende Haß, mit dem heidnische Machthaber das entstehende Christentum verfolgten. Hier soll also der Prophet Zacharias sozusagen für den Haß, den die werdende Christengemeinde zu tragen hatte, verantwortlich gemacht werden«! Nur vergißt Schnitzer, daß derselbe Zacharias einige Kapitel vorher prophezeit hatte, daß mit der Ankunft des ersehnten Messias Kriegerwagen und Kriegsrosse verschwinden werden, denn er werde der Welt den ewigen Frieden bringen und von Meer zu Meer, bis an den Rand der Erde herrschen. Jenes „Vermodern" der Zungen und Schwinden der Augen ist dagegen nur eine kräftige Redensart, die vergebliches Sehnen und verzagende Ratlosigkeit ausdrückt. Aber das ist eben die Art des Wörterbuchgelehrten. Er versteht keinen Spaß. Wenn Gesenius sagt: „Vermodern", so läßt er dir davon nicht einen Deut nach. Wenn also die Bibel als Erkenntnisquelle für die jüdische Volksnatur so häufig mißverstanden wird, so liegt das allenfalls nicht an der Bibel. Aber dieses Buch war nicht der einzige Faktor bei der Bildung des Judentums. Erst durch die Analyse der zahlreichen Kräfte, die hierbei mitgewirkt haben, kann man einiges Licht auf dieses verwickelte und rätselhafte Gebilde werfen. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß endlich ein Jude, und ein berufener, an die Lösung dieses Problems herangetreten ist.